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SPIEGEL Gespräch »Das ist ein Kampf bis aufs Messer«

Salzgitter-Vorstandsvorsitzer Ernst Pieper über die Krise der europäischen Stahlindustrie
aus DER SPIEGEL 14/1981

SPIEGEL: Herr Pieper, 1980 steckten die meisten bundesdeutschen Stahlkonzerne noch tief in den roten Zahlen. Jetzt werden Stahlaktien an der Börse zu stattlichen Kursen gehandelt. Geht es der Branche besser?

PIEPER: Schön wär''s. Ich bin kein Börsianer, aber ein Insider. Und da kann ich Ihnen versichern: Wir stecken wahrscheinlich tiefer denn je drin. Die deutschen Hütten sind so arg in Bedrängnis, daß einige schon bald auf die Intensivstation müssen.

SPIEGEL: Das hört sich sehr dramatisch an. Dabei hat doch die EG-Kommission erst im Oktober vergangenen Jahres versucht, mit festen Produktionsquoten für Europas Stahlkonzerne zu verhindern, daß die Firmen sich mit Schleuderpreisen gegenseitig in die Pleite treiben.

PIEPER: Richtig ist, daß sich die Preise durch die Reglementierung stabilisiert haben. Mehr noch aber sind die Kosten für Kohle und Energie, Erz und Löhne gestiegen. Um wieder in die Gewinnzone zu kommen, müßten wir noch mindestens 50 Mark pro Tonne draufschlagen können. Das ist bei dem harten Wettbewerb nicht drin.

SPIEGEL: Den ruinösen Wettbewerb hat doch Brüssel gerade abgeschafft?

PIEPER: Wo denken Sie hin. Brüssel hat insgesamt den Stahlausstoß um zwölf Prozent gedrosselt. Wohin der Stahl geliefert wird, das hätte auch geregelt werden müssen.

SPIEGEL: Hätten Sie die Lieferungen gern auch noch reglementiert?

PIEPER: Ich bin gegen jede Form von Dirigismus. Sagen Sie bloß nicht, wir hätten keinen Wettbewerb, wenn inzwischen die Importe am deutschen Markt 40 Prozent erreicht haben. Das ist kein Wettbewerb mehr, das ist schon ein Kampf bis aufs Messer.

SPIEGEL: Sie reden so, als ob wir stündlich mit der ersten Pleite eines deutschen Stahlkonzerns rechnen müßten.

PIEPER: Soweit ist es noch nicht. Den Substanzverzehr aber kann keiner von uns mehr allzulange verkraften. Die Stahlkrise dauert nun schon sechs Jahre. Und Brüssel hat uns da nicht herausgeholfen, das Quotensystem hat uns letztlich geschadet.

SPIEGEL: Inwiefern? S.64

PIEPER: Den Beamten in Brüssel hat offenbar eine Fata Morgana vorgeschwebt. Eine Quotierung der Produktion ist ein völlig untaugliches Mittel, weil es die überholten Strukturen der europäischen Stahlbranche mit ihren Überkapazitäten und veralteten Fabriken lediglich zementiert, aber nichts verändert.

SPIEGEL: Sind die Deutschen von Brüssel denn schlechter bedient worden?

PIEPER: Es gibt seit Jahren schon keine Chancengleichheit mehr. Unsere Konkurrenten in Belgien, Luxemburg, Frankreich, England und Italien werden mit Milliarden Mark aus ihren Staatskassen subventioniert. Da fällt es ihnen natürlich leicht, uns bei den Preisen ständig zu unterbieten und uns Marktanteile abzujagen. Wenn meine ausländischen Kollegen dann Riesenverluste machen, zahlt bereitwillig der Staat.

SPIEGEL: Auch deutsche Steuergelder sind schon reichlich in die Stahlindustrie geflossen.

PIEPER: Das waren nur einige hundert Millionen Mark zur Förderung der Stahlforschung. Und in Einzelfällen haben sich die öffentlichen Hände auch mal zu kleineren Bürgschaften verführen lassen.

SPIEGEL: Wie ist das mit der Milliarden-Mark-Hilfe für die Saarhütten und dem zugesagten 250-Millionen-Kredit für Hoesch in Dortmund?

PIEPER: Im Vergleich zu dem, was meine Herren Kollegen aus den EG-Ländern bekommen haben, sind das Peanuts. Deren alte Hüttenwerke hängen schon seit 1975 am Tropf und werden seither mit rund 60 Milliarden Mark von ihren Regierungen künstlich am Leben gehalten.

