Zur Ausgabe
Artikel 31 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WERBUNG Das jüngste Gericht

Mit ihren originellen Anzeigen sicherten sich die Werber der Agentur GGK den Ruf, zu den Kreativsten im Lande zu gehören. In letzter Zeit verlor die Düsseldorfer Reklame-Firma jedoch etliche Kunden. *
aus DER SPIEGEL 12/1984

An Zeit mangelte es nicht, auch nicht an Geld. Zwei Jahre lang wurde im New Yorker Büro der Agentur das Konzept für die Neueinführung der Zigarette entwickelt. Rund 80 Millionen Mark gab der Kunde, die Hamburger Zigarettenfirma Reemtsma, dann aus, um Deutschlands Raucher zum Kauf von Zigaretten der Marke »West« zu gewinnen.

Die Kampagne, von der Werbeagentur GGK inszeniert, geriet zum wohl teuersten Werbe-Flop, der je in Deutschland gelandet wurde. Die bunte Welt amerikanischer Trucks und Trucker, eine dem Cowboy-Image der »Marlboro« nachempfundene Fernfahrer-Idylle, ging am deutschen Raucher vorbei. Nur 0,5 Prozent Marktanteil konnten die Werber gewinnen.

Erst nachdem Reemtsma die »West« zur Billigmarke ("Der große Geschmack für DM West 3,30") erklärt hatte, schnellte der Marktanteil auf zehn Prozent hoch. Aber da hatte der Hamburger Zigarettenkonzern schon die Agentur gewechselt.

Die »West«-Pleite war nicht der einzige Fehlschlag, den die GGK-Werber in der letzten Zeit einstecken mußten. Die Werberei verlor noch einige andere Etats, darunter so prestigegeladene wie den für die Bundespost. In drei deutschen Großstädten mußte GGK gar seine Niederlassungen schließen.

Die Branche staunte, denn schließlich ist GGK unter den in Deutschland ansässigen Werbeagenturen nicht irgendwer. Viele Jahre lang waren die Düsseldorfer GGK-Werber der Konkurrenz als kreativer Branchenprimus auf die Nerven gegangen.

GGK warb oder wirbt für »Jägermeister« oder Schweppes, für VW oder IBM, für Continental oder Photo-Porst. Die Firma setzte Trends und brachte Bewegung ins deutsche Reklamegeschäft; sie gilt auch heute noch als eine der einfallsreichsten unter den in Deutschland ansässigen Werbefabriken.

Dabei gehört die Agentur nicht eben zu den ganz Großen des Gewerbes. In der nationalen Umsatzliste, die von den Werbemanagern so ernst genommen wird wie die Bundesligatabelle von den Fußballprofis, ist GGK 1983 von Rang 12 auf 13 abgerutscht.

An der Spitze des Unternehmens, das international ein Etatvolumen von mehr als 300 Millionen Mark aufweist, steht ein Mann, der nach eigenem Bekunden

von Werbung nicht allzuviel Ahnung hat: Paul Gredinger, 56, Schweizer und gelernter Architekt.

Ende der fünfziger Jahre hatte Gredinger gemeinsam mit dem ehemaligen Literaturstudenten Markus Kutter und dem Kunstmaler Karl Gerstner in Basel ein Büro eingerichtet, das Kunden im diffusen Bereich der Kommunikation dienlich sein wollte. Als Firmenkürzel stellten sie die Initialen ihrer Nachnamen hintereinander - GGK.

Schon bald hatte das Trio, zur eigenen Verblüffung, so renommierte Auftraggeber wie die Swissair, das Volkswagenwerk und die Oetker-Gruppe.

Ende der sechziger Jahre wurde es den drei Schweizern in der Heimat zu eng. Sie gründeten eine Filiale in Düsseldorf, um internationale Kundschaft wie den Büromaschinenhersteller IBM und den VW-Konzern besser betreuen zu können.

Der Erfolg hielt an. Jetzt versuchten US-Werbekonzerne, wie in solchen Fällen üblich, den aufstrebenden Konkurrenten aufzukaufen. Vergeblich.

Den Handel tätigte schließlich einer der drei Mitinhaber. Als Gerstner (1972) und Kutter (1975) genug vom Geschäft mit der Werbung hatten, erwarb Paul Gredinger die Anteile seiner Mitgesellschafter und rückte zum Alleininhaber auf.

Gredinger entspricht nicht eben den landläufigen Vorstellungen eines quicken Top-Managers in der schillernden Werbebranche. Im GGK-Trio war er allenfalls durch stille Zurückhaltung aufgefallen. Die Erfolgsideen hatten immer die Partner gehabt.

