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Unternehmen »Das wird alles grüne Wiese«

aus DER SPIEGEL 24/1994

Die beiden Stahlseile müssen halten. Sonst haben die Männer unter der Presse keine Chance.

Im Schein ihrer Stablampen suchen sie nach den Verankerungen der Maschine. Sie fluchen. Unter Schlamm und Dreck stoßen sie auf weitere Schichten von Schlamm und Dreck. Und wenn sie endlich eine Schraube gefunden haben, läßt die sich nicht mehr lösen.

Immer weiter müssen sie unter die Presse kriechen, um die Schrauben mit Hammer und Meißel abzuschlagen. Über ihnen schwebt ein Zylinder, acht Tonnen schwer. Er läßt sich noch nicht ganz aus den Verankerungen lösen und wird von einem Gabelstapler mit zwei Stahlseilen angehoben.

»Schön die Köppe drunter halten«, frotzelt der Staplerfahrer. Vor kurzem ist ein Seil gerissen. Es fing langsam an zu summen, als die ersten Stränge sich abwickelten. Damals krachte nur ein Rohr zu Boden, niemand wurde verletzt. Jetzt sei alles bestens abgesichert, sagt der Fahrer und schaut dabei starr auf die beiden Seile, als müsse er sie beschwören.

Vor der Halle steht Lutz Leupold. Er ist einer der Projektleiter, die den Abbau der Pressen und Maschinen, den anschließenden Abriß der Fabrik planen. »Von hier bis da vorne wird alles platt gemacht«, sagt er und zeigt auf Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude, auf Lagerschuppen, Schornsteine und Wassertanks.

In einigen Monaten schon soll nichts mehr zu sehen sein von Werk III der Trabi-Fabrik, in der DDR-Arbeitern einst das Kunststück gelang, aus Lagen von Baumwolle und Phenolharz die Karosserie eines Automobils herzustellen. Teile von Werk I und II sind bereits abgerissen.

In der Automobilarbeiterstadt Zwickau ist nicht nur die Demontage einer Produktionsstätte zu beobachten, sondern auch das Wirken der Marktwirtschaft im Osten Deutschlands: wie sie veraltete Industrien zerstört, Menschen in kleinere und größere Katastrophen stürzt und zugleich gewaltige Hoffnungen weckt.

Lutz Leupold ist einer, der sich wohl in jeder Welt zurechtfindet. Im VEB gab er als »Sachbearbeiter Budget« die Anweisungen. Jetzt plant er im Auftrag der Sächsischen Aufbau- und Qualifizierungsgesellschaft den Abriß des Umspannwerks, der Neutralisationsanlage, einiger Bürogebäude und Lagerhallen.

Der Auftrag ist für ihn vor allem eine komplexe Managementaufgabe. Mit blauen und roten Strichen auf einem Kalender organisiert er den Einsatz von Menschen und Maschinen. »Wo ist der Baulift, hat jemand den Müller gesehen?«

Bernd Müller inspiziert mit langsamen Schritten, das rechte Bein etwas nachziehend, die ehemalige Pressenhalle. Der gelernte Elektriker, der 1956 im VEB Sachsenring anfing, muß dafür sorgen, daß durch Hunderte von Leitungen, die oft verdeckt hinter Maschinen und Regalen verlaufen, kein Strom mehr fließt, wenn die Abbrucharbeiter mit ihren Zangen und Sägen kommen.

Das künstliche Hüftgelenk hielt Müller früher nie davon ab, auch samstags und sonntags ins Werk zu fahren, wenn die veralteten Maschinen mal wieder klemmten. War ein Motor mit 100 Umdrehungen nicht zu bekommen, baute er einen mit 200 Umdrehungen ein und setzte ein Zwischengetriebe davor. »Und jetzt stehen wir mit dem Schneidbrenner hier«, sagt er, »und reißen alles raus.«

Soviel von seinen Gefühlen verrät Müller selten. Über seine Ängste vor einer Zeit ohne Arbeit redet er ungern. All das ist für ihn schlicht »das Menschliche«. Und wie soll er das ins Feld führen gegen das ökonomisch Unvermeidliche?

