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WALL STREET »Da ist Blut im Wasser«

Die Aktienkurse steigen, die Spekulation mit Währungen boomt. Zehn Jahre nach dem Börsencrash wächst weltweit das Unbehagen über das Spiel auf den Finanzmärkten. Ein Insiderreport enthüllt Exzesse der Gier - und einen skurrilen Männlichkeitswahn.
Von Mathias Müller von Blumencron und Thomas Jungbluth
aus DER SPIEGEL 43/1997

Für die Mächtigen an der New Yorker Wall Street hätte es eine gute Woche werden können. Die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften zeichnete ausgerechnet zwei Männer aus, die jene Zauberformel geliefert hatten, auf der ein Großteil ihrer Geschäfte beruht.

Denn die US-Ökonomen Robert C. Merton, 53, und Myron S. Scholes, 56, bekommen dieses Jahr den Nobelpreis. Sie hatten Anfang der siebziger Jahre eine Methode zur Bewertung von Optionen entwickelt.

Danach scheint das Risiko der Vermögensanlage beherrschbar zu sein. In allen größeren Banken wird die Formel heute angewandt. Ein Milliardengeschäft ist dank der neuen Berechnungsmethode in Gang gekommen, dessen Wachstum auch noch nach fast 25 Jahren unbegrenzt scheint. Die Auszeichnung mit dem Nobelpreis empfinden daher viele an der Wall Street als Adelsprädikat für eine mißtrauisch beäugte Branche.

Doch Jubelstimmung wollte nicht aufkommen. Denn nahezu zeitgleich sorgt in den USA ein Enthüllungsbuch für Furore, das die schlimmsten Vermutungen über das Treiben an den Börsen noch übertrifft.

Ein junger Börsenhändler hat unter dem Titel »F.I.A.S.C.O. - Blood in the water on Wall Street« einen Insiderreport verfaßt, der das Wertpapiergeschäft als üble Zockerei beschreibt.

Ex-Banker Frank Partnoy, 30, der bei so renommierten Häusern wie Credit Suisse, First Boston und Morgan Stanley gearbeitet hat, berichtet aus eigenem Erleben, wie die neue Zauberformel eingesetzt wird, um Bankkunden abzuzocken.

Da versuchen Börsenyuppies ihren Kunden »das Gesicht abzureißen«, sie »in die Luft zu jagen« oder mit einer Shotgun »in Stücke zu schießen«. Antreiber des Geschäfts seien gewissenlose Typen, für die nur das Geschäft zähle.

Zum Spaß ließen sie eine zeitlang Sekretärinnen halbnackt durch die Büros rennen oder inszenierten obszöne Shows auf dem Trading-floor. Sie verdienen Millionen und verpulvern das Geld in den Kasinos von Las Vegas, Atlantic City oder bei Prostituierten vom Broadway.

Partnoy beschreibt einen Abgrund von Kasino-Kapitalismus - und bestätigt damit den weitverbreiteten Eindruck, die ganze Weltwirtschaft verwandele sich zusehends in ein gigantisches Wettbüro. Eine Zockerbude, in der skrupellose Geschäftemacher den Ton angeben - unproduktiv, unseriös und unmoralisch.

Der Insiderreport trifft auf ein aufnahmebereites Publikum. Obwohl das Buch erst seit Anfang des Monats verkauft wird, mußte der Verlag zum drittenmal nachdrucken.

Die Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der Finanzmärkte sind durchaus berechtigt. Selbst die Profis des Geldgewerbes sind ins Grübeln gekommen, ob sich das Geschäft mit dem Geld nicht allzuweit von der ökonomischen Realität entfernt hat.

Seit 1980 stieg das Börsenkapital der Weltaktienmärkte um 1388 Prozent. Doch die Wirtschaftsleistung der Industriestaaten (siehe Grafik) legte im gleichen Zeitraum nur um 60 Prozent zu.

Zehn Jahre nach dem großen Börsenkrach wächst vielerorts die Sorge, daß die Akteure auf dem Weltgeldmarkt abermals übertreiben könnten. Weltweit denken verantwortliche Politiker und Notenbanker über mehr Kontrollen und eine wirkungsvollere Aufsicht über die Geldindustrie nach. Inzwischen glaubt nicht einmal mehr Superspekulant George Soros, daß die Märkte langfristig für Stabilität und Gleichgewicht sorgen.

Gefährlich ist vor allem der Handel mit Derivaten, künstlichen Finanzprodukten wie Optionen oder Futures. Sie tragen ihren Namen ("Abkömmlinge"), weil sie von anderen Wertpapieren abgeleitet sind - von Aktien, Anleihen oder Währungen. Ihre Entwicklung war eigentlich genial: Wer beispielsweise seine Daimler-Aktie gegen einen Kursabsturz absichern will, kauft sogenannte Put-Optionen. Das ist eine Wette auf einen sinkenden Daimler-Kurs. Fällt der Kurs von Daimler, macht der Aktienbesitzer zwar Verlust, doch die Option wird, weil die Wette aufging, um so wertvoller.

