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RUNDFUNK-INDUSTRIE Da läuft was

Die einstige Volksempfänger-Firma Körting wird heute von Jugoslawen geführt - bisher ohne Erfolg.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Als die Sozialisten aus Jugoslawien vor zwei Jahren in der bankrotten kapitalistischen Firma die Macht übernahmen, gaben sie sich ungewöhnlich großherzig.

Oskar Pistor, neuer Chef der vom slowenischen Elektro-Konzern Gorenje aufgekauften Rundfunkfabrik Körting in Grassau am Chiemsee, versicherte: »Auch in Zukunft werden wir das Unternehmen mit deutschen Managern führen.«

Das Versprechen hielt nicht besonders lange. Anfang des vorigen Monats wurden die drei deutschen Mitglieder der Körting-Geschäftsführung ihres Postens enthoben und durch Jugoslawen ersetzt. Dem Genossen Pistor kann man den Wortbruch kaum anlasten: Zusammen mit den deutschen Vorstandskollegen verlor auch er den schönen Job im Westen.

Inzwischen kündigten die Jugoslawen auch eine »Reduzierung der Belegschaft« an. Wie viele der 1400 Körting-Werker, darunter über 300 Jugoslawen, entlassen werden sollen, ist noch offen.

Die friedliche Koexistenz sozialistischer und kapitalistischer Manager war der deutschen Radiobranche von Anfang an verwunderlich vorgekommen. Denn Vertriebschef Bernhard Zumkeller, Entwicklungsleiter Waldemar Moortgat-Pick und Finanzexperte Fritz Seyfferth waren führend mit dabei, als die alten Körting-Werke in Konkurs gingen.

Die Firma, die zu großdeutschen Zeiten mit dem Volksempfänger gut ins Geschäft gekommen war, hatte sich nach dem Krieg allzu einseitig an zwei Partner gebunden. Körting-Besitzer Gerhard Böhme setzte seine Fernsehgeräte vornehmlich beim Versandhaus Neckermann und im Hi-Fi-Bereich bei den Kieler Elac-Werken ab.

Mit beiden Partnern ging es kurz nacheinander bergab. Neckermann kam schwer angeschlagen zum Kaufhauskonzern Karstadt, Elac ging vollends pleite.

Das unvermeidliche Ende des alten Körting-Betriebs registrierten die deutschen Konkurrenten mit kaum versteckter Schadenfreude. Schließlich hatte Körtings Böhme die unliebsame Versand-Konkurrenz beliefert.

Um so mehr moserte die Branche, als Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann nach langem Suchen doch noch einen Retter für das Pleiteunternehmen fand: Mit einer Investitionsprämie S.117 von fünf Millionen Mark lockte er den jugoslawischen Arbeiter-Konzern Gorenje, ein im Westen zwar unbekanntes Unternehmen, aber mit heute 1,3 Milliarden Mark Umsatz und 18 000 Mitarbeitern nicht gerade klein.

Der Fachhandel, bei dem die Verkäufer der neuerstandenen »Gorenje Körting Electronic GmbH & Co.« nun die Klinken putzten, trug den Vertretern des Grassauer Werkes die unstandesgemäße Liaison mit dem Billig-Verkäufer Neckermann lange nach.

Bald zeigte sich dann auch, daß der neue Körting-Boß Pistor den Mund zu voll genommen hatte. Statt der angekündigten 216 Millionen Mark brachte es die Firma im letzten Jahr nur auf einen Umsatz von 175 Millionen Mark. Verdient wurde dabei nichts.

Die Konzernherren in Velenje, unweit der österreichischen Grenze, hatten Pistor »an sehr langen Zügeln« (Zumkeller) laufen lassen. Das änderte sich, als Anfang dieses Jahres ein neuer Mann an die Spitze des Gorenje-Konzerns gewählt wurde, der gelernte Ingenieur Gregor Svaiger. Bald sahen immer häufiger Jugoslawen in Grassau nach dem Rechten. Vor drei Monaten schließlich ließ sich Slavko Geratic, bei Gorenje für internationales Marketing verantwortlich, als Aufpasser in Grassau nieder.

Die Deutschen vermuteten richtig, »daß da was läuft«. Anfang Oktober wechselte Svaiger kurzerhand die gesamte Führungsmannschaft aus. Die Deutschen wurden degradiert, Josef Postrak aus Velenje rückte in die Geschäftsführerposition auf.

Mit der schönen Freiheit unter sozialistischer Herrschaft ist es in Grassau nun vorbei. »Die Zügel werden kürzer angezogen«, ahnt ein Körting-Direktor.

Die Deutschen können ihren Herren im Osten dieses Jahr zwar bessere Ergebnisse vorweisen: Schon Ende September wurde die Vorjahresproduktion an Fernsehern (150 000 Stück) erreicht, der Umsatz soll um zwei Prozent steigen, und immerhin führen rund 2000 Fachhändler -- ein Viertel der Branche -- inzwischen die Marke Körting.

Doch die begehrten West-Devisen werden in Velenje wohl auch dieses Jahr kaum eintreffen, verdient wird noch immer nichts. Im Gegenteil: Um die Fertigung rationalisieren zu können, mußte das Stammkapital um 20 Millionen Mark erhöht werden.

Da Gorenje auf dem krisengeplagten jugoslawischen Markt einen schweren Stand hat, haben die Manager aus Velenje allen Grund, bei ihrer deutschen Tochter aufs Geld zu sehen. Mitte Oktober sprach Konzernboß Svaiger bei Wirtschaftsminister Jaumann vor. In dürrem Politbüro-Stil verlautbarten der CSU-Mann und der Sozialist anschließend, daß »in Grassau eine gewisse Konzentration und weitere Spezialisierung erreicht werden müssen«.

Denn im Vergleich zur japanischen Konkurrenz nimmt sich die personalintensive Produktionsweise der Jugo-Bayern noch recht altertümlich aus.

Ein Trost allerdings bleibt den sozialistischen Besitzern. Rationalisierungsinvestitionen in dem industriearmen Fremdenverkehrsgebiet fördert der christsoziale Jaumann mit bis zu 15 Prozent -- auch wenn die Mittel ins Eigentum eines sozialistischen Unternehmens übergehen.

S.117Mit Wirtschaftsminister Jaumann (l.) bei der Werksübergabe 1978durch den damaligen Verwalter Volker Grub.*

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