Milliardenschwerer Finanzbetrug Cum-ex Verschwörung in Nadelstreifen

Der Cum-ex-Skandal hat den Staat Milliarden gekostet und dabei nur für wenig Aufregung gesorgt. Warum? Ein neues Buch erklärt jetzt den wohl größten Finanzbetrug der deutschen Geschichte ebenso verständlich wie unterhaltsam.
Frankfurt am Main: Bankenzentrum – und Mittelpunkt einer gigantischen Verschwörung zulasten des Staates

Frankfurt am Main: Bankenzentrum – und Mittelpunkt einer gigantischen Verschwörung zulasten des Staates

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Was braucht es für eine anständige Crime-Story, die die Leute in ihren Bann zieht? Ein Verbrechen, einen Helden oder eine Heldin, einen Schurken sowie einen unvermeidlichen Höhepunkt, auf den alles zusteuert. Zutaten also, die der Plot, der als Cum-ex-Skandal in die deutsche Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist, reichlich zu bieten hat. Der Raubzug, bei dem Investmentbanker, Anwälte und Feinmechaniker des Steuerwesens den Fiskus plünderten, ist feinster Krimistoff.

Umso erstaunlicher, dass es eine kleine Ewigkeit gedauert hat, bis sich das Drama, das sich jahrelang vor den Augen der Öffentlichkeit zugetragen und die Steuerzahler einen ein-, eher zweistelligen Milliardenbetrag gekostet hat, zu einem Buch verdichtet hat: »Unter den Augen des Staates«, geschrieben vom renommierten Wirtschaftsjournalisten Massimo Bognanni . Es hat – Achtung, Spoiler! – das Zeug dazu, zum Standardwerk über eine der größten Finanzsauereien zu werden, die dieses Land je gesehen hat.

Auf 288 dicht geschriebenen Seiten gelingt es »Unter den Augen des Staates«, den Cum-ex-Skandal ebenso facettenreich wie spannend zusammenzufassen. Einen Skandal, der so komplex ist, wie man es bei kruden Finanzgeschäften erwarten darf, sich aber letztlich auf eine einfache Formel bringen lässt: dass es weder legal noch legitim sein kann, eine einfach gezahlte Steuer mehrfach vom Staat zurückzuverlangen.

Mit einem simplen, wiewohl wirkungsvollen Kniff gelingt es Bognanni, die schwierige Materie verständlich und spannend herunterzubrechen: Der Autor – für kurze Zeit Mitarbeiter des im SPIEGEL-Verlag erscheinenden manager magazin, heute Reporter im Investigativteam des WDR – teilt den Stoff in zwei Erzählstränge. Der eine beleuchtet das Versagen des Staates, dem es trotz unübersehbarer Hinweise zu schwierig oder schlicht egal (oder beides) war, Cum-ex zu stoppen. Was dabei über die Jahre an Bräsigkeit und Faulheit in Behörden und Politik zutage tritt, ist atemberaubend und könnte einen vom Leser zum Wutbürger werden lassen.

Anzeige
Massimo Bognanni

Unter den Augen des Staates. Der größte Steuerraub in der Geschichte der Bundesrepublik

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Seitenzahl: 288
Für 20,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Dieses Staatsversagen bildet den institutionellen Rahmen des Ganovenstücks. Die Beispiele, die Bognanni anführt, um den System-Fuck-up zu belegen, sind haarsträubend, angefangen beim damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel. Der fegte Anfang der Neunzigerjahre äußerst konkrete Hinweise eines Ministerialrats im hessischen Wirtschaftsministerium auf »Dividendenstripping«, gewissermaßen die Urform des Cum-ex, mit dem Argument vom Tisch, der Standort Deutschland müsse vor zu harten Regeln beschützt werden. Nach dem Motto: Das Kapital könnte ja flüchten, wenn es den Staat nicht mehr bescheißen kann.

Arrogant, tölpelhaft, verstrickt

Keine bessere Figur machen seine Amtsnachfolger Wolfgang Schäuble, Peer Steinbrück oder Olaf Scholz. Der eine ist arrogant, der nächste dickhosig-tölpelhaft, der letzte verstrickt in die Machenschaften der Hamburger Cum-ex-Bank Warburg. Und alle zusammen unwillig, sich der Steuerthematik anzunehmen, die den Staat um Milliardeneinnahmen bringt. Wären die Kassenwarte der Nation Unternehmensvorstände, hätte man sie (hoffentlich) wegen Unfähigkeit gefeuert.

Die Empfänglichkeit der Politik für die Einflüsterer der Bankenlobby schildert Bognanni mit vielen Beispielen. Ebenso die Rechtfertigungsrhetorik der Steuerfachleute in den Amtsstuben, die die schmutzige Wäsche meist weiterreichen an andere Verwaltungsorgane, die genauso ahnungs- und/oder tatenlos sind. Der Unwille von Beamten, gesundem Menschenverstand zu folgen, anstatt stur den Umlaufmappen-Alltag zu leben oder gar Verantwortung für Missstände zu übernehmen, ist eklatant und wird konkret beschrieben. Wie auch die mangelnde Bereitschaft der politisch Verantwortlichen, staatliche Ermittler mit genügend Fachpersonal auszustatten, um gegen die Armada hoch bezahlter Anwälte großer Wirtschaftskanzleien anzutreten.

