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MUSIKINDUSTRIE Das Ende der Anarchie

Die Allianz zwischen Bertelsmann und der Internet-Tauschbörse Napster könnte den elektronischen Handel revolutionieren. Künftig wollen die Anbieter für Musik - und später auch für Texte, Bilder und Filme - Geld verlangen. Aber werden die Nutzer auch zahlen?
aus DER SPIEGEL 45/2000

In den Bars seiner Heimatstadt Brockton bekommt Shawn Fanning noch nicht einmal ein Budweiser. Mit seinen 19 Jahren ist der Studienabbrecher nach den Gesetzen des US-Bundesstaates Massachusetts zu jung, um ein Bier bestellen zu dürfen.

Doch er ist alt genug, um weltweit die Musikindustrie zu erschüttern.

Vor anderthalb Jahren hat Fanning Napster erfunden, einen Musikbasar, auf dem Internet-Nutzer kostenlos Songs ihrer Lieblingsbands tauschen können. Mit seinem Projekt hat der junge Hobby-Programmierer eine Entwicklung in Gang gesetzt, die selbst nach den Maßstäben des Internet mehr als erstaunlich ist.

Mit fast 40 Millionen Mitgliedern ist Napster inzwischen die größte und am schnellsten wachsende Gemeinschaft, die es im Netz gibt. Jeden Tag kommen 200 000 neue Surfer dazu. Nie zuvor hat jemand so viele Mitglieder in so kurzer Zeit gewonnen - ohne Werbekampagne, nur durch Mundpropaganda.

Die Dynamik, mit der sich Napster verbreitet hat, ist beispiellos, die Probleme sind es allerdings auch: Die großen Musikkonzerne fühlen sich durch Fannings Aktivitäten in ihrer Existenz bedroht - und überzogen ihn mit Urheberrechtsklagen. Für kurze Zeit musste der Dienst sogar eingestellt werden, denn was Napster harmlos »file sharing« (Daten miteinander teilen) nennt, ist für die meisten Entertainment-Konzerne nichts anderes als kriminelles Raubkopieren.

Dabei hat Napster bisher keinen Weg gefunden, mit dem eigenen Angebot Geld zu verdienen. Hätte nicht der Wagniskapital-Geber John Hummer im Mai 15 Millionen Dollar investiert und einen neuen Vorstandschef, den Silicon-Valley-Anwalt Hank Barry, eingesetzt, wäre die Tauschbörse wohl längst am Ende. »Bevor Napster geschlossen wird«, drohte Hummer damals den Musikbossen, »muss man es von meinen kalten, toten Fingern kratzen.«

Dazu wird es wohl nicht kommen. Am Dienstag vergangener Woche gab der Bertelsmann-Konzern in New York überraschend eine Allianz mit Napster bekannt. Der Medienriese will sich an dem Tauschring beteiligen und bekommt so auf einen Schlag Zugriff auf Millionen potenzieller Kunden. Bertelsmann will den Charakter von Napster als Tauschbörse bewahren, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass künftig für den Erhalt von Musik gezahlt werden soll.

Das aber kann nur funktionieren, wenn neben der Bertelsmann-Musiktochter BMG auch die anderen Musikgiganten (Universal, Sony, EMI und Warner) bei Napster mitmachen, also ausgerechnet an jener Plattform, die sie bisher mit allen juristischen Mitteln zu bekämpfen versuchen.

Doch die gemeinsame Front der Musik-Majors zeigt schon länger feine Risse. Den misstrauischen Topmanagern der internationalen Musikindustrie war nicht entgangen, wie sich Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff um ihren gemeinsamen Feind Fanning bemühte. Beim jährlichen Treffen der Medienbosse im Juli in Sun Valley (Idaho) hatte sich Middelhoff demonstrativ neben dem Napster-Gründer platziert. »Thomas, du sitzt auf der falschen Seite«, frotzelten die Kollegen. Der Bertelsmann-Chef blieb sitzen.

Immer wieder hatte Middelhoff versucht, die anderen Musikkonzerne für eine gemeinsame Online-Initiative zu gewinnen. Anfang August traf er sich in New York mit dem Seagram-Boss Edgar Bronfman, dessen Medienbeteiligungen wie Universal Music ("Bon Jovi«, »U 2") inzwischen von dem französischen Mischkonzern Vivendi geschluckt worden sind. Doch Bronfman, einer der Wortführer der amerikanischen Musikindustrie, blieb stur. Eigene Modelle hatte er nicht anzubieten.