Das Trabi-Werk mußte geschlossen werden, und es muß abgerissen werden. Lange wäre die Produktion mit den alten Anlagen ohnehin nicht mehr gutgegangen. Nachdem die dicken Rohre und Versorgungsleitungen der Pressenhalle zerlegt waren, entdeckte Müller, daß einige fast völlig verstopft sind. Irgendwann hätte es »einen großen Kracher gegeben«.

Statt des Krachers kam die Marktwirtschaft und mit ihr ein Mann im dunklen Zweireiher, der den Automobilarbeitern in Zwickau eine schöne Zukunft prophezeite: Volkswagen, versprach er, werde im benachbarten Mosel eine hochmoderne Fabrik bauen, viele Zulieferer in der Region mit Aufträgen versehen und Arbeitsplätze für mehr als 25 000 Menschen schaffen.

Trabi-Arbeiter Müller empfand die Worte des damaligen VW-Chefs Carl Hahn wie ein persönliches Versprechen. Entsprechend engagiert ging er zur Sache, als in der ersten Halle 16 Pressen ausgebaut wurden.

Die Wände bekamen einen neuen Anstrich, alles wurde fein herausgeputzt für den ersten Auftrag des VW-Konzerns. 80 Mitarbeiter des ehemaligen Trabi-Kombinats sollten Lenksäulen für den Golf montieren. Vor der Halle bauten sie noch ein Dach auf, damit die von Volkswagen angelieferten Teile stets im Trockenen ausgeladen werden können.

Wochenlang ließ sich Müller in Wolfsburg in die komplizierte Bedienung der Maschinen einweisen. Als Volkswagen-Kontrolleure den in Zwickau gefertigten Lenksäulen später beste Qualität bescheinigten, dachte er, »nun geht es aufwärts«.

Die Konzernherren hatten andere Pläne. Während in Zwickau noch Teile für das alte Golf-Modell montiert wurden, bereiteten sich andere Zulieferer bereits auf das Nachfolgemodell vor. Und nachdem das auf den Markt gekommen war, wurde der Auftrag für die kleine Trabi-Mannschaft gestrichen.

Mit dem Job verloren Müller und seine Kollegen auch das gerade gewonnene Vertrauen in die neue Wirtschaftsordnung. Im neuen VW-Werk in Mosel hat Müller sich erst gar nicht beworben. »Mit meiner Hüfte . . .«

Der ehemalige Trabi-Arbeiter Jürgen Riemer ist kräftig, relativ jung (32) und hat einen Job in der Volkswagen-Fabrik. Dort kann er täglich sehen, was aus dem von Carl Hahn versprochenen kleinen Wirtschaftswunder wurde.

Neben dem Bahngleis stehen zwei neue Fabrikhallen für die Montage und Lackiererei. Sie sind leer, seit Monaten schon. Der Ausbau ist gestoppt. Statt mehr als 5000 arbeiten bei VW nur rund 2500 Menschen. Und auch die müssen nun um ihren Arbeitsplatz bangen. 100 Stellen sollen in diesem Jahr gestrichen werden, 700 bis Ende 1998.

»Seid froh, daß ihr hier arbeiten dürft«, bekommen Riemer und seine Kollegen nun häufig zu hören, wenn sie sich über zu hohes Tempo an den Bändern beschweren. In solchen Momenten denken sie mitunter wehmütig an die Arbeit im Trabi-Werk zurück.

In der Erinnerung erscheint die Hitze in der Pressenhalle ("30 Grad oder mehr") dann nicht mehr ganz so schlimm. Und der Harzstaub, den sie Tag für Tag einatmen mußten, war zwar lästig. Aber ernsthaft erkrankt ist daran doch niemand, oder?