Was direkt zum zweiten Strang des Buches führt, der sich mit der Aufklärung des Skandals und seiner Heldin beschäftigt: der Kölner Staatsanwältin Anne Brorhilker, die in unfassbarer Kärrnerarbeit gegen externe wie interne Widerstände das Cum-ex-Verbrechen gelöst und die Täter vor Gericht gebracht hat. In dem Fall vor das Landgericht Bonn, wo der Showdown der Protagonisten stattfindet und Buchautor Bognanni regelmäßig Bericht erstattender Zuschauer ist.

Der Schurke im Stück heißt Hanno Berger. Brorhilkers Gegenspieler mutierte vom hessischen Finanzbeamten zum Staranwalt, der für Klienten Steuerschlupflöcher nutzte, die in Wahrheit Krater waren.

Ruchloser Schwadroneur

Bognanni schildert Berger, der heute in der Schweiz auf seine Auslieferung wartet, als so durchtrieben und geschäftstüchtig, wie er wohl auch ist. Und als ruchlosen Schwadroneur, der den – anfangs äußerst zarten – Versuch des Staates, sich sein Steuergeld zurückzuholen, mit der Rechtlosigkeit des Naziregimes verglich. Wobei Berger, auch das ist eine traurige Wahrheit des Cum-ex-Desasters, allzu oft Verständnis bei Presseleuten  fand, die den flagranten Rechtsbruch nicht erkennen wollten. Oder gar der zynischen Logik des Steueroptimierers folgten und Kollegen, die die Sache kritisch hinterfragten, von oben herab als leicht hysterisch belächelten.

Wie asozial die Finanzbranche und ihre Satelliten agierten – etwa die Wirtschaftsanwälte mit ihren wohlfeilen Steuergutachten, die den Betrug erst ermöglichten – wird klar, wenn Bognanni schildert, wie im Partnerkreis der Großkanzleien interne Zweifler abgemeiert wurden: »Wenn es für jemanden hier im Raum ein Problem ist, dass wegen unserer Tätigkeit etwa ein Kindergarten nicht gebaut werden kann: Da ist die Tür.« Klar wird durch derartige Überlieferungen auch, dass den Protagonisten von Beginn an sehr bewusst war, was sie da trieben.

»Unter den Augen des Staates« stellt die Cum-ex-Finanzalchemie als das dar, was sie war: organisierte Kriminalität. In kurzen, angenehm lesbaren Kapiteln führt das Buch den Leser durch diese kolossale Verschwörung in Nadelstreifen zulasten der Allgemeinheit. Von Beginn an ergreift der Autor Partei, insbesondere für Staatsanwältin Brorhilker, die anfangs von einem Kollegen als »das Mäuschen« abqualifiziert und von der Finanzbranche unterschätzt wird. Die sich aber mit Zähigkeit in die Materie einarbeitet, schließlich europaweit Razzien koordiniert und zum Gottseibeiuns der Cum-ex-Verbrecher wird.

Olaf Scholz sollte Bognannis Buch lesen

Bognanni ist nahe dran an seiner Heldin. Das sorgt für eine natürliche Schlagseite, ermöglicht aber auch intime Einblicke und eine erzählerische Dichte, die den haarigen Stoff überraschend leicht verdaulich macht. Zu kritisieren wäre, wenn überhaupt, dass der beim WDR beschäftigte Bognanni etwas zu häufig Recherche-Erfolge erwähnt, die der Kölner Sender im Verbund mit Kollegen der »Süddeutschen Zeitung« und des NDR erzielt. Bei so viel Eigenlob geht unter, dass auch die Konkurrenz bisweilen ertragreich nachgeforscht hat.

Letztlich aber, und das ist die große Leistung von »Unter den Augen des Staates«, bringt dieses fulminante Buch dem Leser einen Skandal auf angenehm verdauliche Art näher, der ob seines milliardengroßen Steuerschadens »larger than life« ist und eigentlich viel mehr öffentliches Interesse verdient hätte. Gerade im Bundestagswahlkampf war die Kluft eklatant zwischen dem, was Cum-ex-mäßig nachgehalten wurde, und dem, was an Belanglosigkeiten öffentlich thematisiert wurde.

Olaf Scholz wird sich darüber kaum beklagen. Aber auch er sollte Bognannis Buch lesen, um Kraft seines neuen Amtes dafür zu sorgen, die Behörden wehrhafter zu machen gegen die Feinde des Staates. Die kommen oft genug nicht wie offensichtliche Dunkelmänner daher, richten deswegen aber nicht weniger Schaden an. Sondern eher mehr.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.