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»Das Schiff treibt bald kieloben«

aus DER SPIEGEL 44/1979

SPIEGEL: Die Konjunktur steht in schönster Blüte, die Bundesrepublik hat ein langersehntes Wachstum. Dennoch warnen Sie vor einer ökonomischen Stagnation. Wie paßt das zusammen?

WALTER: Wenn es nur die Fakten brauchte, um Prognosen zu machen, wären wir überflüssig. Wir müssen über die Fakten hinausschauen, wir müssen ein Modell von der Wirklichkeit haben, eine theoretische Vorstellung, mit der wir weiter in die Zukunft schauen können, als dies die Fakten über laufende Entwicklungen erlauben.

SPIEGEL: Aber die Wirtschaft läuft wie geschmiert. Wie kommen Sie darauf, daß der Trend umkippt?

WALTER: Ganz so glänzend sind die Konjunkturzahlen nicht mehr. Vor zwei Monaten signalisierten die Fakten alle noch den Aufschwung. Seit etwa einem Monat mehren sich aber die Zeichen, daß wir im nächsten Jahr eher eine Stagnation haben. Die Automobilproduktion ist im September deutlich gesunken ...

SPIEGEL: ... nach einem rekordverdächtigen Boom -- der von den Auto-Managern selber als beinahe »zu gut« charakterisiert wird.

WALTER: Wir behaupten ja keineswegs, daß im nächsten. Jahr die Welt zusammenbricht oder die Produktion drastisch zurückgeht. Wir sagen vielmehr: Im nächsten Jahr macht das Wachstum mal Pause. Aber wenn, wie jetzt im September, 15 Prozent weniger Autos im Inland zugelassen werden als vor einem Jahr, dann ist das schon ein deutliches Zeichen.

SPIEGEL: Sämtliche Instanzen der Wirtschaftspolitik, von Bundesbankpräsident Emminger bis Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, rechnen damit, daß es im nächsten Jahr zwar langsamer, aber dennoch weiter aufwärts gehen wird. Warum malen Sie so schwarz?

WALTER: Wir haben versucht, aus den Erfahrungen der siebziger Jahre zu lernen. Wir haben versucht, Bedingungskonstellationen zu finden, die jenen des Jahres 1979 entsprochen haben. Dabei gibt es offensichtliche Parallelen zu 1973.

SPIEGEL: Sie meinen die massive Ölverteuerung?

WALTER: Der Einfluß dieses Faktors ist unstrittig: Mit dem Kaufkraftentzug von 15 Milliarden Mark, die in die Ölstaaten gehen, wird von allen, national wie international, die bevorstehende Abschwächung begründet.

SPIEGEL: Daß das Wachstumstempo langsamer wird, bestreitet niemand. Gegen Ihren tiefen Pessimismus spricht aber die gute Stimmung bei den Unternehmern, die fleißig investieren.

WALTER: Die Stimmung kann noch so gut sein -- es läuft nicht, wenn die Rahmendaten nicht stimmen. Denn wir haben derzeit ein zweites Phänomen, das es 1972/73 gab, nämlich eine scharfe monetäre Bremsaktion. Die Geldmengenausweitung, zweistellig vor einem Jahr, ist praktisch zur Zeit null.

SPIEGEL: Also muß die Bundesbank ihren Kurs ändern?

WALTER: Dies verlangen wir von der Bundesbank. Nur möchten wir, was zu tun ist, nicht mit dem Wort Kursänderung beschreiben. Es reicht schon, wenn die Bundesbank statt des gegenwärtigen Nullwachstums der Geldmenge einen Anstieg zuläßt, der jener im letzten Dezember angekündigten Rate

entspricht. Dazu muß sie heute expansive Maßaßnahmen ergreifen.

SPIEGEL: Das geschähe dann auf die

Gefahr hin, daß mit neuem Gasgeben das Inflationstempo beschleunigt wird. Denn eindeutig ist es ja nicht ausgemacht, ob jetzt Gasgeben oder Stillhalten nötig ist.

