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»Das dauert mir zu lange«

Von Petra Bornhöft
aus DER SPIEGEL 4/1995

SPIEGEL: Herr Damm, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Hans Peter Stihl, hält ökologisch denkende Manager wie Sie für »Romantiker des 20. Jahrhunderts«. Fühlen Sie sich geehrt?

Damm: Ich finde es unverschämt, Leute, die in die Ökologie investieren, als naiv zu bezeichnen. Auf solche Verbandssprüche können wir wirklich verzichten.

SPIEGEL: Bleibt es bei Beschimpfungen, oder sind Sie schon mal direkt unter Druck gesetzt worden?

Damm: Als wir beispielsweise zusammen mit 15 anderen Unternehmen und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland unmittelbar vor der Bundestagswahl in Anzeigen für eine ökologische Steuerreform werben wollten, gab es Ärger. Über die AEG in Frankfurt und Daimler-Benz, zu denen unser Unternehmen ja bis zum 30. September gehörte, bekam ich deutliche Hinweise, ich solle nicht im Namen der gesamten AEG auftreten, sondern die Erklärung mit »AEG-Hausgeräte« unterzeichnen.

SPIEGEL: Warum reagiert die Wirtschaft auf Vorschläge zur ökologischen Modernisierung immer wieder ablehnend?

Damm: Nicht die Wirtschaft allgemein, sondern vor allem die großen Unternehmerverbände igeln sich in Abwehrhaltung ein. Ich fürchte, die großen Verbände wollen gar nicht umsteuern, sondern richten sich immer nur nach den langsamsten Mitgliedern. Aber wir brauchen Rahmenbedingungen wie etwa die ökologische Steuerreform . . .

SPIEGEL: . . . gegen die einflußreiche Industrieführer genauso heftig polemisieren wie die großen Lobbyisten.

Damm: Teilweise provoziert die undifferenzierte Debatte der Politiker solche Abwehrreaktionen. Man darf bei der Reform _(Das Gespräch führten die ) _(SPIEGEL-Redakteurinnen Petra Bornhöft ) _(und Elisabeth Niejahr. ) nicht alles über einen Kamm scheren. Wichtige Industrien, die wie die Stahlindustrie viel Energie verbrauchen, können nicht in gleichem Maße ökologisches Denken und Handeln entwickeln wie unsere Branche. Das muß man pragmatisch angehen.

SPIEGEL: Haben Sie einen konkreten Vorschlag?

Damm: In Problembranchen könnte die Steuerschuld zumindest übergangsweise mit Umweltinvestitionen verrechnet werden: Wer viel dafür tut, seine Produktion umweltfreundlicher zu machen, wird weniger belastet, wer alles beim alten beläßt, muß mehr zahlen.

SPIEGEL: Hätte Ihr Unternehmen durch eine ökologische Steuerreform Vorteile?

Damm: Natürlich. Wenn die Energiepreise steigen, werden die Verbraucher mehr energiesparende Hausgeräte kaufen. Und die Herstellung solcher Geräte halten wir für unsere Stärke.

SPIEGEL: Betrachten Sie den neuen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel als Ihren Verbündeten?

Damm: Herr Henkel wurde auch mal als Öko-Manager ausgezeichnet, im Jahre 1992. Deshalb hoffe ich auf einen Kurswechsel des BDI. Aber generell halte ich nicht viel davon, Institutionen unter Druck zu setzen. Wir müssen noch mehr Einzelunternehmer dafür gewinnen, aus eigener Überzeugung einen Beitrag zum ökologischen Umsteuern der Wirtschaft zu leisten. Über Verbände zu gehen hieße, Lichtjahre zu warten, bis etwas passiert.

SPIEGEL: Versprechen Sie sich auch nichts von den neueren grünen Wirtschaftsverbänden wie Future, BAUM oder Unternehmensgrün?

Damm: Die sorgen für frischen Wind, aber ihr Einfluß ist noch ziemlich gering. Ich fände es gut, wenn sie nicht nur Servicearbeit leisten, sondern sich stärker in die Politik einmischen würden. Entscheidend für ein Vorankommen scheint mir aber zu sein, daß Ökologie in den Unternehmen zur Chefsache wird. Bei uns ist das Thema nicht nur in den einzelnen Fachbereichen, sondern auch im Vorstand angesiedelt, und ich kümmere mich persönlich darum.

SPIEGEL: Mittlerweile haben die führenden Unternehmen fast alle einen Umweltvorstand. Trotzdem bewegt sich wenig.

Damm: Richtig, oft hält sich ein Unternehmen nur einen Feigenblattvorstand, der ökologisches Denken und Handeln nicht gerade fördert.

SPIEGEL: Nett gesagt. Umweltvorstände wie etwa Max Dietrich Kley von BASF denunzieren die Ökologie immer wieder als Jobkiller.

Damm: Leider sind solche unsinnigen und längst widerlegten Behauptungen noch weit verbreitet. Wir können es uns aber nicht mehr leisten, mit umweltverträglicheren Produktionsverfahren und Produkten zu warten wie bisher. Nehmen Sie das Thema Energiesparen: Als wir vor 20 Jahren Sparmöglichkeiten bei Hausgeräten thematisierten, verließen die Verbandsvertreter regelmäßig den Saal. Erst vor einigen Jahren sind solche Themen salonfähig geworden - das dauert mir entschieden zu lange.

SPIEGEL: Könnten die kleinen und mittleren Unternehmen, die in den letzten Jahren auf einen Öko-Kurs einschwenkten, Motor des Fortschritts werden?

Damm: Die Entwicklung ist erfreulich, aber nicht ausreichend. Wir brauchen die Großunternehmen im Boot, um schneller voranzukommen.

SPIEGEL: Sie könnten doch Ihre Position als Chef eines Unternehmens mit fast 10 000 Mitarbeitern nutzen, um die Großen der Industrie zu überzeugen.

Damm: Das tue ich, wo immer es möglich ist. Aber in den Gesprächen wird oft deutlich: Viele Manager begreifen noch nicht, daß wir ökologisch engagierte Unternehmer keine Altruisten sind, sondern genauso Geld verdienen wollen wie andere. Daß das geht, dafür gibt es genug Beispiele. Denken Sie nur an den wachsenden Markt für Öko-Textilien. Mit einer ökologischen Steuerreform würden weitere Anreize für Modernisierungen entstehen. Was meinen Sie, wie schnell ein unökologisches Unternehmen, das wegen der höheren Steuer oder Abgabe seine Wettbewerbsfähigkeit verliert, auf umweltfreundliche Produkte und Verfahren umstellen wird.

SPIEGEL: Warum preschen Sie nicht vor? Sie wollten doch einen sogenannten Echtpreis einführen, in dem sich auch die Kosten der Umweltzerstörung niederschlagen.

Damm: Wir wollten einige Hausgeräte um drei Prozent verteuern. Das entspricht, grob geschätzt, dem Anteil jährlich neu entstehender Umweltschäden am Bruttosozialprodukt. Der Verbraucher sollte diese Umweltlasten beim Kauf spüren, die Mehreinnahmen wollten wir an eine Umweltstiftung geben. Leider zeigen unsere Untersuchungen, daß nur wenige Verbraucher zu solchen Mehrausgaben bereit sind. Deshalb können wir den Echtpreis nicht im Alleingang einführen, sondern müssen erst mal Mitstreiter in unserer Branche suchen.

SPIEGEL: Viele Unternehmen verwirren die Verbraucher jetzt schon mit vermeintlichen Öko-Autos, Öko-Benzin oder sogar Öko-Särgen. Wie sollen die Verbraucher beurteilen können, welche Produkte umweltfreundlich sind?

Damm: Ich finde die Öko-Werbung eigentlich ganz erfreulich. Sie zeigt, daß inzwischen viele Hersteller das Thema Umweltschutz erkannt haben. Aber es gibt etliche ökologische Trittbrettfahrer, die nur behaupten, sie verwendeten ressourcenschonende Produktionsmethoden. Tatsächlich versauen sie die Umwelt mit ihren Verfahren und Produkten.

SPIEGEL: Nennen Sie mal einen Etikettenschwindler!

Damm: Ich will hier kein Einzelunternehmen anprangern. Aber schauen Sie sich nur mal im Bereich der Unterhaltungselektronik um, da ist dieser Prozeß voll im Gange.

SPIEGEL: Wie soll das geändert werden?

Damm: Der Lügenfaktor muß gesenkt werden. Dafür müßte endlich auch in Deutschland vergleichende Werbung erlaubt werden, bei der Unternehmen den Kunden erklären, was sie besser machen als die Konkurrenz. Außerdem brauchen wir eine Stiftung Herstellertest, die Produkte und Produktionsverfahren auf ihre Umweltfreundlichkeit hin untersucht und dann auszeichnet.

SPIEGEL: Öko-Siegel gibt es mehr als genug. Was würde so eine Stiftung besser machen?

Damm: Wir brauchen eine starke, unabhängige Institution, die in der Öffentlichkeit und in der Wirtschaft anerkannt ist. Und die braucht dann auch genug Geld, um die Produkte wirklich kontrollieren zu können. Ob die Wirtschaft das in Eigenregie macht oder der Staat mithilft, ist dabei gleichgültig.

SPIEGEL: Wie realistisch sind solche Vorschläge in Zeiten einer »ökologischen Gegenreformation«, die der Chef des Umweltbundesamtes, Heinrich von Lersner, ausgemacht hat?

Damm: Diese Auffassung halte ich für ganz falsch. Wir stecken in den Anfängen der notwendigen ökologischen Revolution. Selbst eine Rezession bietet die Chance für die ökologische Erneuerung der Wirtschaft.

SPIEGEL: Was macht Sie so optimistisch?

Damm: In der Rezession ändert sich das Verhalten der Verbraucher, also müssen neue Produkte entwickelt werden. Wenn ich aber sowieso neue Geräte auf den Markt bringe, kann ich auch gleich darauf achten, daß sie umweltverträglich sind.

SPIEGEL: Sie können doch jederzeit preiswerte, umweltfreundliche Geräte entwickeln. Wer hindert Sie?

Damm: Oft genug der Verbraucher selbst. Viele Kunden haben ökologisch unsinnige Gewohnheiten, die sich hartnäckig halten. Die Leute messen Leistung von Hausgeräten zum Beispiel mit Vorliebe in Watt-Zahlen, nach dem Motto: je mehr Watt, desto besser das Gerät. Dabei werden längst Staubsauger angeboten, die trotz niedriger Watt-Zahlen eine hohe Saugleistung haben. Aber das ist nur schwer zu vermitteln.

SPIEGEL: Was machen Sie, wenn die schuldengeplagte Bundesregierung die Forderungen der Ökologen aufgreift, neue Steuern einführt und anschließend nichts rückerstattet?

Damm: Das wäre ein Skandal. Wenn die Öko-Abgaben einfach im normalen Haushalt des Finanzministers versickern würden, ginge ich auf die Barrikaden. Wenn das eintritt, müssen die verantwortlichen Politiker weg.

SPIEGEL: Herr Damm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Viele Kunden haben ökologisch unsinnige Gewohnheiten

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Arbeitsplätze im Umweltschutz in Westdeutschland

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Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteurinnen Petra Bornhöft undElisabeth Niejahr.

Elisabeth Niejahr
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