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KONJUNKTUR Das Rauschen des Geldes

Die hohen Energiekosten gefährden den Aufschwung: Nicht nur teures Benzin und Heizöl werden für Industrie und Verbraucher zur Last, mit Verzögerung ziehen auch die Gaspreise an. Zentralbanker warnen bereits vor der Rückkehr der Inflation.
aus DER SPIEGEL 25/2004

Für seine Verhältnisse fand US-Zentralbankchef Alan Greenspan deutliche Worte. »Besorgnis erregend« sei die Ausdauer, mit der die Energiepreise steigen, kommentierte Greenspan, ansonsten ein Meister der vagen Vieldeutigkeit, vergangene Woche die turbulente Entwicklung an den Ölmärkten. Die Federal Reserve Bank (Fed), so kündigte der 78-Jährige unmissverständlich an, werde »alles Notwendige tun, um stabile Preise zu bewahren«.

Die versammelte Bankerschaft, die der Videobotschaft Greenspans in London lauschte, war baff. Das war keine zarte Andeutung mehr, das war ein klares Signal: Achtung, die Inflation ist im Anmarsch!

Zuvor hatte sein europäischer Kollege Jean-Claude Trichet vorsichtshalber schon mal die Gewerkschaften davor gewarnt, sich wegen der ölpreisbedingten Kaufkraftverluste zu überhöhten Lohnabschlüssen animieren zu lassen. »Wir sind wachsam«, versicherte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) streng.

Das muss er auch sein. Das hohe Niveau der Ölpreise hält die Märkte in Atem, die Furcht wächst, dass die steigenden Energiekosten die Inflation anheizen und den

Aufschwung ausbremsen. Zwar sind zuletzt die Notierungen nach einem Allzeithoch von gut 42 Dollar pro Barrel (159 Liter) leicht gesunken, doch den Währungshütern ist bewusst, dass das Risiko für die Volkswirtschaften unverändert groß ist - im Grunde hat es sich sogar verschärft.

Nach der Opec-Ankündigung, die Förderung um zwei Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen, laufen die Anlagen sämtlicher Ölstaaten auf vollen Touren, selbst Saudi- Arabien hat kaum mehr Kapazitäten frei.

Gleichzeitig ist die Nachfrage nach dem fossilen Brennstoff insbesondere in China ungebrochen und die Angst vor Terrorattacken keinesfalls gebannt: Jederzeit kann ein Anschlag auf eine Öleinrichtung die Märkte wieder in Unruhe versetzen.

Es ist deshalb ein zwiespältiges Bild, das die Weltkonjunktur im Sommer 2004 abgibt. Einerseits läuft es so gut wie lange nicht mehr, selbst am Standort Deutschland: Der Exportboom bringt die Wirtschaft in Fahrt, ein Wachstum von 1,5 Prozent könne dieses Jahr »durchaus der Fall sein«, erwartet Wirtschaftsminister Wolfgang Clement - wenn da nicht diese Ölpreise wären.

Bleiben sie beständig auf einem Niveau, wie es sich jetzt abzeichnet, also zwischen 35 und 40 Dollar, werden sie zur gefährlichen Last. Den Verbrauchern entziehen sie Kaufkraft: Je mehr sie für teures Benzin und Heizöl ausgeben, desto weniger bleibt ihnen für andere Dinge. Und für Unternehmen bedeuten steigende Energieausgaben höhere Kosten, schmalere Margen und einen kleineren Spielraum für Investitionen. Also versuchen die Firmen, die Zusatzkosten auf Zulieferer oder die Kunden abzuwälzen.

Inzwischen finden solche preistreibenden Mechanismen schon ihren Niederschlag in den amtlichen Statistiken. In Europa lag die Teuerungsrate im Mai bei 2,5 Prozent und damit klar oberhalb der EZB-Zielgröße von knapp 2 Prozent. In den USA sind in den ersten vier Monaten die Konsumentenpreise auf das Jahr gerechnet um 4,4 Prozent gestiegen. Und in Deutschland zogen sie im Mai immerhin um 2 Prozent an, auf den höchsten Stand seit Anfang 2002.

Schon sehen Ökonomen zumindest in den USA Anzeichen für eine Rückkehr der Inflation. Fed-Chef Greenspan wird noch in diesem Jahr, davon sind die Analysten überzeugt, die Leitzinsen erhöhen; die britische Notenbank ist schon seit einem halben Jahr dabei. Endet also mit der Ölpreiskrise die Ära des billigen Geldes?

Es sind jedenfalls nicht die hohen Kosten für Sprit und Heizöl allein, die der Wirtschaft zu schaffen machen - der nächste Schub ist schon absehbar: Die Kosten für das Öl geben vor, wie sich der Preis von Erdgas entwickelt, und zwar mit einer Verzögerung von einem halben Jahr. Schon jetzt können sich die 17,5 Millionen Haushalte mit Gasheizung in Deutschland darauf gefasst machen, dass im Herbst die Ausgaben kräftig ansteigen werden - genau zu Beginn der Heizsaison.

