Wohnungen, Bürohäuser, Straßen Das Ende des Baubooms

Gebaut wird immer - auch in der Coronakrise. So sah es zumindest lange aus. Doch nun brechen den Baufirmen die Aufträge weg, weil Unternehmen und Kommunen sparen müssen.
Großbaustelle in Hamburg (Archivbild)

Großbaustelle in Hamburg (Archivbild)

Foto: fhm/ Getty Images

Es gibt nicht viele Unternehmer, die behaupten können, dass ihnen Corona bisher nicht geschadet hat. Siegfried Dettmann ist so einer. "Wir können nicht jammern", sagt er. Er führt mit seiner Frau die Baufirma Anton Steininger im oberpfälzischen Landkreis Schwandorf, nördlich von Regensburg. Hochbau, Tiefbau, Wohnhausbau. In vierter Generation.

Der Gewinn des Familienunternehmens mit rund 200 Mitarbeitern lag in den vergangenen Jahren verlässlich bei gut einer Million Euro. Bis zum Jahresende seien sie noch ausgelastet, sagt Dettmann, doch dann werde es auch für ihn langsam schwierig.

Die Baubranche kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Das Auftragsvolumen pro Beschäftigtem hat sich im Bauhauptgewerbe in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt. Der Umsatz stieg 2019 im siebten Jahr in Folge auf 135 Milliarden Euro, ein Plus um 6,7 Prozent - neuer Rekord. Rund 870.000 Menschen arbeiten in der Branche.

Das Polster ist aufgezehrt

Ein Knick war nicht vorgesehen, ein Absturz schon gar nicht. Mit einem Auftragsbestand von 52 Milliarden Euro war die Branche in das Jahr gestartet, "ein super Polster", sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB), der rund 35.000 Unternehmen vertritt. Nun ist das Polster aufgezehrt. Während sich Einzelhandel, Tourismus oder Industrie nach Monaten des Stillstands zu erholen beginnen, muss sich das Baugewerbe auf harte Zeiten einstellen.

Im Bauhauptgewerbe, wozu vor allem der Hoch- und Tiefbau, aber auch der Straßenbau zählt, knicken die Aufträge weg. Im März lag das Minus bei mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, im April bei 5,3 Prozent. Diese Woche veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Zahlen für den Mai: Minus 8,4 im Vergleich zum Vorjahresmonat. Der Betonboom zeigt Risse, übers Jahr gesehen dürfte der Sektor real schrumpfen.

Die Deutschen ziehen zwar weiter fleißig Wohnhäuser hoch. Aber die Unternehmen bauen kaum, was sonst ein gutes Drittel der Umsätze ausmacht. "Branchen, die für uns sehr wichtig sind, halten sich massiv mit Investitionen zurück", sagt Pakleppa. Viele Firmen sparen sich aus der Krise, indem sie Büroflächen verkleinern, um Mietkosten zu reduzieren.

Bauunternehmer Dettmann sollte für eine Brauerei aus Regensburg ein neues Wirtshaus bauen. Dieser Auftrag wurde in die zweite Jahreshälfte verschoben – vorerst. "Das war ein nennenswerter Auftrag, der reißt eine Lücke, die wir anderweitig füllen müssen", sagt Dettmann.

Hoffen auf das Konjunkturpaket

Auch die Kommunen, denen gerade die Gewerbesteuereinnahmen wegbrechen, haben in den vergangenen Monaten ihr Geld beisammen gehalten. Dettmann, der die Hälfte seines Umsatzes öffentlichen Aufträgen verdankt, registriert "deutlich weniger Ausschreibungen auf dem Markt". Der Konkurrenzkampf um jeden Auftrag sei härter geworden, die Preise seien dadurch um etwa 10 bis 15 Prozent gesunken. Er hofft nun auf das Konjunkturpaket der Bundesregierung. Es soll die fehlenden Gewerbesteuereinnahmen der Kommunen in diesem Jahr etwa zur Hälfte kompensieren. Den Rest sollen die Länder beisteuern.

Ein kommunales Baufieber werde dadurch aber nicht ausbrechen, sagt Georg Stephan Barfuß, Kämmerer der Stadt Regensburg. Bei ihnen sei die Gewerbesteuer um rund 40 Prozent eingebrochen; am Ende des Jahres könnte ein Loch von rund hundert Millionen Euro im Haushalt klaffen. Bei jeder Investition müsse er sich jetzt fragen, ob sie sich nicht um ein Jahr schieben oder strecken lässt, um den Haushalt zu entlasten.

Eigentlich könnten die Kommunen von der Krise sogar profitieren. Die Bauunternehmen haben mehr Kapazitäten für öffentliche Aufträge frei, die bislang kaum gegen die lukrativeren Projekte aus der Wirtschaft ankamen. Barfuß sagt, dass jetzt mehr Angebote auf seine Ausschreibungen kämen.

Jetzt wäre die richtige Zeit, mehr Geld auszugeben. Doch das ist illusorisch. Man sei schon glücklich, wenn 2021 und 2022 das Volumen der kommunalen Investitionen nicht sinke, sagt Verena Göppert, Leiterin des Dezernats Finanzen beim Deutschen Städtetag. "Es wird eine große Aufgabe, auch über 2020 hinaus sicherzustellen, dass die Kommunen weiter investieren können."

Sein Baubetrieb sei alteingesessen und er könne mit der Krise umgehen, sagt Unternehmer Dettmann. Aber Firmen, die vom Boom der vergangenen Jahre angelockt wurden und mit viel Fremdkapital unterwegs seien, würden jetzt wackeln. "Vielleicht wird der Markt durch die Coronakrise bereinigt."

Und wenn dann wieder die Nachfrage anzieht, können die verbliebenen Bauunternehmen erst mal ordentlich die Preise erhöhen.

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