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»Das ist der größte Bazillenträger«

aus DER SPIEGEL 30/1978

Geld darf nicht stinken. Deutsches, das weiß ich jetzt, schon gar nicht. Am weitreisenden Dollar, an Franc, Lire-Scheinen, Peseten oder schlampigen Rupien bleibt zweifellos mehr kleben. Die Mark ist sauber. 2400 Staatsdiener sind bei der Bundesbank einzig damit beschäftigt, sie sauberzuhalten. Braucht bloß ein Bürger den zentralen Währungshütern in der Frankfurter Wilhelm-Epstein-Straße (vormals »Diebsgrund") zu schreiben »finde in meiner Lohntüte mal wieder schlimme Lappen« -- schon grübelt das zuständige Direktoriumsmitglied Ottomar Werthmöller mit seinen Cash-Experten, ob man den Begriff Sauberkeit nicht noch enger fassen müsse.

Anfühlen soll man der Währung ihre Stabilität. Doch jeder Teilstrich mehr Pflege kostet beim Geld gleich Millionen.

Von ihren immer weiteren Wegen bringt die solide Mark auf ihrem Papier nicht nur internationale Keime heim (mit denen sich in Berlin zur Zeit die Hygieneforscher befassen). Sie trägt, wie ich sah, auch die Spuren schmuddeliger internationaler Geldgepflogenheiten. Aus naßgeschwitzten Brustbeuteln und den Geheimfächern gewisser Gürtel kehrt sie glanzlos und total geplättet zurück.

Risse und Flicken entstellen sie. Ferner Spuren der ursprünglich bloß französischen Unsitte, Bares in der Tasche aneinanderzuheften, Stichmale also von diesem, wie ein Bundesbankdirektor findet, »schrecklichen Nadelpieken in Scheine«. Auf Angeber, die sich mit Geld die Havanna oder sonstwas anstecken, komme ich noch.

Sauberkeit im Sinn, nehmen die ausgesucht wohlbeleumdeten Sortierer in 230 übers Bundesgebiet verstreuten Sammelstellen der Bundesbank möglichst das gesamte deutsche Bargeld dreimal im Jahr in die Hand und blicken es prüfend an. Zur Zeit sind es 1071 Millionen Scheine im Wert von 71 Milliarden Mark, doppelt soviel wie vor einem Jahrzehnt.

18 Milliarden Mark in Gestalt von 450 Millionen Scheinen und ein Gewicht von 408 Tonnen wurden letztes Jahr für untauglich erklärt und durch frische Ware aus zwei kriegsmäßig bewachten privaten Gelddruckereien ersetzt. Die Beamten leisten ähnliches wie Aschenbrödel mit den Erbsen: In einer Fülle einsamer Sofortentscheidungen trennen sie von den guten die schlechten. Von denen trennt sich dann die Bundesbank. Als Spur der Millionen, die in den zwei Verbrennungskammern der Epsteinstraße Tag für Tag verheizt werden, nehme ich über dem Schornstein des hohen Hauses mit Mühe etwas blauen Dunst wahr.

Für die alte Bank von England erledigen den Geldputz seit jeher billig die privaten Banken. Die staatlichen Geldhüter der Bundesrepublik lieben es, deutscher Tradition gemäß, alles Bare wieder und wieder zu verlesen. Wie sieht es aus? Schäbig, geklebt oder falsch? Wie fühlt es sich an? Filzig, schmierig, ungesund? Amtlich gilt es, das zu befinden.

Immer wieder stellen die zuständigen Oberbeamten nachdenkliche, ja eifersüchtige Vergleiche mit dem vielleicht noch etwas gepflegteren Gulden oder dem Schweizer Franken an. Deutsche Scheine können von Blinden beispielsweise ausnehmend schlecht auseinandergehalten werden. Immer amtlicher verfestigt sich deshalb in Frankfurt der Vorsatz, demnächst mit flacheren, längeren Scheinen und bald auch tastbaren Kennzeichen herauszurücken. Aber Reinlichkeit geht natürlich vor.