So lassen sich Milliardendepots gegen Kursschwankungen absichern. Die Nobelpreisträger lieferten die Formel, mit deren Hilfe sich exakt berechnen läßt, wie viele Optionen zur Absicherung eines Depots nötig sind und wie teuer diese Form der Versicherung werden kann.

Doch die Realität ist schillernder, das Geschäft mit den Optionen hat sich vom Versicherungsgedanken teilweise entfernt. Denn die Papiere kann jeder auch ohne Depot kaufen und verkaufen. Weil sie nur Wettscheine sind, denen kein Wert an einem Unternehmen oder einer Anleihe gegenübersteht, sind sie oft sehr billig.

Je riskanter die Wette, desto größer im Erfolgsfall der Gewinn. Mit Optionen läßt sich das ganz große Geld verdienen - aber auch der Totalverlust ist jederzeit möglich.

In den vergangenen Jahren hat sich das Geschäft mit solchen Derivaten explosionsartig ausgeweitet. Ende 1996 erreichte der Betrag der Vermögenswerte, auf deren Wertänderung spekuliert wurde, 35 Billionen Dollar - eine Zahl mit zwölf Nullen.

Mit Sorge registrieren die Finanzaufseher weltweit eine wachsende Wagnisfreude bei den Geldmanagern.

In der Finanzbranche jagt seit Monaten eine Mega-Fusion die nächste. Immer schlagkräftiger, immer mächtiger werden die Geldhäuser. Und immer größer die Abteilungen, die sich mit dem Handel von Finanzprodukten aller Art beschäftigen.

Die Aktienkurse steigen und steigen. An der Wall Street verdoppelten sich die Notierungen seit Anfang 1995, in Deutschland betrug der Zuwachs seit Anfang vergangenen Jahres über 80 Prozent. Bedächtige Notenbanker wie Alan Greenspan aus den USA und Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer warnen bereits vor Auswüchsen an den Börsen. Auch Spekulant George Soros äußerte jüngst Zweifel über die Stabilität der Märkte.

Längst abgehoben haben große Teile des Devisenhandels. Inzwischen beträgt der tägliche Umsatz im Handel mit den Währungen das 50fache dessen, was an Gütern und Dienstleistungen über die Grenzen geht. Die Risiken, meint der Schweizer Notenbanker Bruno Gehrig, hätten ein nicht mehr tolerierbares Ausmaß angenommen.

Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt in ihrem jüngsten Bericht vor einem »Potential noch vielfältigerer und subtilerer Risiken«, das mit den bisherigen Methoden nur noch unzureichend erfaßt werden könne: »Damit aber werden erhöhte Vorsicht und Verantwortlichkeit jedes einzelnen Marktteilnehmers wichtiger denn je.«

Um die ist es jedoch schlecht bestellt, wenn man US-Buchautor Partnoy glauben darf. Was er an der Wall Street erlebte, wirft ein düsteres Licht auf Mentalität und Moral der Macher in der Branche. Der Ex-Banker schildert Exzesse der Gier und des Geschäftemachens, des Machotums und des Sexismus.

Einmal soll ein Geldmanager einer Assistentin 500 Dollar geboten haben, wenn sie »langsam und vorsichtig« eine mit flüssiger Seife bestrichene Gewürzgurke verschlinge. Die Frau nahm das Geld, tat wie verlangt - und erbrach sich anschließend quer über den Trading-floor.

Bei den betroffenen Banken hat das Buch hektische Aktivität ausgelöst. Morgan Stanley warnte alle Angestellten per E-Mail, ebenso die Kunden, die im Buch genannt werden. Was der Autor beschreibe, sei nicht die Kultur von Morgan Stanley.

In einer Erklärung verdammen die Banker das Werk als eine Kombination von Ungenauigkeiten und Sensationshascherei. »Unser Geschäft basiert auf beständigem und professionellem Service für unsere Klienten und Kunden. Wir beteiligen uns an keinen Aktionen, die das Vertrauen in uns verletzen könnten.«

Partnoys Buch erzählt eine ganz andere Geschichte. Danach war von vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Klienten oftmals nichts zu spüren. Stolz berichtete ein Trader, wie er wieder mal einen Kunden abgezockt hatte: »Du packst dir den Klienten am Nacken, greifst dir ein Stück seiner Haut und reißt kräftig daran, damit du soviel Fleisch wie möglich bekommst.«

Das Fleisch waren die Gebühren, und je mehr Deals die Trader vermittelten, um so mehr floß in die Kassen der Investmentfirma - um so größer waren auch die Chancen der Händler, am Jahresende ein siebenstelliges Gehalt einzufahren.

»Einen Barren machen« nennen sie das an der Wall Street. Und tatsächlich machten Partnoys Kollegen jede Menge Barren, besonders seine Kommandanten: Die Manager mit Spitznamen wie »Königin der Dunkelheit«, »Piranha« oder »Vogelscheuche« wohnen in luxuriösen Appartements an der Upper East Side.