SPIEGEL: Die deutsche Stahlindustrie hätte wohl auch lieber mehr Steuergelder?

PIEPER: Das wollen wir nicht. Im Gegenteil, wir sind für mehr Marktwirtschaft. Nirgendwo ist so viel investiert und rationalisiert worden wie bei uns. Die meisten Betriebe hier, auch die an der Saar, sind rentabel, wenn sie nicht gegen die vereinigten Steuerzahler Europas antreten müßten.

SPIEGEL: Wenn die deutschen Betriebe so viel moderner sind, dann müßte ihnen das nichts ausmachen.

PIEPER: Die Crux ist, daß in den EG-Ländern die Steuermilliarden kaum dazu verwandt wurden, die Klitschen einzumotten und moderne Betriebe aufzubauen, denn das hätten wir ja noch schlucken können. Mit den Geldern werden vor allem die Stahlpreise zu über hundert Mark die Tonne subventioniert.

SPIEGEL: Was schlagen Sie dagegen vor?

PIEPER: Wir fordern, daß die Bundesregierung in Brüssel diesmal hart S.66 bleibt und nicht nachgibt wie im Herbst, als sie dem Quotensystem zustimmte. Wir wollen ein Ende der Subventionswirtschaft in Europa.

SPIEGEL: Auf dem EG-Gipfel in der vergangenen Woche hat selbst der Kanzler in dieser Sache nichts erreicht.

PIEPER: Das geht auch nicht von heute auf morgen. Ich mache mir da keine Illusionen. Zur Überbrückung unserer Schwierigkeiten muß Bonn notfalls eine Grenzausgleichsabgabe einführen. Für jede Tonne subventionierten Stahl, die bei uns reinkommt, müßten an der deutschen Grenze 100 bis 120 Mark entrichtet werden. Dann könnten auch wir komfortabel leben.

SPIEGEL: Geben Sie sich da nicht einer Illusion hin, nämlich daß die Bundesregierung wagen würde, Brüssel zu brüskieren?

PIEPER: Die Rechtsordnung der Gemeinschaft zieht einen solchen Ausgleich bei Wettbewerbsverfälschungen vor. Da muß Bonn halt mal massiv werden, wenn die deutsche Stahlindustrie nicht vor die Hunde gehen soll.

SPIEGEL: Graf Lambsdorff hat sich doch schon im Herbst vergeblich gegen die Einführung des Quotensystems zu wehren versucht ...

PIEPER: ... und uns damit vertröstet, den anderen europäischen Staaten werde irgendwann das Geld für ihre wilde Subventioniererei von selbst ausgehen. Doch gerade in den letzten Monaten haben die noch mal einen kräftigen Schluck aus der Pulle bekommen.

SPIEGEL: Herr Pieper, ist denn der Salzgitter-Konzern bei der Quotenzuteilung benachteiligt worden? Die Klöckner-Werke sind ganz zufrieden, und Thyssen sprach sich sogar für eine Verlängerung über den 30. Juni hinaus aus.

PIEPER: Bei der Zuteilung, das steht fest, hat es Gewinner und Verlierer gegeben. Und die EG-Kommission hat zu viele Ausnahmen zugelassen, so für Edelstahl und Weißblech. Das hat anderen sehr geholfen.

SPIEGEL: Zum Beispiel Thyssen und Krupp. Also fühlen Sie sich benachteiligt?

PIEPER: Darauf kommt es mir gar nicht an. Grundsätzlich wäre es besser gewesen, Brüssel hätte überhaupt keine Ausnahmen zugelassen. Dann wären die Leiden mehr egalisiert worden, und es hätte mehr Opfergleichheit gegeben.

SPIEGEL: Offensichtlich ist der Dirigismus von Brüssel für Salzgitter ein Problem?

PIEPER: Nicht nur für Salzgitter: Daß es so in Europas Stahlindustrie nicht weitergehen kann, darüber sind wir uns in der Bundesrepublik alle einig. Denn die schlechte Kapazitätsauslastung von nur 60 Prozent macht uns allen zu schaffen.

SPIEGEL: Die Deutschen sind doch selber schuld. Brüssel ist zu seinem Dekret gezwungen worden, weil sie sich nicht auf eine Verlängerung der freiwillig vereinbarten Lieferbeschränkung einigen konnten.