Die Konkurrenz sah, endlich, den kreativen Abstieg der GGK gekommen. Doch Gredinger wußte um seine Schwäche: »Da ich weder texten noch visualisieren kann, mußte ich stets andere gelten lassen, die besser sind als ich.«

Um die Agentur oben zu halten, bot Gredinger Spitzenkräften der Branche bessere Arbeitsbedingungen als die Konkurrenz. Da wollte etwa der Frankfurter Ideenbrüter Uwe Ortstein zwar bei GGK arbeiten, aber nicht in die Zentrale nach Düsseldorf kommen. Gredinger eröffnete eine Filiale in Frankfurt und machte Ortstein dort zum Chef.

In Düsseldorf bestellte der Schweizer den Werber Wolf Rogosky zum Agenturleiter. Rogosky entwickelte für den Wolfenbüttler Schnapsbrenner Günter Mast die »Jägermeister«-Kampagne - Unikat-Anzeigen, in denen alltägliche Typen für den Kräuterlikör blödeln ("Ich trinke Jägermeister, weil ..."). Inzwischen sind die »Jägermeister«-Anzeigen eine der erfolgreichsten und langlebigsten Kampagnen in der deutschen Werbegeschichte.

Als vor einem Jahrzehnt die erste dieser Farbanzeigen in auflagenstarken Blättern geschaltet wurde, zeigte sie einen fröhlichen Herrn, der das Zeug trank, »weil ich am liebsten im Wald und auf der Heide meine Freude habe«. Modell stand Chef Gredinger selbst.

Gespür für Talente zeigte der Schweizer auch, als Rogosky nach New York ging (bis 1983 leitete er das dortige GGK-Büro) und ein Nachfolger für Düsseldorf gesucht wurde. Aus Hamburg holte Gredinger den damals 33jährigen Michael Schirner, der sich dort mit einer eigenen kleinen Agentur versucht hatte. Der GGK-Inhaber stellte ihn zunächst als Texter ein und bestellte ihn zwei Monate später zum Geschäftsführer der Düsseldorfer Zentrale.

Schirner brachte neue Ideen. Er entdeckte die großflächige Plakatwand wieder; Litfaßsäulen ließ er - für Conti-Reifen - rundum mit einem einzigen Plakat bekleben. Für Pfanni entwarf Schirner ein Riesenplakat mit einem Kartoffelpuffer und der kurzen Schlagzeile: »Das jüngste Gericht«.

Solche Einfälle kamen an, andere Agenturen zogen nach - die Plakatwände sind heute allseits als Reklamemedium wieder geschätzt.

Die reichlich fließenden Gewinne der Agentur mußten angelegt werden: 1977 gründete Gredinger deshalb zusätzlich Filialen in Stuttgart, München und Hamburg. Die Ableger besetzte er wie gewohnt mit Spitzenkreativen. Doch der Erfolg blieb diesmal aus.

In Hamburg und Stuttgart wurde kaum ein lukrativer Etat gewonnen. In _(Mit GGK-Chef Gredinger. )

München machte sich Geschäftsführer Gernot Wüschner selbständig und nahm wichtige der dortigen GGK-Kunden gleich mit. 1982 schloß Gredinger die drei Büros wieder.

Die Mißerfolge häuften sich. Da war nicht nur der Reinfall mit der »West«. Die Bundespost mochte auf einmal nicht mehr mit der GGK zusammenarbeiten und kündigte.

Schuld daran soll ausgerechnet eine »Jägermeister«-Anzeige gewesen sein. Text: »Ich trinke Jägermeister, weil ich das Paket, das ich bei der Post aufgegeben habe, aufgegeben habe.« Die humorlosen Post-Manager hätten danach auf eine weitere Zusammenarbeit verzichtet, erklärt der einfallsreiche Schirner den Verlust des Sieben-Millionen-Etats.

Weitere Werbe-Millionen gingen verloren, als der VW-Konzern einen Teilauftrag (Kataloge) zurückzog. Jetzt kündigte auch ein Klient aus der Geldbranche die Zusammenarbeit auf - zum Jahresende will die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) in Hannover ihre jährlich vier Reklame-Millionen bei den Düsseldorfern abheben.

Schirner sieht die imageschädlichen Kündigungen gelassen: »Wir haben in den letzten Monaten mehr Kunden gewonnen als verloren.« 26 Millionen Mark Etat-Volumen an Abgängen stünden 30 Millionen an Zugängen gegenüber.

GGK-Gründer Gredinger hat seine Pleiten in München, Hamburg und Stuttgart ebenfalls verwunden: »Wir werden uns jetzt stärker um das Auslandsgeschäft kümmern.«

In Paris, wo der New Yorker GGK-Mann Rogosky Quartier bezogen hat, in Madrid und London hat Gredinger inzwischen weitere Filialen aufgemacht. Jährlich »ein bis zwei Agenturen« sollen international auch künftig durch Gründung oder Aufkauf dazukommen.

Was in der deutschen Provinz nicht geklappt hat, wird nun eben global angepackt.

Mit GGK-Chef Gredinger.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel