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Klimaschutz »Das Geld reicht nicht«

Der Risikoforscher Christian Kuhlicke beklagt fehlende Anreize für den Neubau von Häusern in hochwassersicheren Lagen.
Ein Interview von Hannah Krolle
aus DER SPIEGEL 31/2021
Zerstörung durch Hochwasser

Zerstörung durch Hochwasser

Foto: Lena Mucha

Kuhlicke, 46, ist Geograf und Risikoforscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig.

SPIEGEL: Herr Kuhlicke, sollten Häuser in den von der Flut zerstörten Hochwassergebieten wieder aufgebaut werden, oder ist das ökologisch und ökonomisch fragwürdig?

Kuhlicke: Es gibt zwei Möglichkeiten – die Gemeinden umzusiedeln oder besser zu bauen. Besser heißt in dem Fall, Häuser vor dem Eindringen des Wassers zu schützen oder sie so zu bauen, dass das Wasser hindurchfließen kann, ohne gravierenden Schaden anzurichten. Umsiedlungen ziehen in Deutschland allerdings nur wenige in Betracht.

SPIEGEL: Was spräche für Umsiedlungen?

Kuhlicke: Die Unwetter kommen wieder, und sie werden häufiger. Im US-Bundesstaat Illinois etwa entschied sich eine Gemeinde nach der Flutkatastrophe vor knapp 30 Jahren für den Umzug des Dorfes auf eine Anhöhe, um sich vor dem nächsten Hochwasser zu schützen. Den Anwohnern wurden die gesamten Kosten des Neubaus erstattet. In Deutschland ist das anders: Hilfsgelder richten sich meist nach dem Marktpreis, nicht nach dem Neubaupreis. Das reicht nicht, um ein neues Eigenheim zu bauen. Wir brauchen hier eine vorsorgende und dauerhafte Lösung.

SPIEGEL: Was brächte eine Versicherungspflicht für Elementarschäden?

Kuhlicke: Eine risikogestaffelte Versicherungspflicht für Elementarschäden ist in vielen Fällen eine gute Lösung. Sie wird aber nicht immer ausreichen. Und: Ein kollektiver Umzug könnte nur mithilfe öffentlicher Mittel geleistet werden.

SPIEGEL: Warum wird so wenig über Umsiedlung diskutiert?

Kuhlicke: Das Thema ist heikel. Der Anthropologe Anthony Oliver-Smith hat einmal gesagt, dass es ein ungeheuerlicher Ausdruck politischer Macht sei, Menschen und Dinge auf der Landschaft herumzuschieben. Da hat er recht. Wir können Menschen, die alles verloren haben, nicht zur Umsiedlung zwingen. Das ist unmenschlich. Das ist beim Braunkohleabbau passiert – und hat ein Trauma hinterlassen. Dieser Gedanke muss in den Gemeinden vor Ort diskutiert, entschieden und individuell begleitet werden.

SPIEGEL: Was kann der Bund tun?

Kuhlicke: Er muss dafür Sorge tragen, Gemeinden klimasicher zu machen, etwa durch Modellprojekte zum Städtebau und zum Wiederaufbau. Dazu gehören Katastrophenszenarien, die die Schadenskosten miteinbeziehen. Wir lassen uns derzeit von Wiederkehrwahrscheinlichkeiten leiten, statt in Konsequenzen zu denken.

hkr
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