WALTER: Wenn die Bundesbank den Kurs, den sie selbst im letzten Dezember angekündigt hat, realisiert und die Geldbremsen lockert, dann ist das keine Politik, die die Inflation fördert. Vielmehr wird auch dann im nächsten Jahr die Inflationsrate deutlich rückläufig sein, von etwa sechs Prozent zum Jahresende auf etwa drei Prozent ein Jahr später.

SPIEGEL: Sie stehen mit Ihrer Aufforderung an die Bundesbank ziemlich allein. Nur die Gewerkschaften ziehen da mit. Warum haben Sie noch nicht einmal Ihre Kollegen von den anderen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungs-Instituten bei der Konzeption Ihres Herbst-Gutachtens davon überzeugen können?

WALTER: Wir waren offensichtlich nicht gut genug in der Argumentation. Nach unserer Meinung lehrt die Geldpolitik der Vergangenheit, daß es nicht nur auf das Niveau der Zuwachsraten, sondern vor allem darauf ankommt, wie schnell man das Tempo der Geldmengenausweitung ändert.

SPIEGEL: Sie meinen den Druck aufs Bremspedal?

WALTER: Ja. Die Geschwindigkeit des Umwechselns vom Gaspedal auf die Bremse. Dies bringt Gefahr -- wie eine Vollbremsung mit dem Auto. Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: Kommt man mit einem Segelboot in einen Orkan, der Ölpreissteigerung heißt, und macht den Versuch, das Schiff dadurch aus der Gefahr zu bringen, daß man die Großsegel setzt und auf Gegenkurs geht -- was dann passiert, ist nicht nur Segelexperten klar: Das Schiff wird bald kieloben treiben.

SPIEGEL: Die Frage ist nur, ob wir einen Orkan haben -- oder vielleicht nur Gegenwind. Schon im Sommer haben Sie und einige Ihrer Kollegen dramatisch vor einer Entwicklung gewarnt, die Sie jetzt prognostizieren. So schnell, wie damals vorausgesagt, ist es dazu jedenfalls nicht gekommen. Hätte man im Sommer schon Leine gelassen, wie Sie jetzt verlangen, wäre das Stabilitätsziel noch mehr in Gefahr.

WALTER: Nein. Inflation ist -- soweit hausgemacht -- Folge einer expansiven Politik, die normalerweise zwei Jahre zurückliegt. Das zu begreifen scheint in diesem Land vielen unmöglich. Aber: Bremspolitik wirkt rasch auf Produktion und Beschäftigung. Deshalb haben wir auch schon in diesem Sommer die Bundesbankpolitik als übermäßig bremsend kritisiert und

eine Lockerung vorgeschlagen. Seit dem Frühsommer überzieht die Bank ihren Bremskurs, mit Gefahren für die Konjunktur des Jahres 1980.

SPIEGEL: Das ist das Wahljahr. Glauben Sie wirklich, die Regierung

ließe in dieser Zeit eine Rezession zu?

WALTER: Es wäre besser, den Wahlzyklus an den Konjunkturzyklus anzupassen, statt umgekehrt. Jetzt wäre gewiß eine gute Wahlzeit, besser jedenfalls als im nächsten Jahr.

SPIEGEL: Bis dahin kann die Regierung, wenn sie das für richtig hält, ihren Konjunkturkurs neu einstellen.

WALTER: Zuerst: Ich halte Gegensteuern für das falsche Rezept. Es perpetuiert unser konjunkturelles Auf und Ab. Aber selbst wenn es geschieht, würde es bis zur Wahl die Konjunktur kaum wieder auf die Beine bringen. Meine Sorge ist, daß die Bundesbank aus Angst vor der nächsten Lohnrunde, aus Sorge, die Tarifpartner könnten zu hoch abschließen, bis zum Ende der nächsten Tarifrunde wartet, bevor sie auf den gewünschten Pfad zurückkehrt und wichtige Monate mit Passivität verplempert.

Wer die Rezession des Jahres 1980 vermeiden will, durfte, mit der Erfahrung der siebziger Jahre ausgestattet, die Geldpolitik des Jahres 1979 nicht betreiben. Das kann nur tun, wer die Rezession riskiert, um die Inflationsrate schneller zusammenzudrücken.

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