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»Das ist in Ordnung so«

aus DER SPIEGEL 5/1995

Es ist kurz vor Mitternacht und stockfinster. Doch hier drinnen, in der Montagehalle des BMW-Werkes Regensburg, bewegen sich Roboterarme und Menschen im gleichen Takt wie tagsüber. Langsam senkt sich die Karosserie auf Achsen, Getriebe und Motor, ein Automat zieht die Schrauben an, und Siegfried Schubert kontrolliert den Vorgang auf einem Monitor.

Von Schubert ist höchste Konzentration gefordert. Denn manchmal verrichten die Maschinen ihre Arbeit stundenlang reibungslos, doch dann steht plötzlich alles still. In wenigen Minuten muß Anlagenbauer Schubert den Fehler finden, damit die Produktion weiterlaufen kann.

Kein leichter Job, besonders wenn es auf Mitternacht zugeht. Doch Schubert klagt nicht darüber, daß er neun Stunden täglich arbeitet und nicht sechs oder sieben Stunden wie viele Kollegen in anderen Fabriken. Und er beschwert sich auch nicht darüber, daß er alle drei Wochen samstags um 4 Uhr morgens mit dem Bus ins Werk fahren muß, um in der Schicht von 5 Uhr früh bis 14.30 Uhr zu arbeiten.

»Das ist schon in Ordnung so«, sagt Schubert. Er hat sich, wie das Gros der 6500 Beschäftigten von BMW in Regensburg, längst an ein besonderes Arbeitszeitmodell gewöhnt: Seit sechs Jahren gilt für sie eine Vier-Tage-Woche. Mal müssen sie von Montag bis Donnerstag, dann wieder von Freitag bis Samstag, mal in der Früh-, mal in der Spätschicht arbeiten.

Kommt er am Samstagnachmittag nach Hause, ist BMW-Arbeiter Schubert »ziemlich geschlaucht«. Kino oder Kegeln am Abend fällt dann meistens aus. Das ist ein Nachteil dieser Vier-Tage-Woche. Der Vorteil: Zwischendurch hat er auch mal fünf Tage frei.

Der Anstoß zur Vier-Tage-Woche bei BMW kam nicht von den Gewerkschaften, sondern vom Vorstand. Ein raffinierter Schichtplan sorgt dafür, daß die Beschäftigten zwar nur an vier Tagen arbeiten. Aber die Maschinen laufen länger als in anderen Fabriken (99 statt 80 Stunden in der Woche), weil regelmäßig auch samstags Autos montiert werden.

Betriebsrat Hans Günther Niklas kann sich noch gut an die »knüppelharten Auseinandersetzungen« vor der Einführung dieser Regel erinnern. Vom Management wurde der Betriebsrat massiv unter Druck gesetzt. Wenn er dem Arbeitszeitmodell nicht zustimme, seien über tausend Arbeitsplätze gefährdet. Auf der anderen Seite mußte er sich von linientreuen Gewerkschaftern verspotten lassen. Wenn Niklas die Samstagsarbeit akzeptiere, sei er wohl das letzte Weichei.

Inzwischen hat sich gezeigt, daß sich das Modell lohnt. Nicht nur für die Firma, die ihre 1,5 Milliarden Mark teure Fabrik besser auslasten kann. Sondern auch für die Belegschaft, die mit solchen Arbeitszeiten wesentlich besser zurechtkommt, als Gewerkschaftsfunktionäre sich das je vorstellen konnten.

»95 Prozent der Beschäftigten sind hoch zufrieden«, schätzt Betriebsrat Niklas. Geklagt wird nur über die Belastung in der neunten Stunde, wenn die Arme schwer werden.

Drei, vier Arbeiter müssen jeweils unter eine Karosserie gehen, die an einem Gehänge über ihnen schwebt, und über ihrem Kopf Schrauben festziehen. »Irgendwann merkst du deine Schultern nicht mehr«, sagt ein junger Arbeiter, der erst seit zwei Monaten dabei ist.

Er will jetzt, wie viele Kollegen, auch andere Montagearbeiten lernen. Die Beschäftigten können sich dann, so oft sie wollen, abwechseln, um einseitige Belastungen zu vermeiden.

Am Widerstand der Belegschaft liegt es nicht, daß BMW dieses Modell nicht längst in allen Werken eingeführt hat - eher schon an einem Problem des Regensburger Systems.

In der Fabrik muß an sechs Tagen der Woche der 3er BMW montiert werden. Sinkt die Nachfrage, kann die Werksleitung nicht einfach die Samstagsschicht ausfallen lassen, sonst gerät das gesamte Arbeitszeitmodell hoffnungslos durcheinander.

Für den Ausgleich sorgen dann die Kollegen im BMW-Werk München, in dem ebenfalls der 3er gebaut wird. Sie arbeiten regelmäßig fünf Tage in der Woche, nur bei Hochkonjunktur ausnahmsweise auch samstags. Auf diese Schicht kann leicht verzichtet werden, wenn der Absatz stockt.

Betriebsrat Niklas, der in diesen Tagen mal wieder zahllosen Betriebsräten und Gewerkschaftern Auskunft über das Regensburger Modell geben soll, weist deshalb stets darauf hin, daß es nur begrenzt übertragbar ist: »Da muß jeder Betrieb sein eigenes Rezept suchen.«

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