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SPIEGEL Gespräch »Da werden wirklich Nägel mit Köpfen gemacht«

Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl über die Konjunktur, den Dollar und das internationale Währungssystem *
Von Heiko Martens und Wolfgang Kaden
aus DER SPIEGEL 36/1987

SPIEGEL: Herr Präsident, hält das Wirtschaftsjahr 1987, was Sie und andere sich von ihm versprochen haben?

PÖHL: Wir haben in diesem Jahr nur ein schwaches wirtschaftliches Wachstum. Aber ich bin schon froh, daß die Stagnationsphase, die wir im vierten Quartal des vorigen und im ersten Quartal dieses Jahres hatten, offenbar überwunden ist und daß wir uns jetzt wieder auf einem Wachstumspfad befinden.

SPIEGEL: Mit den schönen Wirtschaftsprognosen, die Sie und Ihre Kollegen vor dem Bundestagswahl-Termin abgaben, haben Sie danebengelegen.

PÖHL: Wir haben nie Prognosen veröffentlicht, wir veröffentlichen überhaupt keine Prognosen.

SPIEGEL: Sie halten Reden, geben Interviews.

PÖHL: Wir haben uns sicherlich in der Einschätzung der Konjunktur Ende vorigen Jahres geirrt. Wir haben die Stagnation relativ spät erkannt, befanden uns damit allerdings in bester Gesellschaft. Praktisch alle Experten haben damals das gleiche gesagt.

SPIEGEL: Mit dem Wahltermin hatte das nicht das geringste zu tun?

PÖHL: Die Unterstellung, wir hätten hier Wahlpropaganda für die Regierung machen wollen, muß ich zurückweisen.

SPIEGEL: Das von der Regierung vorhergesagte Wachstumsziel für 1987 liegt inzwischen wohl außerhalb des Erreichbaren.

PÖHL: Die im Jahreswirtschaftsbericht gesetzte Zielsetzung, 2,5 Prozent Wachstum im Durchschnitt des Jahres, kann man nicht mehr erreichen. Das erste Halbjahr war zu schwach, im Rest des Jahres ist das nicht mehr wettzumachen. Aber das sind doch Statistiken. Wichtig ist, daß die Stagnation überwunden ist und daß der Trend wieder nach oben zeigt, wenn auch nicht sehr stark.

SPIEGEL: Für einen zusätzlichen Wachstumsschub soll, zu Beginn des nächsten Jahres und Anfang 1990, eine tüchtige Senkung der Einkommensteuern sorgen. Bonn setzt auf mehr privaten Konsum. Ist das die richtige Richtung?

PÖHL: Eine Steuersenkung ist eine politische Entscheidung über die Qualität des Wachstums, nämlich, daß mehr Geld in den Taschen der Bürger bleiben und weniger Geld in die Taschen des Staates fließen soll. Das ist die Grundentscheidung, die ich unter den gegebenen Umständen für richtig halte. Ohne gelegentliche Steuersenkungen, wie sie auch früher, beispielsweise 1980, stattgefunden haben, würde die Steuerbelastung ständig steigen. Das ist systemimmanent.

SPIEGEL: Die Bundesbank also Seite an Seite mit der Regierung?

PÖHL: Dies ist meine persönliche Meinung, aber ich weiß, daß sie von den meisten meiner Kollegen im Zentralbankrat geteilt wird. Ich bin im übrigen aber auch deswegen für weitere Senkungen, weil wir in der Bundesrepublik eine Politik verfolgen müssen, die unsere außenwirtschaftlichen Überschüsse reduziert. Wir machen auch in diesem Jahr keine ausreichenden Fortschritte beim Abbau dieser Überschüsse. Dies wird uns von unseren Handelspartnern, insbesondere den USA, vorgehalten werden. Aus diesem Grunde haben wir uns ja auch verpflichtet, die Binnennachfrage zu stärken. Die Steuersenkung tut genau dies.

SPIEGEL: Die Deutschen sollen mehr konsumieren und nicht so viele Währungsreserven anlegen?

PÖHL: Das ist die Vorstellung. Sie sollen mehr konsumieren und investieren und nicht ihre außenwirtschaftlichen Überschüsse ständig weiter steigen lassen. Sie sollen einen Beitrag leisten zu einem besseren internationalen Gleichgewicht. Das, finde ich, ist eine berechtigte Forderung.

