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LUXUSARTIKEL Das kommt davon

Die erstaunlichen Gewinnspannen bei Luxusgütern wie Cartier-Uhren oder Hermès-Taschen haben einen weltweiten Handel mit Kopien aufblühen lassen.
aus DER SPIEGEL 31/1978

Als Manuel Canovas, Chef einer der größten französischen Fabriken für Stofftapeten, sich seine Suite im Hotel Copacabana Palace in Rio de Janeiro ansah, fand er unverhofft vertraute Muster und Farben. Die Wände des Appartements waren mit einer Stofftapete ausgeschlagen, die er selbst entworfen hatte »,Nanu«, wunderte sich der Franzose, »verkaufen wir die auch in Brasilien?«

Erst beim zweiten Hinsehen wurde es ihm klar: Das feine Palast-Hotel hatte seine Zimmer mit einer billigen Kopie des teuren französischen Originals tapeziert.

Ober ähnliche Erlebnisse berichten inzwischen viele der vor allem in Frankreich, Italien oder England produzierenden Hersteller von Prestige-Waren wie Parfums und Champagner, Edeluhren und Haute-Couture-Kleidern.

Wo immer die Herren der noblen Häuser Dior, Chanel, Chandon, Ricci oder Rochas auch absteigen, um neue Exportmärkte zu erschließen oder mit dem ihnen eigenen Charme den Umsatz zu steigern: Die unverschämte Konkurrenz der Kopierer und Namensschänder ist meist schon da.

In Mexiko zum Beispiel mußte Dior von einem einheimischen Schuhfabrikanten für 10 000 Dollar seinen eigenen Namen zurückkaufen. Der findige Schumacher hatte vor Gericht beweisen können, daß er unter der ordnungsgemäß eingetragenen Marke »Dior« schon Zehntausende von Schuhen abgesetzt hatte, bevor die Franzosen überhaupt mit dem Verkauf der Originale beginnen konnten. Nach mexikanischem Recht erwarb er damit den Anspruch auf den Markennamen.

»Früher hatten wir es mit gelegentlichen Fälschungen zu tun«, sagt Alain Thrierr, Generaldirektor der französischen »Union des Fabricants«, die für die Luxusproduzenten die Markenrechte verteidigt, »aber jetzt gibt es eine regelrechte Industrie der Fälscher.«

Unter dem klangvollen Namen Pariser Parfum-Fabrikanten werden Essenzen verkauft, die in abgelegenen Dörfern Indonesiens gebraut werden. Eineinhalb Stunden Autofahrt von Jakarta entfernt residiert in dem Dörfchen Sinkaran die Falsch-Firma »Nina Ricci«. In der Ortschaft Cepu imitiert eine Fabrik gleich zwei französische Duftmarken: »Chanel« und »Jean Patou«.

»Die Taktik der Fabrikanten falscher Parfums ist, sich an schwer zugänglichen Orten niederzulassen«, berichtete die französische Botschaft nach Hause, »wo sie von der Komplizenschaft der Dorfbewohner profitieren.«

Selbst in den europäischen Nachbarländern sind die feinen Firmen nicht vor ungenierten Nachahmern sicher. In Rom, Via del Corso 512, etablierte sich mit mehreren Schaufenstern eine »Chanel«-Boutique. Der Laden verkauft -- aber das exklusiv -- falsche Chanel-Schuhe.

In Mailand. Via Jommelli 35-37, produziert die Firma Stefano Serapian & C. 5. A. Taschen mit dem Chanel-Signet, zwei ineinanderverschlungenen C. Die Taschen der Marken-Diebe sind weltweit gefragt -- sogar in Japan tauchten schon welche auf. Die Pariser Original-Chanels beziffern ihren Schaden aus diesen Nachahmungen auf fünf Millionen Franc.