Zusätzlich ächzt die deutsche Industrie unter Strompreisen, die fast nirgendwo in Europa höher sind. Mitverantwortlich für die Verteuerung ist die Preisentwicklung der Kohle, des wichtigsten Brennstoffs für die Stromerzeugung. Seit China den Markt förmlich leer saugt, ist jede Tonne knapp und teuer.

Teure Kohle erhöht die Stromrechnung, teures Erdgas die Heizkosten, teures Rohöl die Verkehrsausgaben. Und weil die Notenbanken seit dem Platzen der Börsenblase die Geldmenge massiv ausgeweitet haben, ist eine gefährliche Kombination entstanden, die der Inflation den Weg bereitet, warnt Thorsten Polleit, Chefökonom bei Barclays Capital in Frankfurt: »Das Risiko wird unterschätzt.«

Zwar spielt Energie als Kostenfaktor nicht mehr die Rolle wie in den siebziger Jahren. Die Schwerindustrie hat an Bedeutung verloren, Verbraucher und Unternehmen mühen sich erfolgreich, Energie zu sparen. Und gemessen an der jetzigen Kaufkraft wirkt der aktuelle Rohölpreis beinahe moderat: Preisbereinigt kostete 1980 das Barrel mehr als 78 Dollar. Doch auch ein Niveau von 35 bis 40 Dollar kann kein Land auf Dauer schadlos ertragen. Nach jedem Ölpreisschock, ob 1973/74, 1979/80 oder 1990, folgte eine Schwächephase. Stets waren politische Konflikte im Nahen Osten die Auslöser, daraufhin stiegen die Kosten, die Konjunktur in den Verbraucherländern brach ein. Und immer hat die Wucht der Krise Politiker und Ökonomen, Unternehmer und Verbraucher überrascht.

Jeder Bürger bekommt den Preisschub unmittelbar zu spüren: als Mieter, als Hausbesitzer, als Autofahrer. Heute gibt ein Haushalt von vier Personen, die in einem Einfamilienhaus mit Ölheizung leben, im Schnitt 83,07 Euro im Monat mehr für Energie aus als vor fünf Jahren.

Strom ist zwischen April 1999 und April 2004 (bei einem jährlichen Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) im Monat 6,70 Euro teurer geworden. Superbenzin (Jahresverbrauch 2000 Liter) kostet 48,50 Euro mehr. Und der Preis für Heizöl (bei 3000 Litern im Jahr) ist um 27,87 Euro gestiegen; wer mit Gas heizt (jährlich 33 540 Kilowattstunden), zahlt sogar 41,63 Euro mehr.

Diese Ausgaben wirken wie eine zusätzliche Konsumsteuer - das Geld fehlt an anderer Stelle: In Zeiten hoher Ölpreise sparen die Verbraucher, so die alte Einzelhändlerweisheit, an langlebigen Gütern wie Möbeln oder Elektrogeräten.

Ebenso hart wird die Industrie von den Energiekosten getroffen, insbesondere die Chemie-, Luftfahrt- und die Autobranche. Fahrzeughersteller klagen über die Zurückhaltung potenzieller Käufer und führen sie auf die hohen Spritpreise zurück; im Mai wurden acht Prozent weniger Autos zugelassen als im Vorjahresmonat.

Fluggesellschaften geben heute rund 15 Prozent mehr für Kerosin aus als zu Jahresbeginn; bei vielen Airlines, vor allem bei Billigfliegern, macht Flugbenzin nach den Löhnen den zweitgrößten Ausgabeposten

aus. Der britische Discountanbieter Easyjet hat vergangene Woche an der Börse zeitweise ein Viertel seines Wertes eingebüßt, nachdem das Unternehmen vor den Folgen höherer Ölpreise warnte.

Noch sensibler reagiert die Chemieindustrie auf die Notierungen, Ölderivate wie Naphtha, Propylen oder Benzol sind Ausgangsstoffe für eine ganze Palette von Produkten. Ob Plastik, Autoreifen oder Textilien - meist beginnt der Herstellungsprozess mit Naphtha, sein Preis hat sich in zwei Jahren fast verdoppelt.

Auch Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen, Stahlhersteller etwa, Aluminiumhütten oder Gießereien, haben Probleme. Innerhalb des vergangenen Jahres verteuerte sich Strom am Leipziger Terminmarkt um ein Drittel. Verantwortlich dafür sind die hohen Kohlepreise - und der Staat: Der Anteil der Abgaben und Steuern am Strompreis ist seit 1998 von 25 auf 40 Prozent gestiegen.

Verschärfend kommt hinzu, dass in Deutschland eine Quadriga aus den Versorgern E.on, RWE, EnBW und Vattenfall rund 80 Prozent des Strommarktes beherrscht. »Das Oligopol ersetzt den Wettbewerb«, beschwert sich Dieter Braun, Deutschland-Chef des norwegischen Aluminiumkonzerns Hydro, der an 15 Standorten zwischen Hamburg und Dillingen Bleche, Rohre und Bauteile vor allem für die Autoindustrie herstellt: »Deutscher Strom ist einfach zu teuer«, klagt Braun.