SPIEGEL: Das Ganze führt zu einer höheren Staatsverschuldung, weil die Steuersenkung nicht von Ausgabenkürzungen begleitet wird. Die Deutschen _(Mit Redakteuren Heiko Martens und ) _(Wolfgang Kaden in der Frankfurter ) _(Bundesbank. )

ahmen mit dieser Strategie das amerikanische Vorbild nach. Die Reagan-Regierung senkte zunächst die Einkommensteuern und muß heute mit einem abenteuerlichen Staatsdefizit leben.

PÖHL: Anders als die Amerikaner haben wir einen hohen Überschuß in unserer Leistungsbilanz. Wir leben sozusagen »unter unseren Verhältnissen« während die Amerikaner »über ihre Verhältnisse« leben. Das ist ein wichtiger Unterschied.

SPIEGEL: Die Steuersenkung soll im Inland die Kaufkraft stärken und die Konjunktur anschieben. Damit soll auch ein Ausgleich für Einbußen im Export geschaffen werden. Auf den Auslandsmärkten haben es deutsche Firmen heute deutlich schwerer als früher: Die Mark ist erheblich aufgewertet worden, deutsche Produkte werden teurer oder mit weniger Gewinn verkauft.

PÖHL: Zunächst einmal: Es ist uns durch das Louvre-Abkommen vom vorigen Februar . ..

SPIEGEL: . . . jenen Beschluß der großen Industriestaaten, den Dollarkursverfall zu stoppen . ..

PÖHL: ... gelungen, den Dollar-Mark-Kurs zu stabilisieren. Das war eine wesentliche Voraussetzung für die konjunkturelle Erholung in den letzten Monaten. Ohne das Louvre-Abkommen und ohne die Stabilisierung der Wechselkurse hätten wir heute sehr viel schlechtere Konjunkturdaten.

SPIEGEL: Das Schlimmste liegt, was die Schwierigkeiten durch den niedrigen Dollarkurs anbelangt,also hinter der deutschen Wirtschaft?

PÖHL: Das kann man nie sagen. Wir wissen ja nicht, was vor uns liegt.

SPIEGEL: Es könnte also sein, daß der Dollar doch noch weiter runterrutscht? PÖHL: Das weiß niemand gewiß.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß der Dollar bis jetzt bei 1,80 Mark gehalten werden konnte?

PÖHL: Das hat verschiedene Gründe. In der ersten Phase war der Grund ganz eindeutig. Notenbanken haben in sehr großem Ausmaß Dollar gekauft.

SPIEGEL: Warum?

PÖHL: Sie wollten den Dollarkurs stabilisieren, und sie wollten, wichtiger noch, ihre eigenen Devisenreserven auffüllen. Die englische, schwedische, französische Notenbank und andere haben sozusagen die gute Gelegenheit genutzt, billig an Dollar zu kommen.

SPIEGEL: Um welche Größenordnungen ging es da?

PÖHL: Vom Ende des vorigen Jahres bis etwa Mai dieses Jahres haben Notenbanken in der ganzen Welt rund 60 bis 70 Milliarden Dollar gekauft.

SPIEGEL: Hat die Bundesbank auch gekauft?

PÖHL: Relativ wenig. Wir hätten, entsprechend der Louvre-Vereinbarung, Dollar kaufen müssen, wenn der Kurs weiter gefallen wäre. Aber wir kamen nicht in diese Lage, Gott sei Dank.

SPIEGEL: Was geschah in der zweiten Phase?

PÖHL: Da hat meines Erachtens die Ausweitung der Zinsdifferenz wesentlich zur Stabilisierung beigetragen. Das heißt: In Amerika sind die Zinsen gestiegen, wir haben die von uns bestimmten kurzfristigen Zinsen nochmals gesenkt.

SPIEGEL: Und dies führt dazu, daß wieder mehr Kapital in den Dollar fließt, der Kurs also gefestigt wird.

POHL: Ja. Der dritte Gesichtspunkt war, daß die Märkte nach der Pariser Zusammenkunft verunsichert waren. Sie haben damit gerechnet, daß die Notenbanken energisch eingreifen würden, wenn es zu einem Dollarkursverfall gekommen wäre. Diese drei Elemente haben die Stabilisierung des Dollar herbeigeführt.

SPIEGEL: War es bewußte Bundesbank-Strategie, die Zinsen mit Rücksicht auf den Dollarkurs unten zu halten?