Middelhoff gab fast schon die Hoffnung auf, sich mit den Musikkonzernen noch zu einigen. Ernüchtert genehmigte er Andreas Schmidt, dem Chef der Bertelsmann-E-Commerce-Group, mit den Napster-Leuten Kontakt aufzunehmen.

Bereits wenig später, am 12. August, saß Schmidt im kalifornischen Palo Alto in einem kleinen Konferenzraum Napster-Vorstandschef Barry gegenüber. Die Atmosphäre an diesem Samstagnachmittag war so entspannt, dass beide Männer wenig später in ein benachbartes Café wechselten. Beim großen Café Latte wurden sich Schmidt und Barry einig: Gemeinsam wollte man versuchen, einen Deal auszuarbeiten.

In der Woche darauf signalisierte Middelhoff öffentlich, dass bei Bertelsmann ein Stimmungsumschwung stattgefunden hatte. Auf der Kölner Musikmesse Popkomm kritisierte er, die Musikindustrie habe auf die Herausforderungen durch Napster und Co. nicht mit einer »Nach-Vorne-Strategie«, sondern nur mit einer »Abwehrhaltung und Distanz« reagiert.

Im Marketing habe man nicht genügend darüber nachgedacht, wie man die Napster-User als Kunden halten könnte: »Sind das alles Kriminelle? Es sind vor allem unsere Kunden!«

Die Signale wurden in Palo Alto verstanden. In Dutzenden von Gesprächen an verschiedenen Orten der USA einigten sich Barry und Schmidt in den vergangenen Wochen auf die Grundzüge des Deals. Der eigentlich zuständige Vorstand, BMG-Chef Michael Dornemann, spielte bei den Verhandlungen keine nennenswerte Rolle. Seine Ablösung an der Spitze der Bertelsmann-Musiksparte steht unmittelbar bevor.

Das »Projekt Thunderball«, so der interne Codename, ist weit mehr als nur einer der millionenschweren Beteiligungsdeals, wie ihn die Gütersloher derzeit beinahe jede Woche mit Internet-Firmen abschließen.

Vorstandschef Middelhoff hat sich auf eine gigantische Wette eingelassen. Wenn er gewinnt, könnte er dem elektronischen Handel eine neue Richtung geben. »Wir sind wirklich begeistert«, schwärmte Star-Analystin Mary Meeker von der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter in einer ersten Stellungnahme.

Falls Middelhoffs Rechnung aufgeht, wäre der Beweis geführt, dass auch mit digitalisierten Konsumgütern Geschäfte zu machen sind: mit Musik, Bildern, Texten, Spielen und Filmen, die sich der Verbraucher direkt auf den Rechner laden kann.

Dagegen würde der bisher übliche Versand von Büchern, Videos oder CDs, die über das Netz lediglich bestellt, aber per Post ausgeliefert werden, wie ein überholtes Geschäftsmodell wirken.

Der Einsatz ist vergleichsweise gering: Bertelsmann gibt dem angeschlagenen Unternehmen einen Kredit in Höhe von 50 Millionen Dollar. Dafür bekommt es die Option, sich mehrheitlich zu beteiligen. Das allerdings geschieht nur, sofern der schwelende Rechtsstreit zwischen Napster und dem Rest der Musikindustrie beigelegt wird.

Noch sind die Kernfragen, die über Erfolg oder Misserfolg des Projekts entscheiden, nicht geklärt: Wie genau soll das neue Geschäftsmodell aussehen? Auf welche Weise wird künftig das Raubkopieren verhindert? Mehr noch: Wie viele Mitglieder der 38-Millionen-Gemeinde sind wirklich bereit, für Musikstücke nun plötzlich zu zahlen? Ist die Zeit des wilden Datenklaus endgültig vorbei?

Die ersten Reaktionen der Napster-Fans lassen jedenfalls ahnen, dass die Überzeugungsarbeit möglicherweise schwierig wird. Für viele geht in diesen Tagen eine Welt unter.

