Daimler-Finanzchef Uebber "Wir müssen uns auf die Chinesen vorbereiten"

Daimlers Finanzvorstand Bodo Uebber soll den Autobauer nach der Trennung von Chrysler dauerhaft auf Rendite trimmen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Gefahr eines Heuschreckenangriffs, technische Versäumnisse - und die Gefahren durch China und Tata.


SPIEGEL ONLINE: Herr Uebber, freuen Sie sich über die US-Kreditkrise? Wenn die Heuschrecken noch Kapital bekämen, würde Daimler womöglich schon längst einem Finanzinvestor gehören.

Daimler-Finanzchef Uebber: "Wir haben eine gute Story"

Daimler-Finanzchef Uebber: "Wir haben eine gute Story"

Uebber: Wir wären nur dann in Gefahr, wenn wir unser Unternehmen schlecht geführt hätten. Ich sehe Daimler aber als lohnende Investition und nicht als Übernahmekandidaten.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem derzeit schwachen Börsenkurs und den hohen Barreserven finanziert sich eine Übernahme fast von selbst. Eine Einladung für jeden Investor.

Uebber: Im Falle einer Übernahme brauchen Sie jemanden, der das Heft in die Hand nimmt, der Strukturen verändert und Unternehmensteile verkauft. Wir dagegen haben unsere Strategie klar definiert, unsere Geschäfte in Ordnung gebracht und verschiedene Beteiligungen wie EADS und Chrysler reduziert. Die Frage ist also: Würde ein Investor etwas anderes machen, als wir es tun? Die Antwort ist meiner Meinung nach ein klares Nein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, die Aktie zu beflügeln? Nach der Trennung von Chrysler stieg sie auf 78 Euro - diese Kursgewinne sind längst wieder verloren gegangen.

Uebber: Zufrieden bin ich mit der Entwicklung nicht. Aber die Finanzkrise hat die Aktienmärkte in den letzten Monaten generell unter Druck gesetzt. Und mancher unserer Konkurrenten profitierte von Schlagzeilen, die nicht unbedingt etwas mit dem operativen Geschäft zu tun haben. Was das betrifft, brauchen wir den Vergleich mit den Wettbewerbern nicht zu scheuen: Im ersten Quartal 2008 hat das Geschäftsfeld Mercedes-Benz Cars den operativen Gewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 45 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro gesteigert.

SPIEGEL ONLINE: Womöglich steht der niedrige Kurs mit einem anderen Problem in Zusammenhang - Analysten suchen nach einer guten Story. Edzard Reuter lieferte sie einst mit dem integrierten Technologiekonzern, Jürgen Schrempp mit der Welt-AG. Die Rückkehr zum kleinen Premium-Hersteller weckt im Vergleich dazu wenig Phantasie.

Uebber: Wir haben eine gute Story. Daimler steht für Spitzenleistung, kontinuierliches profitables Wachstum und für ständige Weiterentwicklung. Man benötigt nicht immer eine griffige Schlagzeile, um Anleger zu begeistern. Und selbst die liefern wir mit unserem Renditeziel von neun Prozent für das automobile Geschäft des Daimler-Konzerns, mal ganz abgesehen von unseren Zielen beim Thema nachhaltige Mobilität - hier wir wollen wir Schrittmacher sein.

SPIEGEL ONLINE: Solche Renditen lassen sich nur mit Premium-Autos erzielen, die auch ein entsprechendes Image haben. Was das betrifft, rangieren A-, C- und E-Klasse hinter der Konkurrenz aus München, Ingolstadt oder Wolfsburg. Lediglich die S-Klasse kann ihren Spitzenplatz behaupten. Genügt für einen Mercedes die Silbermedaille?

Uebber: Also zunächst zur Klarstellung: Das Renditeziel von neun Prozent bezieht sich auf den Durchschnitt in unserem Automobilgeschäft, also auf Mercedes-Benz Cars, unser Lkw-Geschäft und auf Transporter und Busse. Wir messen den Erfolg unserer Produkte an Nachfrage, Umsatz und vor allem am Gewinn - und wenn ich mir da anschaue, dass Mercedes-Benz Cars im Jahr 2007 gegenüber 2006 die Rendite von 3,5 Prozent auf 9,1 Prozent gesteigert hat, dann ist das eine Position, die die Goldmedaille verdient und von der andere derzeit nur träumen können. Außerdem sind die Kosten für Garantieleistungen in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die Qualität ist wieder da, wo sie bei Mercedes-Benz hingehört: oben. Auch die Pannenstatistik des ADAC ist ein Beleg dafür.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zetsche hat ja intern die Parole ausgegeben, der Konzern müsse nach neuen Geschäftsfeldern suchen. Woran denkt er?