PÖHL: Ja, wir haben unseren Beitrag geleistet und sind deswegen verschiedentlich kritisiert worden, zum Beispiel von Hans Karl Schneider, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats. Es hieß, wir hätten Wechselkurspolitik getrieben statt Geldmengenpolitik . ..

SPIEGEL: . . , die Geldmenge stieg weit schneller, als die Bundesbank geplant hatte.

PÖHL: So ist es. Aber ich halte diese Kritik für nicht berechtigt. Für einige Zeit war die Stabilisierung der Wechselkurse von entscheidender Bedeutung. Wenn uns das nicht gelungen wäre, hätten wir nicht mit einer Wiederbelebung der Konjunktur rechnen können. Hätte sich der Dollarkursverfall in dem Tempo fortgesetzt wie Anfang des Jahres, hätten wir womöglich heute eine Rezession in der Bundesrepublik.

SPIEGEL: Voraussetzung für die Dollarstabilisierung war die Bereitschaft Washingtons, mit den Europäern und den Japanern in der Währungspolitik zu kooperieren.

PÖHL: Das begann schon mit dem Plaza-Abkommen . ..

SPIEGEL: ... bei dem die großen Industrienationen 1985 im New Yorker Plaza-Hotel beschlossen, auf eine allmähliche Abwertung des Dollar hinzuarbeiten.

PÖHL: Der Dollar wäre vermutlich nie auf 3,47 Mark gestiegen, wenn die Amerikaner schon vorher so kooperationsbereit gewesen wären, wie sie es seit dem Plaza- und dem Louvre-Abkommen sind. Meines Erachtens wäre das Überschießen des Dollar in diesem Ausmaß zu verhindern gewesen. Die Amerikaner waren aber bis zum Plaza-Meeting nicht bereit, sich an koordinierten Eingriffen an den Devisenmärkten zu beteiligen. Noch kurz vor dem Treffen ist in Washington erklärt worden, diese - vollkommen

ungerechtfertigte - Bewertung des Dollar zeige, wie stark die amerikanische Wirtschaft sei.

SPIEGEL: Es gibt viele, die einen Dollar von 1,80 Mark für überbewertet halten. Der renommierte amerikanische Wirtschaftsprofessor Lester Thurow zum Beispiel sieht den Dollar bei 1,10 Mark richtig angesiedelt. Er verweist darauf, daß trotz der Dollarabwertung das irrsinnige Handelsbilanzdefizit der USA nicht zurückgeht.

PÖHL: Es dauert seine Zeit, bis solche Wechselkursveränderungen wirken. Im übrigen aber: Die Ursachen für den Mangel an Wettbewerbsfähigkeit der USA im internationalen Handel liegen natürlich nicht nur beim Wechselkurs, die liegen tiefer. Ich glaube, daß die Korrekturen der Wechselkurse im wesentlichen ihren Beitrag geleistet haben. Das, was Leute wie Thurow sagen, ist zumindest seit dem Louvre-Abkommen nicht die offizielle Position der amerikanischen Administration. Das war bis dahin die Position der Amerikaner. Die wirkliche Bedeutung des Louvre-Abkommens ist meines Erachtens, daß die USA diese Position aufgegeben und sich bereit erklärt haben, an einer Stabilisierung der Wechselkurse mitzuwirken.

SPIEGEL: Wird diese Politik auch von dem neuen amerikanischen Notenbank-Chef Alan Greenspan fortgesetzt?

PÖHL: Das möchte ich annehmen.

SPIEGEL: Trotz des niedrigen Dollarkurses verkaufen die Amerikaner weit weniger Waren im Ausland, als sie von jenseits ihrer Grenzen beziehen. Wie lange, glauben Sie, wird die Weltwirtschaft den Amerikanern noch ein so hohes Handelsdefizit ermöglichen?

PÖHL: Man könnte natürlich sagen: Solange der Rest der Welt bereit ist dieses Defizit zu finanzieren - was schadet das dann? Aber das scheint mir eine falsche Betrachtungsweise. Meines Erachtens liegt der Kern des Problems darin: Das reichste Land der Welt importiert netto in einem gigantischen Ausmaß - weit über 100 Milliarden Dollar pro Jahr- Kapital, anstatt, was eigentlich angemessen wäre, Kapital zu exportieren. Das finde ich widersinnig.

