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SPIRITUOSEN Das große Zittern

Deutsche Spirituosenfirmen haben jahrelang billigen Fusel verarbeitet -gefälschte Ware aus dem Ostblock.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Der Sprit war von der billigsten Sorte. Aber Abnehmer fanden sich immer.

Jahrelang schaffte ein internationaler Ring von Alkoholfälschern Ware aus dem Ostblock nach Deutschland. Mindestens fünf Millionen Liter minderwertigen Alkohols, so schätzen deutsche Experten, kamen -- als Weinalkohol deklariert -- über die Grenze.

Jetzt wird der Ring gesprengt. Die Mannheimer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität glaubt inzwischen genug Beweise in der Hand zu haben, um die Fälscher überführen zu können.

Die Belege sind überwiegend einer Großaktion der Mannheimer Fahnder zu verdanken. Vor etwa drei Wochen hatte Staatsanwalt Hans-Heiko Klein an gut zwei Dutzend Orten gleichzeitig zugegriffen: Experten der Zollfahndung und des Bundeskriminalamtes durchsuchten Büros, prüften Akten und beschlagnahmten Berge von Papier.

Im badischen Offenburg etwa traten die Fahnder bei der Firma Castagnon, Weine und Spirituosen, an. Sprithändler Jean-Louis Victor, ein Franzose, wurde verhaftet.

In Schafbrücke bei Saarbrücken wurde ein zweiter Franzose, der Wein- und Spirituosenhändler Andre Schreiner, festgenommen. Beide sitzen noch in Untersuchungshaft, der eine in Mannheim, der andere in Heidelberg.

Die Haftbefehle sprechen von Betrug: Die Spritspezialisten hätten billigen Melassealkohol in Deutschland als teuren Rohbrand aus Wein verkauft.

Nach Abnehmern für ihren Stoff brauchten die Franzosen nicht lange zu suchen, denn ihr Angebot war so gut, daß deutsche Brennereien kaum ablehnen konnten. Weinalkohol wird in Deutschland zu etwa drei Mark je Liter gehandelt, bei Victor und Schreiner war er 50 Pfennig billiger zu haben.

Das war auch für den Verkäufer ein blendendes Geschäft. Denn den Fusel erwarben sie selbst für Preise zwischen 80 Pfennig und 1,41 Mark je Liter. Nach den Kalkulationen der Mannheimer Staatsanwälte machte der Fälscherring damit einen Gewinn von vielleicht zehn Millionen Mark.

Mehr als 80 Pfennig war der Liter Fusel auch kaum wert. Das Zeug wird aus vergorenen Rübenabfällen, Zuckerrohr oder sogar Holz destilliert. Die Lieferungen kamen vor allem aus Polen, Jugoslawien und Griechenland, aber auch aus Pakistan oder Argentinien.

Der Sprit wurde zunächst in den Niederlanden, im Hafen von Amsterdam, angelandet. Dann ging er auf direktem Wege per Lkw, Bahn oder Schiff über die deutsch-holländische Grenze.

Inzwischen aber hatte der Stoff eine wundersame Wandlung erfahren. Im Amsterdamer Freihafen nämlich, so vermuten die Mannheimer Staatsanwälte, hatten die Experten des Fälscherringes den Fusel mit einem Aufbesserer französischer Provenienz -- einem Bonificateur

( Der Bonificateur enthält vor allem ) ( Aldehydacetal, Propanol, Äthylacetat ) ( und Aromastoffe. )

-- vermischt. Nach dieser Behandlung, bekennt Staatsanwalt S.60 Klein, sei »kaum noch nachzuweisen, welchen Gärstoff das Destillat enthält«.

So passierte der Fusel denn auch als Weinalkohol ohne Schwierigkeiten die deutsche Grenze, obwohl Alkohol nur eingeführt werden darf, wenn er zuvor von einer chemischen Landesprüfungsanstalt freigegeben worden ist. Die amtlichen, deutschen Prüfsiegel konnte der Stoff aus dem Amsterdamer Hafen stets vorweisen.

