DaimlerChrysler Aktionäre fleddern Schrempps Erbe

Von hochfliegenden Plänen haben die DaimlerChrysler-Aktionäre genug. Nach der ruhmlosen Ära Schrempp genügte Dieter Zetsche ein nüchternes Sanierungsprogramm, um seinen Ruf als neuer Hoffnungsträger auf der heutigen Hauptversammlung zu festigen.

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Berlin - Mit unbotmäßigen Äußerungen hatte Hilmar Kopper noch nie viel im Sinn. Doch auf der heutigen Hauptversammlung der Aktionäre von DaimlerChrysler Chart zeigen suchte der Aufsichtsratschef ungewöhnlich schnell die Konfrontation mit den Kritikern. In scharfer Form wies er diejenigen zurecht, die seinen lobenden Worten zum Abschied von Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp in der Einleitung nicht folgen wollten und dies mit einzelnen Pfiffen deutlich gemacht hatten. Das Lebenswerk des Managers verdiene Respekt, beschied Kopper die Abweichler: "Professor Schrempp hat einen guten Job gemacht."

DaimlerChrysler-Chef Zetsche: Verzicht auf großspurige Visionen
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DaimlerChrysler-Chef Zetsche: Verzicht auf großspurige Visionen

Doch die Zeit, in der Kopper andere durch strenge Maßregelungen in die Schranken weisen konnte, scheinen vorbei zu sein. Das Raunen im großen Saal des Berliner Kongresszentrums ließ es erkennen. Mit demonstrativem Applaus stellten sich die knapp 7500 Versammlungsteilnehmer hinter die Position der Kritiker. Schlechter könnte das Ansehen eines scheidenden Vorstandschefs kaum sein - und das eines Aufsichtsratschefs auch nicht.

Privatanleger, Fondsvertreter und Aktionärsschützer nutzten die Gelegenheit für eine letzte Abrechnung mit dem ungeliebten Manager - und sie bezogen den Aufsichtsratschef gleich mit ein. Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) etwa schrieb Schrempp die Hauptverantwortung für die tiefroten Zahlen der Mercedes Car Group zu. Was den Gesamtkonzern betreffe, sehe es nicht viel besser aus. Ertragsstärke und Aktienkursentwicklung blieben deutlich hinter denen der wesentlichen Wettbewerber zurück. Kopper wiederum habe bis zum Ende hinter den verhängnisvollen Lieblingsprojekten von Schrempp gestanden, ohne ein kritisches Wort zu verlieren.

Liste milliardenschwerer Fehler

Was die Liste der milliardenschweren Fehler der DaimlerChrysler-Bosse betrifft, zeigten sich die Kritiker einig: Noch immer sei die US-Tochter Chrysler weit von einem zufrieden stellenden Ergebnis entfernt, lediglich bei Rabatten belege die Marke einen Spitzenplatz. Die Marke Mercedes, einst zentrale Säule des Konzerns, sei zum Sanierungsfall verkommen, die aktuelle Modellpflege der E-Klasse werde daran kaum etwas ändern.

Weiter monierten verschiedene Redner: Die Nobelmarke Maybach sei ein Beleg für die Selbstüberschätzung der Manager und werde kaum die Hoffnungen erfüllen. Bei Smart schließlich sei mit der Einstellung des Forfour der erste richtige Schritt erfolgt, notwendig sei jedoch die konsequente Aufgabe des gesamten Projekts. Auch die verlorenen Milliarden in der Zusammenarbeit mit dem japanischen Autobauer Mitsubishi mochte niemand vergessen. Die hochfliegenden Pläne von der Welt-AG seien komplett gescheitert.

In dieser Stimmungslage stach der Hoffnungsträger umso deutlicher hervor. Dem neuen DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche genügte ein zurückhaltender Auftritt und der Verzicht auf großspurige Visionen, um die Mehrheit auf seine Seite zu ziehen. Einige Redner dankten dem neuen Chef sogar ausdrücklich für dessen Rede, den moderaten Ton und den neuen Stil, mit dem er sein Amt versehe. Dazu gehört natürlich auch die neue Offenheit beim Gehalt. 1,5 Millionen Euro plus 2,25 Millionen an Prämien soll Zetsche im Jahr verdienen. Zusätzlich erhält er Aktienoptionen, die 2010 ausbezahlt werden.

Hoffnung setzen die Aktionäre auf das bereits angestoßene Sanierungsprogramm. Die massiven Einschnitte bei Smart und Mercedes gehören ebenso dazu wie der Versuch, Chrysler stärker vom technischen Know-how der Mercedes-Ingenieure profitieren zu lassen. Mit Visionen nach dem Vorbild seiner Vorgänger hielt Zetsche sich zurück. Zunächst gelte es, die essentiellen Renditeziele zu erreichen. Sieben Prozent soll Mercedes im nächsten Jahr wieder abwerfen, Smart zumindest keine Verluste mehr schreiben. Das wäre immerhin schon ein Erfolg: Die Mercedes-Gruppe hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen operativen Verlust von 505 Millionen Euro eingefahren.

Verunsicherung im Konzern

Der geplante Stellenabbau zählt zweifelsohne zu den einschneidendsten Maßnahmen, die Zetsche umsetzen will. Mindestens 14.500 Arbeitsplätze sollen bis 2008 konzernweit gestrichen werden, 6000 davon im Bereich des Managements und der Verwaltung. Der bis Ende September angestrebte Abbau von 8500 Stellen in den deutschen Mercedes-Werken liege im Plan, erklärte der Konzernchef heute. Bislang hätten 7800 Mitarbeiter freiwillige Ausscheidungsvereinbarungen unterzeichnet oder Frühpensionierungen in Anspruch genommen.

In der Verwaltung und im Management stoßen die Abfindungsangebote dagegen auf deutlich weniger Resonanz. Ein Problem, das Zetsche schnell lösen muss, denn die Diskussion sorgt für erhebliche Verunsicherung im Konzern.

Mit den entsprechenden Folgen: "Jeder denkt nur noch über seine Zukunft nach anstatt über die von DaimlerChrysler", sagt ein leitender Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. "Für strategische Überlegungen und neue Weichenstellungen bleibt da nicht viel Platz."

Erschwerend komme hinzu, dass die Gerüchte um einen Stellenabbau seit Zetsches Amtsantritt Tagesgespräch in Kantinen und Kaffeeküchen sei. "Man kann fast von Glück sprechen, dass die Fertigung weitgehend automatisiert ist, sonst würde kaum noch ein Wagen vom Hof rollen", flüchtet sich der Manager in Galgenhumor.

Dass er sich mit seiner Entscheidung nicht nur Freunde gemacht hat, darüber dürfte sich Zetsche im Klaren sein. Entsprechend bemühte er sich um Verständnis für seinen Kurs: "Wir wissen, dass hinter Zahlen Menschen und Schicksale stehen. Umso mehr sehen wir es als Verpflichtung, den notwendigen Stellenabbau fair zu gestalten." Von der Versammlung hatte er in dieser Hinsicht ohnehin keinen Widerspruch zu erwarten. "Die Entscheidungen fallen deshalb jetzt so drastisch aus, weil sie viel zu lange aufgeschoben wurden", sagte ein Aktionär.



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