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»Das Geschäft ist profitabel«

Interview mit KWU-Chef Adolf Hüttl über die Atomstrategie des Konzerns und die Partnerschaft mit den Briten
aus DER SPIEGEL 43/1997

SPIEGEL: Herr Hüttl, geht es dem Nukleargeschäft von Siemens so schlecht, daß Sie Zuflucht bei den Briten suchen müssen?

Hüttl: Der Nuklearbereich der KWU macht heute etwa 20 Prozent des Umsatzes aus. Es ist profitabel, die Umsatzrendite liegt höher als in anderen Bereichen von KWU. Langfristig wird dieses Geschäft jedoch nicht wachsen, es wird sogar eher schrumpfen, da die Energieversorgungsunternehmen die Preise drücken und die eine oder andere Anlage vom Netz gehen wird. Auf diese Schrumpfphase müssen wir uns einstellen.

SPIEGEL: Ihr Mutterkonzern Siemens will sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Würde es denn da nicht Sinn machen, das Kernkraftgeschäft ganz aufzugeben?

Hüttl: Ich sagte doch eben, es ist profitabel, und es ist ein Kerngeschäft.

SPIEGEL: Ist die Kernkraft nicht eine sterbende Branche?

Hüttl: Mit Sicherheit nicht. Wir sind davon überzeugt, daß wir im nächsten Jahrzehnt auch wieder neue Anlagen bauen werden.

SPIEGEL: Selbst in Europa?

Hüttl: Sowohl in Europa als auch außerhalb Europas. Die Frage, wie in Deutschland in Zukunft der Strom erzeugt wird, wird die Zukunft beantworten. Daß wir in Deutschland heute keinen Neubaubedarf haben, sage ich seit Mitte der achtziger Jahre.

SPIEGEL: Dennoch entwickeln Sie zusammen mit der französischen Framatome einen neuen, angeblich sehr sicheren Reaktortyp, den EPR.

Hüttl: Der Europäische Druckwasserreaktor EPR ist nicht nur »angeblich«, sondern tatsächlich sehr sicher. Die Zusammenarbeit mit Framatome wollen wir ungeschmälert fortsetzen. Wir müssen unsere Fähigkeiten, Kraftwerke zu entwickeln und zu bauen, erhalten. Für den Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke brauchen wir Ingenieurmannschaften, die vom Gesamtanlagenbau etwas verstehen. Nur wenn wir dieses Know-how besitzen, können wir die laufenden Anlagen jederzeit auf dem neuesten Stand der Technik instand halten.

SPIEGEL: Deshalb sollen auch die Energieversorger die Entwicklung des neuen Reaktors mitbezahlen, obwohl die weder Interesse noch Bedarf haben.

Hüttl: Interesse haben sie, aber zur Zeit keinen Bedarf. Wir haben den Energieversorgungsunternehmen immer gesagt, sie können die Qualität ihrer Anlagen langfristig nur sicherstellen, wenn die Fähigkeiten, die dazu notwendig sind, neue zu bauen, erhalten bleiben. Ich kann hochspezialisierte Leute, die ich beim Service nicht oder kaum brauche, nur vorhalten, wenn ich sie mit anspruchsvollen Planungsarbeiten beschäftige.

SPIEGEL: Wie viele Leute sind bei Ihnen noch in der Reaktorentwicklung tätig?

Hüttl: Es gibt keine getrennte Reaktorentwicklung, aber full-time beschäftigen sich 80 bis 100 Leute mit dem neuen Europäischen Druckwasserreaktor und dem Siedewasserreaktor SWR 1000. Das Projekt greift immer wieder auf Menschen zurück, die sonst anderen Tätigkeiten nachgehen.

SPIEGEL: Worin liegt denn eigentlich der Vorteil der deutsch-britischen Fusion?

Hüttl: Beide Partner waren in der Vergangenheit hauptsächlich in ihrem Heimatmarkt stark, beide haben damit begonnen, auf den Weltmärkten eine größere Rolle zu spielen. Bisher haben das beide parallel getan. Künftig machen wir das gemeinsam, davon versprechen wir uns sehr viel.

SPIEGEL: Die Briten werden nur 700 Millionen Umsatz einbringen, die KWU setzt im Atomgeschäft zwei Milliarden Mark um. Werden die Briten demnach nur ein Juniorpartner sein?

Hüttl: Der Umsatz ist nicht entscheidend. Die Beteiligungsverhältnisse sind noch offen.

SPIEGEL: Kann es ein, daß Siemens nur eine Minderheitsbeteiligung übernimmt - und sich damit doch heimlich aus dem Atomgeschäft verabschiedet?

Hüttl: Nein. Wir verfolgen auch auf dem Nukleargebiet eine Langfriststrategie.

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