Das zählende Personal der Zentralbank sitzt in Boxen aus Plexiglas. Jeder für sich. aber möglichst viele gut überschaubar nebeneinander, so machen diese Geldpfleger virtuos die uralte Bewegung von Daumen und Zeigefinger, jeder bis zu 15 000mal am Tag. Es werden gerade ein paar Maschinen erprobt, die sie entlasten könnten. Aber die sind mit ihren Sensoren eben bloß auf ein etwas unpersönliches Leitbild von Sauberkeit auszurichten.

Was ist sauber, was nicht? Nicht einmal Deutschen gelingt es, das zweifelsfrei in eine Dienstanweisung zu fassen. Die lautet vage: Scheine seien zu sondern in »umlaufsfähige« und »nicht umlaufsfähige« in solche, die »ohne weiteres« oder aber »nicht ohne weiteres zu vernichten« seien. Blüten hebt die Landesbank in gepanzerten Karteien ja bis zu 20 Jahre lang auf.

Nicht einmal beim Fußball behält ein Mitwirkender die anderen so unab-

* In der Bundesbank in Frankfurt.

lässig im Auge, wie das unter unseren Geldpflegern die Regel ist. Sie, die sich zweimal stündlich mit Spezialseife die Hände reinigen, verrichten nichts Dienstliches unter weniger als vier Augen.

Manche von ihnen sagen draußen nie, woran sie wirklich arbeiten, verzichten auf Amtstitel und Eintragungen im Telephonbuch. Deshalb haben die sich über meinen Besuch geärgert, sich sogar hinterm Blattgrün ihrer Büropflanzen abgekehrt. Es gibt Summen, bei denen alle Arten von Versuchung denkbar scheinen. Und das, obgleich die ausgesonderten Scheine vorsorglich ganz schnell gelocht werden.

Jedermann kann in den USA neben anderen Scherzartikeln Dosen mit 500 Dollar erwerben, wie sie aus dem staatlichen Reißwolf kommen. Mit so großer Entwertung gibt die Bundesbank sich nicht zufrieden. Die müde Mark wird ausgezahlt, geschichtet, mit beglaubigter Bauchbinde gebündelt und anschließend in Makulatur verwandelt, aber doch nur fürs erste. Schreitet so ein Trüppchen Sortierer gemeinsam zur Stanzpresse, um dort Millionen gleich einem Emmentaler Käse zu durchlöchern, so mutet es an wie Meßdienst am Mammon (und wie einen Ronald Biggs behielten sie mich im Blick).

Das gelöcherte Papier erreicht als bewachter Geldtransport die Frankfurter Zentrale. Dort im Tresor trifft es auf die aus dem Ostblock heimflutenden Milliarden, welche die Bundesbank in der Zentrale unmittelbar filzen läßt.

Sechs amtliche Löcher im Schein, da bleibt kein Spielraum für ein kriminelles Recycling. Trotzdem wird das aus den Filialen in den Ländern hereinkommende Geld in Frankfurt gleich wieder amtlich nachgezählt. »Das können wir doch nicht einfach gutgläubig nehmen«, sagt der anonyme Hauptabteilungsleiter. Nachher werden die durchlöcherten Packen in Säcke gestopft und mit besonderem Zwirn eingenäht.

Bisher waren es gebrauchte Kaffeesäcke aus Costarica: Ein Hauch von Mokka schwebte über der Geldentwertung. Andererseits kam aus den Schiffsbäuchen die Krätze und Schlimmeres in die sterilen Amtsräume. Deshalb leistet sich die Bundesbank fortan neue, indische Jutebeutel zu 90 Pfennig das Stück.

In der Sackstation der Zentrale legen die Geldpacker kurz vor dem Zunähen plötzlich Abermillionen zur Seite. Kein gelochtes Bündel mit Fünfhundert- oder Tausendmarkscheinen darf gleich im ersten Anlauf in den Sack, und auch vom Kleineren wird jeder zehnte Packen nochmals aufgerissen und unter mindestens vier Augen noch mal durchgezählt: money, money, money ... Einem Zähler kommt es wie Ekel hoch: »Das ist und bleibt der größte Bazillenträger.«

So ein Säckchen Tausender macht elf Millionen. Bei Hundertern sind"s noch 1,6 Millionen. Gefüllt mit so unterschiedlichen Werten, wandern an einem endlosen Förderband 67 numerierte stählerne Kipploren schließlich hin zum zentralen umgitterten Glutofen der Bundesbank, in den alles Papiergeld einmal mündet. Es wird Buch geführt über den Inhalt der Loren bei jedem Umlauf -- doch die Nummern der Scheine notiert keiner.

