Daimler-Desaster "Schrempp versiebt doch alles"

Gewaltsanierung bei Smart, gigantische Rückrufaktionen bei Mercedes: DaimlerChrysler kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Bis zu 700 Arbeitsplätze fallen weg, die Aktionäre sind enttäuscht, der Druck auf das Management nimmt zu.

Stuttgart/Hamburg - Angesichts der andauernden Krise bei Smart hat DaimlerChrysler   die Notbremse gezogen. Die Restrukturierung des Kleinstwagenbauers werde bis zu 1,2 Milliarden Euro kosten, teilte das Unternehmen mit. Die Ergebnisziele für den Gesamtkonzern sind damit Geschichte. Bislang wollte DaimlerChrysler den operativen Gewinn des Vorjahres von 5,8 Milliarden Euro leicht übertreffen. Dieses Ziel sei nur noch erreichbar, wenn man die Sonderkosten für Smart herausrechne, hieß es nun.

An den Aktienmärkten wurde die Ankündigung enttäuscht aufgenommen. Zwar hielt sich der Kursverlust der Daimler-Aktie in Grenzen. Die Reaktionen waren dennoch überwiegend kritisch. Vor allem die Sanierungskosten in Milliardenhöhe überraschten die Börsianer. Der Markt habe nur mit 800 bis 900 Millionen Euro gerechnet, sagte ein Händler.

Analysten von Credit Suisse First Boston (CSFB) erklärten, das Sanierungskonzept sei "nicht aggressiv genug", um die Probleme des Konzerns zu lösen. "DaimlerChrysler muss mehr tun", hieß es. "Ich bin stark enttäuscht", sagte ein anderer Börsianer. "Ich bin gespannt, wie lange der Schrempp dort noch arbeiten darf - der versiebt doch alles", fügte er mit Blick auf den Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp hinzu.

Kritische Aktionäre kündigten bereits an, den Vorstand auf der Hauptversammlung am 6. April nicht entlasten zu wollen. Bereits im Vorjahr hatten institutionelle Anleger und Vertreter der Kleinaktionäre den Vorstand und Aufsichtsrat auf der HV massiv angegriffen und ihnen zum Teil die Entlastung verweigert. Seit Jahren gelänge es dem Automobilhersteller nicht, alle Sparten gleichzeitig zum Laufen zu bringen und eine angemessen Rendite zu erzielen, erneuern sie auch in diesem Jahr ihre alte Kritik.

Smart hat noch nie Gewinne verbucht

Smart hat seit der Gründung 1998 noch nie Gewinne eingefahren. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen lag der operative Verlust allein im Vorjahr bei mehr als 400 Millionen Euro. 2004 hatte Smart lediglich knapp 140.000 Fahrzeuge verkauft und das zuvor schon reduzierte Verkaufsziel von 155.000 deutlich verfehlt.

DaimlerChrysler will nun wesentliche Aufgaben von Entwicklung, Vertrieb und Service durch die Schwestermarke Mercedes-Benz abwickeln lassen. Dadurch sollen die Fixkosten bei Smart binnen zwei Jahren um 30 Prozent gesenkt werden.

Gerade der Vertrieb gilt als größtes Manko von Smart. Zur Steigerung von Absatz und Umsatz wird die Zahl der Smart Vertriebsstützpunkte in der Mercedes-Benz Vertriebsorganisation durch das Shop-in-Shop-Konzept jetzt um rund ein Viertel erhöht. Dies bedeutet, dass weitere Mercedes-Händler künftig auch die Kleinwagen verkaufen werden. Beobachter befürworten den Plan. "Das Konzept erscheint mit tragfähig. Die Integration beim Vertrieb war überfällig", sagte Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen, gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Zudem ist ein deutlicher Personalabbau geplant. Es soll sozialverträgliche Lösungen geben, erklärte der Konzern. Gespräche mit dem Betriebsrat sind in den nächsten Monaten geplant. Nach Betriebsrats-Angaben fallen 700 Stellen weg. Betroffen sei vor allem der Standort Böblingen, wo rund 600 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, teilten die Arbeitnehmervertreter mit. Am zweiten Standort Hambach in Frankreich sollen ebenfalls Stellen abgebaut werden.

Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm sprach von harten Einschnitten. "Der geplante Stellenabbau trifft die Arbeitnehmer insbesondere in Böblingen hart", erklärte Klemm. Er forderte die rasche Aufnahme von Gesprächen des Managements mit dem Betriebsrat. Ziel sei es, für alle Beschäftigten Lösungen innerhalb des Konzerns oder freiwillige Vereinbarungen zu erreichen.

Auch wird es Einschnitte in der Modellpalette geben. Der geplante Smart-Geländewagen Formore wird nicht gebaut, der erfolglose Roadster Ende 2005 eingestellt. Die Kooperation mit Mitsubishi Motors beim Smart-Viersitzer Forfour wird dagegen fortgesetzt. Damit soll der Viersitzer künftig ein ausgeglichenes Ergebnis liefern.

Rückrufaktion belastet Quartalsergebnis

Die Smart-Gewinnwarnung ist für DaimlerChrysler-Aktionäre die zweite Hiobsbotschaft binnen weniger Tage. Erst am Donnerstag hatten massive Qualitätsprobleme bei Mercedes-Benz das Unternehmen zur größten Rückrufaktionen in der Firmengeschichte gezwungen. Rund 1,3 Millionen Fahrzeuge der Premiummarke müssen weltweit zur Überprüfung von Elektronik und Bremsen in die Werkstatt zurück.

Der Rückruf belastet nicht nur das Image der Marke mit dem Stern. Die Kosten für sind nur zum Teil durch Rückstellungen gedeckt. "Darüber hinaus werden wir zum Ende des ersten Quartals weitere Mittel für Produktgarantien bilden", sagte ein Daimler-Sprecher.

Beobachter rechnen damit, dass die Rückrufaktion den Konzern 325 Millionen Euro kostet. Pro Fahrzeug seien auf jeden Fall 250 Euro zu veranschlagen, sagte ein Branchenexperte. Auch Autoanalyst Georg Stürzer von der HypoVereinsbank schätzt die Kosten auf einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. "Die Qualitätsoffensive wird das erste Quartal bei Mercedes weiter belasten", sagte Stürzer.

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