DaimlerChrysler "Ich ziehe jetzt den Stecker"

Bis zuletzt hatte Konzernchef Jürgen Schrempp um eine Zukunft mit Mitsubishi gekämpft. Doch sein letzter Trip nach Tokio war ernüchternd. Auf dem Rückflug hoch über den Wolken traf er eine folgenschwere Entscheidung. Ist Schrempp jetzt angezählt?
Von Andreas Nölting



Hamburg - Selten zuvor ist bei DaimlerChrysler   in den Führungsgremien eine strategische Entscheidung so heiß diskutiert worden wie das Festhalten an Mitsubishi. Niemals waren Für und Wider so schwierig abzuwägen: Die Milliarden abschreiben und Abschied nehmen von den ehrgeizigen Plänen der automobilen Welt AG, oder noch einmal ordentlich Geld zuschießen, um den maroden japanischen Konzern zu sanieren und die Mehrheit zu erwerben.

Für DaimlerChrysler eine Schicksalsfrage. Und auch für Jürgen Schrempp. Der Konzernchef hatte bis zuletzt für eine Zukunft mit Mitsubishi gekämpft - aber eben nicht um jeden Preis. Noch am vergangenen Wochenende jettete Schrempp nach Tokio, um das Bankenkonsortium - angeführt von der Mitsubishi-Bank - zu überzeugen, den größten Teil der Altschulden des japanischen Autobauers in Höhe von etwa sechs Milliarden Euro zu übernehmen und die Modalitäten der dringend erforderlichen Kapitalerhöhung zu klären.

Das Ergebnis der Asien-Visite war für Schrempp ernüchternd. Und auf dem Rückflug hoch über den Wolken hat der Konzernlenker dann offenbar die folgenschwere Entscheidung getroffen: "Ich ziehe jetzt den Stecker." Die Abfuhr, die sich Schrempp in Japan geholt hat, so berichtet ein Insider, sei für diesen radikalen Schnitt entscheidend gewesen.

Am gestrigen Donnerstag stand das Engagement bei Mitsubishi dann im Aufsichtsrat zur Debatte. Es war kein außerordentliches Treffen der Kontrolleure, und das Thema Mitsubishi sollte eigentlich nur eines unter vielen sein.

Doch es kam anders. Zwischen den Aufsichtsräten und dem Vorstand entbrannte eine hitzige Debatte um das ungewisse Abenteuer Fernost. Plötzlich dann überraschte Jürgen Schrempp, dessen Vertrag vom Aufsichtsrat kürzlich bis 2008 verlängert worden war, mit dem Vorschlag, die geplante gemeinsame Zukunft mit Mitsubishi zu beenden.

Eine Flucht nach vorn. Wie Insider berichten, sei Schrempps Vorschlag zwar heftig diskutiert worden, schnell aber sei das Pendel zu seinen Gunsten geschwungen. Augen zu und durch. Das oberste Führungsgremium unter Leitung des einstigen Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper stimmte dem brisanten Ausstiegsplan zu, die Kontrolleure waren sich einig.

Ist Jürgen Schrempp jetzt in seiner Glaubwürdigkeit angeschlagen? Ist er gar ein Auslaufmodell und wird demnächst von der Spitze verdrängt? "Nein, ganz und gar nicht", sagen Topmanager aus seiner Umgebung: "Jürgen ist immer bereit, das Unerwartete zu tun." Zudem habe es keinerlei Druck des Großaktionärs Deutsche Bank  , der 12 Prozent des Kapitals hält, gegeben. Das von den Anlegern häufig so verspotte Duo Schrempp/Kopper halte weiter bestens zusammen.

Wende von der Wende?

Und auch negative Konsequenzen für den amerikanischen Partner Chrysler mag in Stuttgart niemand erkennen. Die Zusammenarbeit zwischen Mitsubishi und Chrysler werde weiter geführt. Die Projekte seien mit langfristigen Verträgen abgesichert. Und schnell versichert auch Finanzvorstand Manfred Gentz, dass Daimler vorerst nicht daran denke, die Kapitalbeteiligung in Höhe von 37,5 Prozent an der Mitsubishi Motors Corporation (MMC) zu veräußern.

Nun sind die Japaner am Zug. Allein sie können Mitsubishi noch retten. Sollten sich Japans Politiker und Banker allerdings nicht dazu durchringen, ihrem maroden Autobauer zu helfen, dann sieht es düster aus.

Viel Zeit für die Formulierung eines Maßnahmenpaketes haben die Japaner nicht. Am 30. April findet die außerordentliche Hauptversammlung von Mitsubishi statt. Gut möglich, dass es in den wenigen verbleibenden Tagen noch einige spektakuläre Vorschläge geben wird und der umtriebige Pokerprofi Schrempp abermals eine Wende von der Wende einläutet.

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