Uebber: Es gibt jetzt ein kleines Team im Konzern, das sich nur damit beschäftigt, kreative Ideen zu entwickeln und Trends aufzuspüren. Das braucht aber ein wenig, und deshalb werden wir das Ergebnis erst in einiger Zeit sehen. Wir betrachten auch die Entwicklung von Umwelttechnologien - wo sich spannende Perspektiven ergeben, könnten wir uns beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt wie das übliche Alltags-klein-klein.

Uebber: Wir haben 2007 den Konzerngewinn von fünf auf 8,7 Milliarden Euro gesteigert. Für Sie mag das klein-klein sein, für mich ist das eine außergewöhnliche Leistung. Und für mich ist es auch ein gewaltiger Fortschritt, wenn wir 2010 eine S-Klasse präsentieren, die mit 5,4 Liter auf 100 Kilometern auskommt. Oder einen Smart mit Elektroantrieb. Die Sensation von Übermorgen wird sein, dass Mercedes ein emissionsfreies Auto in Serie fertigt.

SPIEGEL ONLINE: Beim Thema Umwelt steht Mercedes aber nicht eben als Vorreiter da. Toyota gilt als Pionier der Hybridfahrzeuge, BMW ist Ihnen mit seinem Spritsparprogramm Efficient Dynamics weit voraus.

Uebber: In manchen Bereichen waren wir vielleicht ein bisschen spät dran. Inzwischen haben wir aber mit unserer Bluetech-Dieseltechnologie und den Hybridautos, die bald in Serie gehen, einiges anzubieten. Da brauchen wir uns nicht zu verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Hybridantrieb nicht eine teure Übergangstechnologie?

Uebber: Um den Hybrid kommt man nicht herum, selbst wenn sogar die Verbraucher in den USA inzwischen die Vorteile des Diesels entdecken. Wir werden alle Antriebsarten gleichermaßen optimieren: den Diesel, den Benziner und den Hybrid- und den Elektroantrieb natürlich auch. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt, denn wir haben nicht nur gute Konzepte, sondern auch die Mittel zur Umsetzung.

SPIEGEL ONLINE: Top-Thema weltweit ist derzeit das Einfachstauto. Denken Sie daran, ein solches Fahrzeug auf die Räder zu stellen?

Uebber: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Der indische Hersteller Tata sorgt mit dem Modell Nano für 2500 Dollar für Furore. Volkswagen will ebenso wie andere Hersteller ein Auto für weniger als 6000 Euro anbieten. Wie teuer müsste der billigste Wagen sein, der die Ansprüche aus dem Hause Daimler erfüllt, auch wenn er nicht das Label Mercedes trägt?

Uebber: Unser kleinstes Modell ist der Smart. Aus dem Hause Mercedes die A-Klasse. Alles darunter würde mittel- bis langfristig der Marke schaden. Trotzdem profitieren wir vom Nano, denn wir sind mit sieben Prozent an Tata beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Auto dieser Art müsste ja nicht den Stern tragen.

Uebber: Wir haben entschieden, dass wir nicht ins Volumensegment wollen. Nicht zuletzt deshalb haben wir uns von der Mehrheit an Chrysler getrennt. Wieso sollten wir uns wieder in diesem Segment engagieren? Unsere Produkte, unser Cashflow und unsere Bilanzstruktur belegen eindeutig, dass wir stark genug sind, auch künftig im Premium-Segment ein entscheidendes Wort mitzureden.

SPIEGEL ONLINE: Die derzeitige Konjunkturlage macht den Verkauf von Premium-Fahrzeugen nicht einfach. Sogar in China deutet sich eine Schwächephase an.