Doch Hydro ist auch ein Profiteur der Energiepreis-Hausse. Vor der Westküste Norwegens fördert das Unternehmen Erdgas, gemeinsam mit Firmen wie Petoro und Statoil. Acht Minuten dauert es, bis der Lift in einem der Betonpfeiler der Plattform Troll A 330 Meter tief bis auf Meeresgrundniveau rattert. Dort schießt das Gas mit 115 Bar durch dicke Rohre hoch zur Plattform, man hört es leise strömen, es ist das Rauschen des Geldes.

Jeden Tag presst das Konsortium hier Methan im Wert von derzeit 13 Millionen Euro aus der Erde - in sechs Monaten wird das Gas noch wertvoller sein: Erdgas gehört zu den wenigen Gütern, deren Preis nicht von Angebot und Nachfrage abhängt, es ist einfach an den des Öls gekoppelt.

Erfunden wurde dieses seltsame System in den sechziger Jahren, als Erdgas seinen Platz auf dem Energiemarkt noch erobern musste. Damals waren Milliardensummen nötig, um Felder zu erschließen und ein Pipelinesystem aufzubauen. Die Ölpreisbindung ermöglichte den Förderkonzernen, mit sicheren Preisen zu kalkulieren.

Rund 40 Jahre später haben sich die Investitionen längst amortisiert, doch die Gasbranche segelt weiter im Schatten der Ölwirtschaft, allerdings funktioniert der Mechanismus nur in eine Richtung: Steigt der Ölpreis, zieht der Gaspreis nach; fällt der Ölpreis, sinkt der Gaspreis kaum.

Kein Wunder, dass die Gasbranche wenig Interesse daran hat, sich von diesem bequemen und lukrativen System zu verabschieden. Die Ölpreisbindung müsse bestehen bleiben, weil es die Verbraucher vor der Marktmacht der großen Erdgasproduzenten schütze, argumentieren heute Versorger wie Ruhrgas, schließlich importiere Deutschland einen Großteil seines Erdgases aus nur drei Lieferländern: Russland, Norwegen und den Niederlanden.

Eine fadenscheinige Begründung, meint Christian von Hirschhausen, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Es gebe genügend Bezugsquellen: »Europa schwimmt in Gas.«

Dass die Versorgung auch ohne Ölpreisbindung funktioniert, hat Großbritannien bewiesen. Vor sechs Jahren liberalisierten die Briten den Markt, seitdem stehen die Gasversorger im Wettbewerb auch mit ausländischen Anbietern. Der Effekt: Erdgas hat sich um 20 Prozent verbilligt.

In Deutschland dagegen dürfte sich kurzfristig an der Preisbindung nicht viel ändern, zum Oktober haben Ruhrgas und die Leipziger VNG Erhöhungen bis zu acht Prozent angekündigt, andere Versorger werden mit Sicherheit folgen. Im Herbst wird diese Entwicklung, so viel ist klar, auf die Teuerungsrate schlagen, schließlich werden fast die Hälfte aller Wohnungen mit Erdgas beheizt.

Manche Ökonomen fürchten bereits, dass nun ein Phänomen aus den siebziger Jahren wieder auftauchen kann, die so genannte Preis-Lohn-Spirale, die damals der Wirtschaft schweren Schaden zugefügt hat: Gewerkschaften setzten höhere Löhne durch, um den inflationsbedingten Kaufkraftverlust auszugleichen - und beschleunigten damit den Preisauftrieb erst recht.

Angesichts der Sorge vor solchen »Zweitrundeneffekten«, wie Wissenschaftler es formulieren, gewinnt die aktuelle Tarifrunde im Bankgewerbe besondere Brisanz. Bislang kalkulierten Gewerkschaften ihre Lohnforderung zumindest informell nach der Faustformel »Produktivitätsfortschritt plus Inflationsausgleich«. Ver.di ist in die Bankenverhandlungen gegangen mit der Erwartung, dass die Produktivität 2004 um 2,2 Prozent steigt und die Inflation lediglich um 1,3 Prozent wächst. Ist diese Prognose noch realistisch, oder muss Ver.di nun einen Energieaufschlag verlangen?

Im Gewerkschaftslager wird bereits diskutiert, wie man es künftig mit der Inflation halten soll. Die Experten im Deutschen Gewerkschaftsbund haben sich darauf verständigt, zur Berechnung der Lohnformel mit der so genannten Kerninflation zu operieren: In ihr sind die Energiepreise nicht enthalten. Fragt sich nur, ob sich alle Mitgliedsgewerkschaften daran halten werden.

Barclays-Capital-Chefvolkswirt Polleit hat da seine Zweifel: »Wer nimmt schon gern reale Einkommenseinbußen hin?«

ALEXANDER JUNG

* Beim Besuch der norwegischen Gasplattform Troll A am 5. Juni.

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