SPIEGEL: Diese Mittel werden benötigt, weil die USA im Export nicht genügend Geld verdienen, um all ihre Importe bezahlen zu können.

PÖHL: Man muß dies vor allen Dingen im Zusammenhang sehen mit den Problemen in der Dritten Welt. Die Entwicklungsländer sollten ja eigentlich Kapital importieren. Tatsächlich aber exportieren sie heute Kapital und tragen nicht unwesentlich zur Finanzierung des amerikanischen Defizits bei. Das sind Länder wie Brasilien oder Mexiko. Jeder Dollar Zinsen und Kreditrückzahlung, den diese Staaten an amerikanische Banken zahlen, ist eine Art von Kapitalexport in die USA.

SPIEGEL: Der Dollar saust rauf auf über 3,40 Mark und landet wenig später unter 1,80 Mark. Für die Geschäftswelt machen solche irren Bewegungen eine Kalkulation oder eine Investitionsplanung fast unmöglich. Die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Weltwährungssystem ist daher groß. Ist es wirklich zuviel verlangt, wenn Unternehmensmanager mehr Stabilität im Währungsgeschehen fordern? _(Mitte: Finanzminister Gerhard ) _(Stoltenberg, dritter von links: Karl ) _(Otto Pöhl. )

PÖHL: Dies ist eine durchaus berechtigte Erwartung der Wirtschaft an die Politiker, an die Regierungen, an die Notenbanken der wenigen Länder, die praktisch in der Lage sind, für die Stabilität des internationalen Währungssystems zu sorgen. Die unglaublichen Wechselbäder, die wir seit 1980 beim Dollarkurs erlebt haben, sind in der Tat ökonomisch funktionslos gewesen.

SPIEGEL: Mit der realen Wirtschaft hat das nichts mehr zu tun?

PÖHL: Wir haben heute etwa den gleichen Wechselkurs gegenüber dem Dollar wie Ende 1980. Das heißt, wir sind einmal rauf- und einmal runtergegangen. Der ökonomische Sinn ist nicht zu erkennen. Allerdings: Die Wirtschaft der Bundesrepublik lebt ja nicht in einem System flexibler Wechselkurse. Über die Hälfte unseres Außenhandels wickeln wir mit Ländern ab, mit denen wir de facto oder de jure feste Wechselkurse haben. Das sind die Länder des Europäischen Währungssystems, des EWS, und eine Reihe von Ländern wie beispielsweise Österreich oder die Schweiz, die ihre Währungen de facto oder de jure an die Mark gehängt haben. Das heißt: Wir leben in einem gemischten System.

SPIEGEL: Sie sind jetzt, da Ihr amerikanischer Kollege Paul Volcker abgetreten ist, eine Art Elder Statesman unter den Notenbankchefs . ..

PÖHL: . . . eine schreckliche Vorstellung.

SPIEGEL: Müßte es für Sie da nicht verlockend sein, sich mit der Neukonstruktion eines Weltwährungssystems in den nächsten Jahren historische Verdienste zu erwerben?

PÖHL: Ich glaube, daß dies die Möglichkeiten meines Amtes bei weitem überfordern würde. Aber ich bin in der Tat der Meinung, daß es eine ganz wesentliche Aufgabe wäre, in den nächsten Jahren für ein höheres Maß an Stabilität der Wechselkurse zu sorgeneine Aufgabe, die natürlich nicht von den Notenbanken allein gelöst werden kann.

SPIEGEL: Das ist vor allem Sache der Regierungen?

PÖHL: Zusammen mit den Notenbanken, die allerdings in den beteiligten Ländern in unterschiedlichem Maße dafür zuständig sind.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie denn die Chancen für mehr Stabilität ein?

PÖHL: Es gibt erste Ansätze in dieser Richtung, Plaza, Louvre, die Beratungen im Währungsfonds und sonstwo. Ich erwarte, daß wir in den nächsten acht Jahren weniger starke Schwankungen der Wechselkurse sehen werden als in den letzten acht Jahren.

SPIEGEL: Müßten zu diesem Zweck nicht Institutionen geschaffen werden, die ständig über die Wechselkurse wachen?

PÖHL: Die Bereitschaft, auf diesem Gebiet mehr zu kooperieren, ist sicher größer geworden. Ob man wirklich einen weiteren Schritt gehen kann, ob man auch institutionelle Vorkehrungen zur Verteidigung fester Wechselkurse treffen kann - da habe ich gewisse Zweifel.