Uebber: In China hat Mercedes-Benz im letzten Jahr 64 Prozent mehr abgesetzt, in Russland 61 Prozent und in Indien 17 Prozent. In Märkten wie China und Russland war die S-Klasse im letzten Jahr das absatzstärkste Fahrzeug. In allen drei Märkten sehe ich auch weiterhin viele Chancen. Dort wächst zum einen eine sehr kaufkräftige Mittelschicht heran, zum anderen wird die Nachfrage nach Lkw massiv steigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst rechnen für den US-Markt frühestens im zweiten Halbjahr 2008 mit einer Erholung. Nach den Prognosen der US-Notenbank sieht es eher aus, als ob es noch später der Fall wäre.

Uebber: Hier müssen wir aus unserer Sicht klar zwischen Pkw und Lkw unterscheiden: Bei Mercedes-Benz Cars haben wir mit unseren Produkten- ob C-Klasse, M-Klasse oder Smart - eine regelrechte Firmenkonjunktur. Bei den Lkw gehen wir davon aus, dass eine Belebung frühestens in der zweiten Jahreshälfte kommen wird. Der weitere Verlauf ist jedoch stark von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig, die die Nachfrage nach Lkw und Transportleistung bestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Die Wachstumschancen wird auch die Konkurrenz nutzen. Rechnen Sie damit, dass chinesische Hersteller zu echten Konkurrenten werden?

Uebber: Die Japaner haben 10 bis 15 Jahre gebraucht, um im Wettbewerb richtig mitzumischen, die Chinesen werden nicht so lange brauchen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

Das Gespräch führten Thomas Hillenbrand und Michael Kröger



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
_bastian_ 14.05.2008
1. Weder Visionen noch Innovationen
Daimler verpasst es leider immer wieder seinem Ruf als Premiummarke gerecht zu werden. Die Qualitätspatzer der letzten Jahre zeigen deutlich wie Kurzsichtig die Strategie des Managements ist. Das zeigt sich auch in diesem Interview das jede Spur von Visionen oder Innovationsbereitschaft vermissen lässt. Daimler lebt von dem Glanz vergangener Tage!
renton81 14.05.2008
2. ohje...
nachdem der ölpreis alle rekorde schlägt, der anstieg der co2 konzentration auf rekordniveau ist, über 40 millionen autos die strassen zu stehen dann reagiert daimler mit: "Uebber: Es gibt jetzt ein kleines Team im Konzern, das sich nur damit beschäftigt, kreative Ideen zu entwickeln und Trends aufzuspüren. Das braucht aber ein wenig, und deshalb werden wir das Ergebnis erst in einiger Zeit sehen." ohje, ohje...
Albedo4k8, 14.05.2008
3. In spaestens fuenf Jahren
ist Daimler insolvent oder so klein wie Rolls Royce und aehnliche High-Premiummarken. Denn die Stuttgarter haben es immer noch nicht kapiert was momentan ablaeuft!
QuixX, 14.05.2008
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von _bastian_Daimler verpasst es leider immer wieder seinem Ruf als Premiummarke gerecht zu werden. Die Qualitätspatzer der letzten Jahre zeigen deutlich wie Kurzsichtig die Strategie des Managements ist. Das zeigt sich auch in diesem Interview das jede Spur von Visionen oder Innovationsbereitschaft vermissen lässt. Daimler lebt von dem Glanz vergangener Tage!
Steigen Sie ein, fahren sie eine Limousine. Dann reden wir weiter. So wie mir scheint, haben Sie noch nie einen Daimler von innen gesehen (die A- und B-Klasse mal aussen vor). Ja. Klassenziel erreicht, guter Zuwachs am shareholdervalue. Andere Aufgaben waren nicht gestellt. Welche Marke hatte gleich wieder keine Patzer die letzten Jahre? Wie gut funktioniert der erweiterte Bremsassistent in Ihrer Randsteinbremse?
Rainer Daeschler, 14.05.2008
5. Die Nische machts
Zitat von Albedo4k8ist Daimler insolvent oder so klein wie Rolls Royce und aehnliche High-Premiummarken. Denn die Stuttgarter haben es immer noch nicht kapiert was momentan ablaeuft!
Warum? Weil Daimler den 1700,- € Nano nicht mit einem Mercedes-Mikro für 1600,- € unterbietet? Es überlebt das Unternehmen, das sich in seiner Nische behaupten kann (siehe Porsche, oder Subaru), nicht unbedingt immer das, was die meisten und billigsten Fahrzeuge produziert.
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