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Arbeitsplätze »Da müssen wir durch«

aus DER SPIEGEL 29/1993

SPIEGEL: Herr Schucht, haben Sie in letzter Zeit abgenommen?

Schucht: An meiner Figur ist nicht viel dran zum Abnehmen. Ich wiege seit meinem 20. Lebensjahr zwischen 76 und 78 Kilo.

SPIEGEL: Sie wissen also nicht, was Hungern bedeutet ?

Schucht: Doch. Ich habe zwischen 1945 und 1948 hier in Berlin beinahe Baumrinde gekaut. Als die Kali-Arbeiter aus Bischofferode bei ihrer Demonstration im Mai 3000 Eier gegen die Fassade der Treuhand-Anstalt geschmissen haben, habe ich denen gesagt: Wer noch mit Eiern werfen kann, dem geht es nicht schlecht.

SPIEGEL: Dann kann Sie der Hungerstreik gegen die Schließung der Grube nicht beeindrucken?

Schucht: Die setzen für ihre Ziele ihre Gesundheit aufs Spiel. Das macht ja keiner, der sich nur einen Spaß machen will. Davor habe ich Respekt.

SPIEGEL: Was tut die Treuhand, wenn der erste Kali-Bergmann im Hungerstreik stirbt?

Schucht: An so etwas wage ich gar nicht zu denken. Das hätte auf das innerdeutsche Verhältnis die schlimmsten Auswirkungen.

SPIEGEL: Würde die Treuhand die umstrittene Fusion der Ost- und West-Kaliwerke dann noch einmal überdenken?

Schucht: Das können wir nicht, wir haben abgeschlossene Verträge, die von fünf Gremien abgesegnet sind. Das Unvernünftige an dem Hungerstreik ist: Hier gehen die Menschen gegen eine Sache an, die nicht mehr zu ändern ist.

SPIEGEL: Der Hungerstreik zeigt doch, daß es bei den Betriebsstillegungen im Osten nicht mehr um betriebswirtschaftliche Rechnungen geht, sondern um Politik.

Schucht: Das stimmt. Dieser Umbruch hier ist fürchterlich, im Grunde genommen ist er unmenschlich. Nach 40 Jahren Stagnation muß abrupt geändert werden, was bei uns im Westen Jahrzehnte Zeit hatte. Aber das Festhalten an alten Strukturen ist noch gefährlicher. Statt 30 oder 40 Milliarden Jahresverlust bei der Treuhand kostet es dann das Doppelte. Und die Westdeutschen werden fragen, warum sie das mit ihren Steuergeldern bezahlen sollen, wo doch im Westen auch Betriebe stillgelegt werden müssen. Dann haben wir am Ende wieder zwei deutsche Staaten. Deswegen müssen wir durch diese Sache durch.

SPIEGEL: Die Landesregierung von Thüringen will aber wohl nicht mehr mit Ihnen da durch. Der Landtag forderte vergangene Woche zur Klage gegen die Treuhand auf.

Schucht: Die Politik in Thüringen ist für mich - vorsichtig gesagt - verwirrend. Erst hat die Regierung voll der Fusion zugestimmt, nur mit der Bitte um zeitliche Streckung. Danach sagte das Land: Nein, die ganze Fusion paßt uns nicht. Nun gibt es zumindest für die Beschäftigten eine zeitliche Verschiebung. Zwei Jahre sollen 700 Leute in unserer Gruben-Verwertungsgesellschaft sichere Arbeitsplätze haben.

SPIEGEL: Fürchten Sie die Vorbildfunktion des Hungerstreiks für andere Treuhand-Betriebe, die auch noch zugemacht werden müssen?

Schucht: Nicht nur das. Das hat eine gewaltige Wirkung auch auf Betriebe im Westen. Wenn der SPIEGEL nächstens aus Rationalisierungsgründen zehn Mann entläßt, werden die auch in Hungerstreik gehen. Wie will man dann in Deutschland noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?

SPIEGEL: Warum hat die Treuhand die Kali-Gruben im Osten ausgerechnet dem westdeutschen Monopolisten in dieser Branche überlassen, der BASF-Tochter Kali und Salz AG?

Schucht: Weil wir keinen anderen hatten, der die ostdeutsche Kali-Industrie im ganzen wollte.

SPIEGEL: Der westdeutsche Konzern hat die Betriebe in der ehemaligen DDR nach der Wende so zugerichtet, daß sie kein anderer übernehmen wollte. Die Ostdeutschen durften ihr Salz nicht in Westdeutschland verkaufen, gerade wachstumsträchtige Produktionen für die Düngemittelindustrie, wie Kaliumsulfat oder Magnesiumsulfat, wurden eingestellt.

Schucht: In der Kali-Produktion gibt es weltweit eine Überkapazität von einem Drittel. Natürlich hatte Kali und Salz ein Interesse, die Gruben im Osten auszuschalten. Wir haben ja durch mühsame Verhandlungen gerade erreicht, daß der notwendige Abbau der Kapazitäten einigermaßen gleichmäßig auf Ost und West verteilt wurde. Kalium- und Magnesiumsulfat wurden ganz einfach deswegen nicht mehr produziert, weil die Kosten doppelt so hoch wie die Erlöse waren.

SPIEGEL: Warum gibt die Treuhand dem Unternehmer Johannes Peine, der in Bischofferode die Kali-Förderung erhalten will, keine Chance?

Schucht: Herr Peine ist ein fixer Junge, das ist schon ein Pfiffikus. Aber er ist Spediteur.

SPIEGEL: Was haben Sie gegen Spediteure?

Schucht: Nichts, aber ich würde meine Möbel auch nicht von einem Bergmann transportieren lassen. Genausowenig lasse ich mir von einem Spediteur erzählen, wie man Bergwerke betreibt.

SPIEGEL: Im Kali-Werk Bleicherode, das Peine übernommen hat, ist die Treuhand doch mit dem Spediteur schon ganz gut gefahren.

Schucht: Das war eine viel kleinere Größenordnung, es ging um 100 Beschäftigte. In Bischofferode haben wir 700 Leute. Als Peine sich bei mir um diese Grube bewarb, war das schon ein recht ungewöhnlicher Auftritt. Den kann man sich gut als Fußballklub-Manager vorstellen. Er ist ziemlich hemdsärmelig. Also habe ich seine Bonität überprüfen lassen, und dabei kam heraus - na ja, er ist kein Flick im Ruhrgebiet.

SPIEGEL: Verkauft die Treuhand jetzt nur noch an nachweisliche Milliardäre?

Schucht: Wir haben Bürgschaften über 100 Millionen Mark verlangt, und die konnte Peine nicht beibringen. Darüber hinaus gelang ihm auch nicht der Nachweis, daß die Erlöse aus der Grube die Produktionskosten abdecken würden. Ich wäre doch fahrlässig, wenn ich etwas an einen tüchtigen Unternehmer verkaufe, von dem ich aber weiß, damit dreht er ein zu großes Rad und übernimmt sich. Wenn er den Betrieb vor die Wand fährt, müssen die Steuerzahler am Ende noch einmal dafür zahlen. Y

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