SPIEGEL: Warum?

PÖHL: Weil die Märkte so groß sind und, fast noch wichtiger, weil die Hauptbeteiligten, die großen Industrieländer, nicht bereit sind, ihre innere Politik der Verteidigung eines bestimmten Wechselkurses unterzuordnen . ..

SPIEGEL: . . , und sich deswegen beispielsweise bei den Entscheidungen über die Staatsausgaben Mäßigung aufzuerlegen.

PÖHL: Sie sehen das jetzt gerade in den USA: Man ist nicht bereit oder in der Lage, aus dem offensichtlichen Ungleichgewicht der Zahlungsbilanz die Konsequenzen zu ziehen, etwa in der Haushaltspolitik. Die inneren Zwänge sind einfach stärker. Wir in der Bundesbank werden ja dafür kritisiert, daß wir mal für einige Zeit der Wechselkursstabilisierung Vorrang gegeben haben vor der Geldmengenentwicklung. Auch das werden wir sicher nicht ad infinitum tun können.

SPIEGEL: Das Europäische Währungssystem hat für relativ stabile Wechselkurse gesorgt. Könnte dies nicht ein Modell für die gesamte Industriewelt sein? Könnte es nicht für alle großen Währungen Bandbreiten geben, in denen sich die Währungen bewegen?

PÖHL: Das internationale Währungssystem basiert heute auf drei Säulen: auf dem Dollar, der nach wie vor natürlich dominierend ist und das auch bleiben wird; dem Yen, der zunehmend eine Rolle spielt; und auf den Währungen des Europäischen Währungssystems. Man kann diese drei großen Blöcke nicht durch ein zu starres Korsett aneinanderbinden, weil dann die Spannungen zu stark werden. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, wenn ein solches System nach kurzer Zeit kollabieren würde.

SPIEGEL: Der goldene Wurf, wie es das Nachkriegssystem mit festen Wechselkursen, das Bretton-Woods-System, war, ist also nicht zu erwarten? Die Währungen und Wechselkurse werden auch zukünftig bestenfalls in Konferenzen gemanagt?

PÖHL: Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dies sei nun die beste aller Welten. Dazu nehme ich zu lange an solchen Sitzungen teil, um solchen Illusionen zu erliegen. Aber ich meine: Wir müssen das benutzen, was da ist. Das Bretton-Woods-System, das in wenigen Wochen am Ende des Krieges geschaffen worden ist - so was kann man sich in einer - absoluten Ausnahmesituation vorstellen, in einer tiefen Krise. Aber so was ist unter den heutigen Umständen kaum durchsetzbar. Deswegen muß man versuchen, Schritt für Schritt weiterzukommen.

SPIEGEL: Sie können also den Devisenhändlern rund um den Globus immer wieder nur signalisieren: Wenn ihr''s zu toll treibt, wenn ihr die Geld-Welt endgültig zur Spielhölle machen wollt, dann werden wir unserer Aufgabe nachkommen und als Ordnungsmächte eingreifen.

PÖHL: Ja. Wir haben auf dem Gebiet genug Institutionen.

SPIEGEL: Die müssen dann allerdings auch wirklich handeln und nicht nur drohen.

PÖHL: Das ist richtig. Bei den Plaza- und Louvre-Konferenzen sind internationale Vereinbarungen sehr konkreter

Art getroffen worden, die von den Betroffenen exekutiert worden sind. Ich sehe nicht, wie man es anders machen sollte, es sei denn, man könnte morgen eine Weltregierung installieren. Aber das gibt es nicht und ist auch nicht zu erwarten. Es gibt keine Alternative zu den eingespielten Wegen der Kooperation.

SPIEGEL: Wobei die Entscheidungen letztlich von ganz wenigen getroffen werden.

PÖHL: Wir haben in der Währungspolitik den Vorteil, daß wir uns nicht in Institutionen von der Größe der Uno bewegen, mit Hunderten von Teilnehmern, nicht mal in Institutionen vom EG-Typ, wo inzwischen auch schon 50 Leute bei den vertraulichen Gesprächen um den Tisch herum sitzen. In den Gremien, in denen wichtige währungspolitische Beschlüsse gefaßt werden, sitzen nicht mehr als 15 Leute. Da werden wirklich Nägel mit Köpfen gemacht. Im übrigen: Das hängt natürlich vor allem von den Amerikanern ab. Wenn sie bei der Stabilisierung des Dollar nicht mitmachen, dann kann man das vergessen.