In aller Offenheit betreibt die britische Firma »Replica« ihr Geschäft. »Der Name selber«, bekennt der Firmenchef frei, »bedeutet »Kopie eines Originals.« Die Firma tut sich beim Nachahmen französischer Parfums keinen Zwang an. Ihre Kreationen nähern sich den Vorbildern »Miß Dior«,"Madame Rochas« oder »Nina Ricci« diskret mit Namen wie »Miß D«, »Madame R« oder auch mal vertraulich als »Nina«. »Jede Ähnlichkeit mit berühmten Parfumnamen"« versichert der Chef treuherzig, »ist reiner Zufall.«

In Westdeutschland können die Markenräuber wegen des strengen Warenzeichenrechts nicht so offen operieren. »Wir haben hier noch ein bißchen eine heile Welt«. freut sich Horst Dieter Martino, Geschäftsführer des Markenartikel-Verbandes.

Immerhin konnten fernöstliche Fälscher vor kurzem mehrere tausend Kopien von Dunlops berühmten Tennisschlägern »Maxply Fort« in den westdeutschen Fachhandel einschleusen.

Ober einen Zwischenhändler, die »Comtex«, verkauften die Nachahmer minderwertige Rackets aus südostasiatischen Hinterhof-Fabriken als »Original Dunlop« an die Händler-Einkaufs-Organisation »Intersport« in Heilbronn.

Die internationale Fälscherindustrie« schätzt der Luxus-Lobbyist Thrierr. macht mit ihren Kopien mindestens genausoviel Umsatz wie die Hersteller der französischen Originale -- rund 30 Milliarden Franc im Jahr. Ein italienischer Uhrenfabrikant zum Beispiel verkaufte letztes Jahr rund 40 000 Fälschungen von Cartiers Spitzen-Modell »Tank« -- das Original war mit 50 000 Stuck nicht viel erfolgreicher.

Mehr noch als um Umsatzverluste sorgen sich die Hersteller der Prestige-Produkte um ihren guten Ruf. »Wenn jemand gefälschten Champagner »Chandon' trinkt«, fürchtet etwa Comte Jean-Remy Chandon-Moet' »und hat hinterher Kopfschmerzen. dann hat unsere Marke den Schaden davon.«

Die Luxus-Produzenten lassen sich darum den Kampf gegen ihre Doppelgänger allerhand kosten. Für Markenschutz-Prozesse, Anwälte und Detektive gab die französische Edel-Industrie letztes Jahr rund 200 Millionen Franc aus. Derzeit bearbeitet ihre Interessenvertretung, die Union des Fabricants, etwa 7000 Fälschungen.

Allein auf dem Prozeßweg glaubt Verbandschef Thrierr dagegen nicht mehr ankommen zu können: Er möchte die französische Regierung für die Probleme der Falsifikate »sensibilisieren« und wünscht sich am liebsten in jedem Handelsvertrag mit den auf Fälschungen spezialisierten Ländern wie Singapur, Hongkong, Malaysia oder Japan eine Klausel gegen die Nachahmer.

Aber auch weniger konventionell will der Verfolger der Fälscher vorgehen: »In manchen dieser Länder kommt man mit Geld weiter als mit Prozessen.« Polizisten, Regierungsbeamte und notfalls auch die Fälscher selber möchte Thrierr bedenken, wenn sie ihn nur im Kampf gegen die »Parasiten« unterstützen.

Die wesentliche Ursache der Fälscherplage mögen die Hersteller der Snob-Marken allerdings nur ungern angehen: die noblen Gewinnspannen. die zum Prestige des Produktes und seiner Käufer beitragen, aber eben auch zu einträglicher Nachahmung einladen. Champagner-Direktor Jean-Remy Chandon-Moet sieht durchaus den Grund für den Erfolg der Kopier-Konkurrenz:., Das kommt von der großen Preisdifferenz.«

In Mexiko etwa kostet der echte Moet et Chandon 350 Pesos (32 Mark) und der falsche 170 Pesos. Der auf die präparierten Flaschen gezogene Schaumwein kostet« anders verpackt, nur 70 Pesos.

Nur wenige der vornehmen Fabrikanten sind so konsequent wie der Juwelier Cartier. Er kopierte sich selber und brachte ein preiswertes Modell aus vergoldetem Silber heraus. Cartier-Generaldirektor Alain Perrin: »Wir haben den Fälschern die Pfoten abgeschnitten.«

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