Das seien »Kapitalisten-Schweine«, flucht »lordspanq« im Forum auf der Napster-Internet-Seite. »Als nächstes berechnen sie uns noch jede E-Mail«, beschwert sich »syini666« und fordert: »Das muss gestoppt werden.« Manche aber zeigen auch Verständnis. »Nichts ist kostenlos«, hält »camper_chuck« dagegen und schimpft: »Ihr seid eine Bande verwöhnter Babys.«

Der Streit ist so alt wie das Internet. Als das World Wide Web 1993 seinen Siegeszug startete, gab es keine Regeln und keine Kontrolle. Dass jeder kostenlosen Zugang zu allen Informationen besaß, gehörte zum Grundverständnis der Surfer.

Als diese anarchische Phase schon bald vorbei war, brach das große Jammern aus. Die ersten Firmen gingen ins Netz und begannen damit, Waren und Dienstleistungen anzubieten.

Trotzdem ist noch immer fast alles, was im Netz angeboten wird, kostenlos verfügbar. Ob Börseninformationen oder Versicherungstarifrechner, ob Preisvergleichsmaschinen oder Streckenplaner: Für solche Dienste zahlt der Surfer nichts außer den Telefongebühren.

Die Anbieter finanzieren ihren Service meist durch Werbung - mehr schlecht als recht. Für sie gab es Wichtigeres, als Gewinn zu machen: Sie wollten möglichst viele Besucher auf ihre Seiten ziehen. Der Profit sollte später folgen.

Nur wenige haben bisher den Schritt gewagt, von ihren Kunden Gebühren zu kassieren. So verlangt das Online-Auktionshaus EBay seit Anfang Februar in Deutschland Provisionen von bis zu drei Prozent für jedes abgeschlossene Geschäft und eine Gebühr für jedes Produkt, das die Mitglieder anbieten wollen. Die Zahl der Waren, die bei EBay ersteigert werden können, hat daraufhin zwar erheblich abgenommen. Ihr Wert aber ist gestiegen, und die Qualität des Angebots hat sich verbessert.

Auf einen ähnlichen Effekt setzt nun auch Bertelsmann. Bisher schwankte die Qualität der Musikdaten erheblich, die im Napster-Netz kursierten. Nach dem komplizierten Herunterladen mussten die Nutzer oft Fehler bei der Übertragung feststellen - viele Songs brechen in der Mitte ab.

Solche Unzulänglichkeiten sollen bald der Vergangenheit angehören, verspricht Schmidt. »Diejenigen, die wirklich beste Qualität haben wollen, werden auch bereit sein, etwas mehr dafür zu zahlen«, hofft er.

Der Vorteil für den Kunden: Er bekommt die Musik legal in Hi-Fi-Qualität. Der Vorteil für Bertelsmann und alle Konzerne, die sich möglicherweise noch an Napster beteiligen werden: Sie bekommen Geld von Leuten, die bisher ihre Produkte benutzt haben, ohne dafür zu zahlen.

Wer Mitglied wird, kauft also nicht die einzelnen Musiktitel, sondern erwirbt das Recht, Musikdateien zu laden. Napster-Chef Barry hat einen monatlichen Pauschalbetrag von 4,95 Dollar als mögliche Mitgliedsgebühr genannt.

Doch Musik soll nur der Anfang sein. Bertelsmann verfügt über einen gigantischen Fundus an digitalisierten Gütern: neben den Musiktiteln der BMG vor allem über Bücher. Mit Random House kontrolliert der Konzern den größten englischsprachigen Verlag der Welt.

Aus Napster könnte schon bald eine Plattform werden, über die digitalisierte Inhalte für das elektronische E-Book heruntergeladen werden könnten. Spiele oder Filme sollen später folgen.

Die entscheidende Frage wird jetzt sein, ob Bertelsmann die anderen Medienkonzerne davon überzeugen kann, bei Napster einzusteigen. Denn ein kommerzieller Tauschring, der nur die Bertelsmann-Stars Santana oder Whitney Houston anbietet, Courtney Love (Universal) oder Jennifer Lopez (Sony) aber außen vor lässt, hat nur wenig Chancen auf Erfolg.

Bertelsmann-Unterhändler Schmidt gibt sich optimistisch: »Die ersten Gespräche mit den anderen Majors waren viel versprechend.« KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,

ALEXANDER JUNG

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