Was die Trader ihren ahnungslosen Kunden verkauften, war nicht selten wie ein Auto mit einem Zeitzünder im Tank. Selbst als sich 1994 die Zeichen für eine dramatische Währungskrise in Mexiko verdichteten, so behauptet Partnoy, habe Morgan Stanley noch so getan, als stände alles zum besten. Die Bank bestreitet das.

Hinter den Kulissen, so der Enthüllungsautor, herrsche Kriegsstimmung und Jagdgeschrei, die Bosse seien die Feldherren und die Anleger ihre Opfer. Als Waffen benutzten die Banker Derivate - Geldanlagen, die eine gewaltige Vernichtungskraft entwickeln können.

Diese Kontrakte sind wie für Zocker gemacht, denn sie erlauben gigantische Gewinne in kürzester Zeit - bei vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz. Doch oft steht am Ende eben auch ein Totalverlust, zumindest für den Kunden. Die Banken gewinnen fast in jedem Fall, denn sie kassieren für jede Transaktion ihre Gebühren.

Mit Versprechungen und Halbwahrheiten, so behauptet der Buchautor, lockten die Investmentbanken immer mehr Kunden an den Glücksspieltisch. Unternehmen, Pensionsfonds und sogar Kommunen steckten viele Millionen Dollar in die riskanten Kontrakte, die sie selten ganz durchschauten. Einige wollten ihre Bilanzen aufbessern, andere trieb schlichte Gier.

Manche Firmen setzen derartig viel Geld beim Derivate-Roulette, daß ihr eigentliches Geschäft - Computer, Papier, Maschinen - zur Nebensache wird. Das kalifornische Orange County etwa mußte Bankrott anmelden, weil der Schatzmeister über eineinhalb Milliarden Dollar Vermögen verspekuliert hatte.

Auch Konzerne wie Procter & Gamble und Gibson Greetings verloren bei riskanten Spekulationen Dutzende von Millionen Dollar. Selbst renommierte Finanzhäuser wie die Barings Bank verbrannten sich die Finger.

Die Derivate-Abteilung von Morgan Stanley, in der Partnoy arbeitete, beschreibt er als Hort haarsträubender Abzockerei, aus dem die Firma zwischen 1993 und 1995 rund eine Milliarde Dollar Gewinn abgesogen haben soll.

Als der härteste Knochen von allen galt John Mack ("das Messer"), Präsident von Morgan Stanley. Der frühere Footballspieler leitet seit März 1993 das altehrwürdige Finanzhaus und verwandelte es, das ist unstrittig, in eine der erfolgreichsten Geldmaschinen Amerikas.

Seine Leute verehren ihn als gerissenen Finanzhai, erzählt Partno - und fürchten seine grausamen Attacken. Als wieder einmal ein Unternehmen größere Verluste machte, soll er die eigene Truppe mit den Worten angefeuert haben: »Da ist Blut im Wasser. Kommt, laßt uns einen umbringen.« Mack bestreitet, so etwas je gesagt zu haben.

Eiserner Korpsgeist hielt die Trader bei Morgan Stanley zusammen. Sie waren wild und gerissen und verachteten ihre feinen Kollegen von den Investmentabteilungen. Sie wußten, wie man selbst noch die eigenen Bosse betrügt und kannten die besten Strip-Bars im ganzen Land. Ihre Lieblingsworte waren: Fuck you.

Die Golden-boys, die der Autor hautnah erlebte, arbeiteten hart und feierten exzessiv. Um ihren Killerinstinkt zu pflegen, gingen sie gemeinsam zum Tontaubenschießen. Eine der rauhesten Veranstaltungen war ein jährliches Treffen mit dem Codenamen F.I.A.S.C.O., laut Partnoy, eine wilde Orgie aus Alkohol und Büchsenjagd. Stundenlang schossen die Trader auf Tontauben, während sich der Boden mit leeren Bierdosen und Whiskeyflaschen füllte.

Als Einwand gegen den Nutzen von Derivaten wollen Wall-Street-Experten aber Partnoys Geschichten über »Männer, die sich schlecht benehmen« ("New York Times") nicht gelten lassen.

Denn unter Fachleuten besteht kein Zweifel: Derivate können hilfreiche Instrumente für Investoren und Unternehmen sein. Ein modernes Finanzmanagement ist ohne diese Geldprodukte kaum mehr möglich.

Doch wie viele Anleger nutzten Optionen ausschließlich zum Zocken? Wie seriös sind die Risikokalkulationen der Banken? Und wer begreift das komplizierte Spiel?

In steigendem Maße, so vermutet etwa die Deutsche Bundesbank, werden die Instrumente nicht mehr als Versicherung eingesetzt, sondern um maximalen Profit aus den immer stärkeren Schwankungen an den Finanzmärkten zu schlagen. Bedrohlich könnte es dann werden, wenn die Börsen in Turbulenzen geraten.

Zumindest wird sich dann zeigen, was die Derivate wirklich sind: Versicherungsscheine oder spekulatives Teufelszeug?

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Börsenkapital der Weltaktienmärkte

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