PIEPER: Das stimmt. Das soll aber nicht heißen, daß wir uns an den Dirigismus gewöhnen. Wenn am 30. Juni die Quotierung ausläuft, muß es wieder eine freiwillige Regelung aller europäischen Stahlkonzerne geben.

SPIEGEL: Ist es denn nicht egal, ob Brüssel die Quoten bestimmt oder ein Stahlkartell?

PIEPER: Eine behördliche Reglementierung kann nie so gut klappen, wie das, was Unternehmen aus ihrer besseren Marktkenntnis heraus machen. Bei dirigistischen Maßnahmen, die auf Zufälligkeiten beruhen, hat jeder nichts Eiligeres zu tun, als sie zu unterlaufen.

SPIEGEL: Es sieht gegenwärtig in der deutschen Stahlindustrie, erst recht in der europäischen, nicht so aus, als ob sich die Unternehmen bis zum 30. Juni auf ein freiwilliges Kartell einigen könnten.

PIEPER: Ich hoffe, daß alle mit dem guten Willen, sich zu einigen, an den Verhandlungstisch kommen. Zudem ist der Bundeswirtschaftsminister gegen eine Verlängerung der Zwangsregelung. Ich fürchte nur, daß er mit seiner Zustimmung im Oktober jetzt eine freiwillige Einigung sehr erschwert hat.

SPIEGEL: Warum?

PIEPER: Die Gewinner bei der Quotenvergabe wollen ihren Besitzstand nicht mehr hergeben und stellen sogar noch höhere Forderungen ...

SPIEGEL: ... beispielsweise Klöckner ...

PIEPER: ... und die Verlierer wollen so schnell wie möglich wieder aus dem Jammertal heraus.

SPIEGEL: Was wird, wenn Europas Stahlunternehmen sich nicht einigen und auch die Quotierung fällt? Dann haben Sie doch Ihren freien Wettbewerb.

PIEPER: Übergangslos darf das nicht sein, dann hätten wir wieder das totale Chaos. Der Markt würde mit Stahl überschwemmt, und die Preise landeten im Keller. Dann aber wird es nicht mehr lange dauern, bis die ersten deutschen Konzerne ihre Löhne nicht mehr zahlen können. Sie werden zu den Landesregierungen und zur Bundesregierung laufen und die Hände aufhalten.

SPIEGEL: Und bekommen Geld.

PIEPER: Ist doch klar. Die Politiker werden nicht zulassen, daß die Unvernunft der Stahlbosse auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird.

SPIEGEL: Herr Pieper, so wie Sie das sagen, müssen wir annehmen, daß die Salzgitter AG als erste in Bonn anstehen muß?

PIEPER: Mit Sicherheit nicht. Wir liegen mit unseren Produktionskosten noch in der besseren Hälfte der deutschen Stahlindustrie.

SPIEGEL: Salzgitter verfügt wie viele andere Unternehmen noch über zu hohe Stahlkapazitäten. Wird es nicht höchste Zeit, daß die Deutschen noch mehr Öfen stillegen?

PIEPER: Wir allein können doch nicht durch Schrumpfen die Überkapazitäten S.68 in der gesamten Welt abbauen. Die Weltstahlkapazität liegt bei rund 900 Millionen Tonnen, aber verbraucht werden nur 720 Millionen Tonnen. Was sollen die Deutschen mit ihren 60 Millionen Tonnen Kapazität bewirken? Wir haben uns keine Versäumnisse vorzuwerfen, weil wir seit Jahren kräftig abbauen.

SPIEGEL: Was hat Salzgitter in dieser Hinsicht getan?

PIEPER: Wir haben unsere Siemens-Martin-Öfen und unsere alten Walzstraßen schon längst stillgelegt und in sechs Jahren 5000 Arbeitsplätze abgebaut. Bis 1983 werden wir ein Hochofenwerk schließen und unsere Rohstahlkapazität von sieben auf fünf Millionen Tonnen abbauen.

SPIEGEL: Doch wohl nur unter dem Druck der Krise?

PIEPER: Für Salzgitter wäre es sicherlich besser, wenn unsere Rohstahlkapazität kleiner und unsere Verarbeitungstiefe größer wäre. Das kann man natürlich heute leicht sagen. Vor zehn Jahren, als die Weichen für unsere heutige Konzernstruktur gestellt wurden, sah die Landschaft noch anders aus.

SPIEGEL: Haben Sie zu lange gezögert, ehe Sie die Weichen neu stellten?