Unter ständiger Umdrehung eines Reiß- und Rührwerks verglühen die Scheinbündel in der donnernden Hitze von 1100 Grad Celsius. Erst das feine Pulver, das unten herausfällt, wird nicht mehr bewacht.

Noch viel teurer wird die Kosmetik, sobald es um Kleingeld geht. Davon befinden sich pro Bürger derzeit 99 Mark in Umlauf: 19,6 Milliarden Stück im Wert von 6,33 Milliarden Mark, darunter 7,3 Milliarden Pfennigstücke. Die Bundesbank wüßte gerne. wohin gerade die verschwinden. Nach eines Gelddirektors Rechnung müßte »jeder Säugling eine Rolle Pfennige in der Tasche haben«.

Vermutlich stecken sie eher in den Wechselautomaten des Handels. Ländliche Bräute bezahlen auch noch immer ihre Hochzeitspumps damit, obwohl nach dem Gesetz kein Kaufmann mehr als 500 Pfennige auf einmal nehmen muß.

Und neuerdings mißbrauchen Werbeagenturen den Pfennig in Massen. Die kleben ihn einfach auf ihre Prospekte. Davon erholt er sieh oft nicht mehr. Pfennigweise Klebstoff ablösen, das kostet die Bundesbank Unsummen. Dabei liegt der Gestehungspreis pro Pfennig ohnehin bei 2,3 Pfennigen.

Heimtückisch schleichen sich unters deutsche Automatengeld gleich große Münzen weicherer Währungen. Spezialisten in Großraumbüros beugen sich über die mit ihren Lupen und wälzen oft lange in Katalogen, um zu erkennen, welcher Staat dafür was gutschreibt. An den Prager Frühling erinnern die Münzpfleger sieh gerne, weil sie damals die Hälfte von 20 000 hereingeschleusten tschechischen Kronenstücken zurücktauschen konnten. Auf dem Rest sind sie sitzengeblieben.

Doch gibt es Kleineres als Kleingeld, um amtlich darauf zu starren. Auch für Krümel einer Barschaft sind die Lupennmänner noch zu haben, für Angewestes aus den Taschen von Wasserleichen, Geld aus Gullis oder Wäscheschleudern sowie versehentlich Versengtes. Kraft Gesetzes wird voll entschädigt, wer mehr als die Hälfte eines Scheines einreicht, egal ob mit oder ohne Nummer.

Der alten Frau aus Darmstadt, die in diesem miesen Sommer sechzig geröstete Hunderter aus ihrem Ofen schickte, haben die Frankfurter diesen Betrag selbst noch aus der Asche dokumentiert. Nie wieder wird sie nun in ihrem Herd nach der Heizperiode einen Tresor sehen wollen.

Auch vergraben ist nicht gut fürs Geld. Als Verwahrungsart steht es dennoch weiter in Ansehen, nicht allein aus kriminellen Gründen. Ein Bankenverächter aus München ließ 18 000 Mark in der Erde arbeiten, bis er heuer in dieser Preislage glaubte ein Grundstück gefunden zu haben. Schimmel hat an seinen Scheinen Erstaunliches bewirkt. Der Sparer schob alles zum Trocknen in einen Backofen, wo sich das Bündel Scheine zu einer bräunlichen Zigarre zusammenkringelte.

Dennoch kein Grund zu völliger Verzweiflung: Die Aschenforscher der Bundesbank erkennen das meiste wieder. Derlei humanitäre monetäre Arbeit leisten sie auf Antrag zirka 30 000mal im Jahr, nehmen dabei fast alles verständig hin -- bis auf Mutwillen gegenüber dem Geld.

Wer ein Freudenfeuer aus Banknoten entfacht, aus einem Riesen einen Fidibus dreht, der allerdings beißt bei ihnen auf Stein. »Ein Kerl, der sich mit Geld die Zigarre anzündet«, urteilt ein Spezialist für Geldscheine, »nein, dem würde jedenfalls ich nichts vergüten, selbst wenn er's nachher bereut.« Unser liebes, liebes Geld verdient ja wohl ein wenig Achtung.

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