Der Handel wäre sicherlich noch Jahre gut gelaufen, wenn nicht die deutschen Behörden einen »Denkanstoß« (Klein) vom französischen Zoll bekommen hätten. Die Hintermänner sind nämlich alles Franzosen.

Am Tag nach der Verhaftung in der Bundesrepublik schlug in der Schweiz auf Ersuchen der Mannheimer Staatsanwaltschaft die Polizei ebenfalls zu. In der Basler Castagnon-Dependance verhafteten sie den Geschäftsführer Louis Blanc und beschlagnahmten Akten.

Tags drauf setzten die Schweizer auch Paul Cremieux fest, den Chef der französischen Weinhandelsfirma Sapvin, der Societe d''approvisionnement vinicole in Marseille. Die Verhaftung des 72jährigen Cremieux bedeutet für die französische Wein- und Spirituosenindustrie einen neuen Skandal -- und es ist nicht der erste, in dem Cremieux die Hauptrolle spielt.

Die Sapvin ist zu 49,9 Prozent an der Societe des vins de France, der bedeutendsten Verteilerorganisation für Tafelwein in Europa, beteiligt. Die übrigen Anteile hält die Gruppe Pernod-Ricard und die Bank Credit agricole.

Im Auftrag der Ricard-Leute und der Credit agricole werden nun die Bücher der Sapvin gründlich geprüft, denn nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP kämpft Sapvin schon seit einiger Zeit mit finanziellen Problemen. Die Verluste sollen 120 bis 160 Millionen Franc betragen.

In Verruf geraten ist die Firma vor allem durch ihren Chef. Cremieux ist bereits zweimal straffällig geworden: 1977 wurde er wegen Weinschmuggels zu einem Monat, 1979 wegen Pantschens zu 18 Monaten Haft mit Bewährung verurteilt.

Mit Schaudern erfuhren französische Weinfreunde damals, daß so renommierte Sapvin-Marken wie Prefontaines, Kiravi, Postillon und Geveor drei Jahre lang mit Zucker süffiger gemacht und mit 150 Tonnen Pottasche neutralisiert worden waren.

Daß die Alkohol-Pantscher sich auf Deutschland konzentrierten, hat gute Gründe. Die Bundesrepublik ist für Schnapsdealer ein lohnendes Ziel, seit 1922 zum Schutz der heimischen Kartoffelbrennereien das Branntweinmonopol eingeführt wurde. Mittlerweile ist aus der protektionistischen Grenzabgabe eine wichtige Steuerquelle geworden.

Nach der Erhöhung der Branntweinsteuer zum 1. April will der Bund in diesem Jahr 750 Millionen, im nächsten Jahr gar etwa eine Milliarde Mark mehr abschöpfen. Die Steuerlast je Liter reinen Alkohols steigt für die Spirituosenindustrie von 19,50 Mark auf 22,50 Mark. Da sind preiswerte Angebote vom Schwarzmarkt willkommen.

Schon vor Jahren, so die Erkenntnisse der Mannheimer Staatsanwälte, verlegte die Sapvin über ihre Tochterfirmen in Offenburg und Basel sich auf das lukrative Alkoholgeschäft in der Bundesrepublik. Und das könnte jetzt für einige Firmen böse Folgen haben.

»Bei den Spritfälschern«, ahnt Peter Wendt, Anwalt eines der Verhafteten, »hat so ziemlich die ganze deutsche Spirituosenindustrie gekauft.« Da sorgen sich nun einige Firmen, die deutschen Trinkern unwissentlich Rübenbrand und Holzfusel untergemischt haben, um ihr kostbares Markenimage.

Staatsanwalt Klein: »In der Branche hat das große Zittern begonnen.«

S.59Der Bonificateur enthält vor allem Aldehydacetal, Propanol,Äthylacetat und Aromastoffe.*

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