PIEPER: Es ist nicht so, daß wir die Hände in den Schoß gelegt haben. Wie nirgendwo sonst in Europa haben deutsche Stahlkonzerne frühzeitig ihre Weiterverarbeitung ausgebaut. Salzgitter hat das Großanlagengeschäft forciert und sich an dem Kupplungs-Konzern Fichtel & Sachs beteiligt. So stieg der Umsatzanteil unserer Weiterverarbeitung von 33 auf inzwischen 52 Prozent an. Bei Thyssen liegt der Anteil sogar bei 57 Prozent.

SPIEGEL: Im Stahlbereich ist ein langfristiges Konzept nicht zu erkennen.

PIEPER: Salzgitter hat in den letzten zwei Jahren beim Stahl noch Gewinne gemacht. Denn die Stahlwelt hat sich erst in den letzten Monaten so gravierend verschlechtert.

SPIEGEL: Über die Krise bei Hoesch beispielsweise wird seit zehn Jahren gesprochen, und Klöckner hat fast genausolange Probleme mit seiner Hütte in Bremen. Haben da nicht Manager und Aufsichtsräte versagt?

PIEPER: Ich kann mich natürlich nicht über meine Konkurrenten äußern. Aber noch trägt jeder seine Verluste selbst.

SPIEGEL: Wie hoch sind die Verluste Ihres Unternehmens beim Stahl?

PIEPER: Derzeit machen wir Monat für Monat Verluste zwischen 10 und 20 Millionen Mark.

SPIEGEL: Als Chef eines Bundesunternehmens haben Sie es natürlich S.69 leichter als ihre Kollegen aus den privaten Konzernen. Sie haben Bonn als Eigentümer im Rücken.

PIEPER: Ich habe zwar einen solventen Aktionär, aber der Bund wird bei der augenblicklichen Haushaltslage nur im äußersten Notfall bereit sein, uns hilfreich unter die Arme zu greifen.

SPIEGEL: Wenn weiterhin die Stahlmanager in der Bundesrepublik nur ihren eigenen Konzern im Auge haben, ist die Krise nicht zu überwinden. Ist es nicht höchste Zeit für handfeste Kooperation?

PIEPER: Mit wem sollten wir denn zusammengehen? Natürlich haben wir geprüft, ob durch eine Kooperation mit einem der großen Hüttenwerke an der Ruhr ...

SPIEGEL: ... Krupp, Klöckner oder Hoesch ...

PIEPER: ... für uns irgendwelche Vorteile herausspringen könnten. Doch durch die große Entfernung vom Zonenrand bis an die Ruhr rechnet sich alles kaputt.

SPIEGEL: Dann sind auch die Pläne, neben dem Branchen-Primus Thyssen eine Deutsche Stahl AG unter Beteiligung aller anderen Konzerne zu errichten, wohl nicht mehr akut?

PIEPER: Ich kenne niemanden, der ernsthaft über eine solche Riesenfusion nachdenkt.

SPIEGEL: Wie soll es dann weitergehen? Wird Europas Stahlindustrie jemals ohne Kartelle oder Absprachen zurechtkommen?

PIEPER: Gegenwärtig kann die Branche sicherlich nicht ohne Absprachen leben. Wir müssen aber dazu kommen, die Wettbewerbsverzerrungen zu beseitigen. Das können nicht wir, das muß Bonn mit aller Deutlichkeit den EG-Partnern klarmachen. Der gegenwärtige Subventionswettlauf muß aufhören.

SPIEGEL: Herr Pieper, das sind Wunschvorstellungen ...

PIEPER: Ich traue Graf Lambsdorff zu, daß er sich durchsetzt.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

PIEPER: Dann wird auch Bonn notgedrungen in den Subventionswettlauf mit einsteigen müssen. Denn die Bundesregierung kann es sich nicht leisten, daß eben mal Zehntausende von Arbeitsplätzen verlorengehen.

SPIEGEL: Dann wird es bald auch beim Stahl so zugehen wie auf dem EG-Agrarmarkt?

PIEPER: Es wäre geradezu grotesk, wenn wir eines Tages, so wie die Bauern ihre Kohlköpfe, unseren Stahl auf die Straße schmeißen, um immer höhere Subventionen durchzusetzen.

SPIEGEL: Herr Pieper, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

S.63Mit Redakteuren Rudolf Wallraf und Richard Rickelmann.*

Rudolf Wallraf, Richard Rickelmann
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