SPIEGEL: Sie werden, Herr Pöhl gute Gesundheit vorausgesetzt, jetzt weitere acht Jahre Präsident der Bundesbank sein. Sie werden am Ende dann mit 16 Amtsjahren der Präsident der Deutschen Bundesbank sein, der am längsten gedient hat . ..

PÖHL: . . , das wäre wohl so. Ich glaube, Blessing war . ..

SPIEGEL: ... wir haben nachgeguckt: Karl Blessing, der erste Präsident der Bundesbank, amtierte zwölf Jahre. Also: Wenn Sie sich selber Gedanken machen über diese weiteren acht Jahre, die vor Ihnen stehen: Was wollen Sie erreichen, was glauben Sie erreichen zu können?

POHL: Das erste ist natürlich, weiter für Stabilität der Preise in der Bundesrepublik zu sorgen. Das zweite ist, an einer Stabilisierung des internationalen Währungssystems mitzuwirken. Das dritte ist: Ich möchte das mir Mögliche beitragen, damit aus dem EWS eine wirkliche Stabilitätsgemeinschaft wird. Das ist nach meiner Auffassung die Vorbedingung für eine Europäische Währungsunion.

SPIEGEL: Dies Ziel halten Sie in dem total zerstrittenen EG-Europa nicht für illusorisch?

POHL: Nein. Im Gegenteil, ich halte dies sogar für eine Notwendigkeit, wenn man es wirklich ernst meint mit der Integration der europäischen Volkswirtschaften zu einem europäischen Binnenmarkt.

SPIEGEL: Können Sie sich eine europäische Zentralbank vorstellen?

PÖHL: In der Geschichte sind die Zentralbanken immer erst lange nach den Regierungen entstanden. Die Deutsche Reichsbank ist 1876 gegründet worden, als es schon längst ein Deutsches Reich gab. Solange es also kein europäisches Parlament mit wirklichen Zuständigkeiten und keine europäische Regierung gibt, kann man sich auch schwer vorstellen, daß die Staaten der EG bereit wären, so wichtige Souveränitätsrechte wie das Recht, Geld zu drucken, einer supranationalen Institution zu übertragen.

SPIEGEL: Einigermaßen realistisch erscheint doch nur das Ziel, das Europäische Währungssystem weiter auszubauen.

PÖHL: So ist es. Der erste Schritt wäre, daß alle EG-Länder, die in der Lage dazu sind, dem System auch angehören. Das gilt in allererster Linie für Großbritannien, das sich bisher überhaupt nicht beteiligt. Das gilt auch für Italien, das nach wie vor Sonderrechte in Anspruch nimmt. Der zweite Schritt wäre, daß man sich über gemeinsame Zielsetzungen verständigt . ..

SPIEGEL: . . . Preisstabilität wie in Deutschland?

POHL: Es muß eine gemeinsame Stabilitätsvorstellung geben, nicht irgendeinen Inflationsdurchschnitt, von dem die einen nach oben, die anderen nach unten abweichen. Preisstabilität muß die Priorität der Währungspolitik sein.

SPIEGEL: Dann könnten die Deutschen bei einer Währungsunion mitmachen?

PÖHL: Der dritte Schritt wäre, längerfristig gesehen, in der Tat die Übertragung von Notenbank-Funktionen auf eine supranationale Institution, auf eine Art europäische Notenbank. Ich bin der Meinung, daß ein voll integrierter Markt ohne Schranken für Waren, Dienstleistungen und Kapital, wie er für 1992 vorgesehen ist, von der Logik her auch eine Art Währungsunion, vielleicht so gar eine gemeinsame Währung, erfordert. Aber davon sind wir leider noch weit entfernt.

SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

[Grafiktext]

USA: STABILES DEFIZIT BUNDESREPUBLIK Entwicklung der Leistungsbilanz; Angaben in Millionen Mark Leistungsbilanzüberschuß im 2. Quartal 1987: 18486 USA Entwicklung der Leistungsbilanz Angaben in Millionen Dollar Leistungsbilanzdefizit im 1. Quartal 1987: 37122

[GrafiktextEnde]

Mit Redakteuren Heiko Martens und Wolfgang Kaden in der FrankfurterBundesbank.Mitte: Finanzminister Gerhard Stoltenberg, dritter von links: KarlOtto Pöhl.

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