Am alten Arbeitsplatz, dem Trabi-Werk, fahren viele VW-Arbeiter nur ungern vorbei. »Das Ding muß abgerissen werden«, das sieht Riemer ein. Aber zusehen mag er nicht.

Kaum sind die Maschinen, die Leitungen und Rohre aus einer Halle geräumt, rücken Männer mit Preßlufthämmern und Abrißbagger an. Hinter einem Schleier dichten Staubs bringen sie die Mauern zum Einstürzen. Eine Zerkleinerungsmaschine zermalmt die großen Mauerbrocken in Tausende kleiner Steinchen. Was übrig bleibt von der Fabrikhalle, wird in einen Teich gefüllt, den die Werksfeuerwehr einst als Wasserreservoir nutzte.

Zwischen verschrotteten Maschinen und Bauschutt gedeiht schwarzer Pessimismus. Drei Abrißarbeiter ruhen sich kurz auf einer Bank aus. Ihr Arbeitsvertrag bei der Beschäftigungsgesellschaft endet am 31. Dezember dieses Jahres. »48, das ist ein schlechtes Alter«, sagt der erste. »Das fängt mit 40 an«, meint sein Nachbar. Der Jüngste ist sich sicher: »Das ist mit 30 schon schwer.«

Jedes Alter scheint verkehrt in dieser Zeit, und jeder Ort. Von der Arbeitssuche im Westen Deutschlands versprechen sie sich auch wenig. »Du wirst hier erschossen«, sagt der Jüngste, »und dort erschossen.«

Neue Arbeitsplätze sind kaum in Sicht. Zwei Brüder aus dem Sauerland haben von der Treuhand die Sachsenring Automobiltechnik übernommen, das Nachfolgeunternehmen des einstigen Kombinats. Sie lassen von rund 350 Mitarbeitern Automobilteile montieren.

Auf dem Gelände des Werks III hat eine Stuttgarter Firma vorübergehend eine leere Halle gemietet. 18 Mitarbeiter stellen dort Kunststoffverpackungen her. Nebenan hat sich ein Teppichhandel niedergelassen. In der großen Halle, in der einst fast 100 Menschen arbeiteten, sitzen nun 2 Verkäufer hinter der Kasse und langweilen sich.

Von den einst über 11 000 Beschäftigten des VEB Sachsenring haben derzeit mehr als die Hälfte keinen Arbeitsplatz. Gisela Schmidt, die 32 Jahre in der Lohnabteilung des Werks gearbeitet hatte, zählte mit zu den ersten, die entlassen wurden. Sie ist seitdem nicht nur mit der Suche nach einer neuen Stelle beschäftigt, sondern muß auch damit fertig werden, daß sie aussortiert wurde.

Parteisekretäre und Kaderleiter, die sie kennt, zogen oft nur ein Büro weiter. Gisela Schmidt aber muß sich nun einmal im Monat im Arbeitsamt anhören, daß es für eine Frau mit 49 Jahren in Zwickau keinen Job gibt.

Manche bekommen einen Schreikrampf auf dem Arbeitsamt wie eine Frau, die erfuhr, daß ihr Arbeitslosengeld gekürzt wird. Sie konnte sich nicht mehr beruhigen und mußte festgehalten werden. Bei Gisela Schmidt kamen immer mal wieder Selbstmordgedanken hoch. Die schob sie dann zur Seite, indem sie an ihre Kinder dachte, denen sie »das doch nicht antun kann«. Und sie ging zu einem Arzt, der ihr Tabletten verschrieb, »irgendwas zur Beruhigung«.

Projektleiter Leupold bleibt wenig Zeit für Nachdenklichkeit. Die beiden Wassertanks sollen abgerissen werden. Er wird wohl einen Raupenbagger mieten müssen. Aber wohin mit schwermetallhaltigem Schlamm, wohin mit PCB-haltigem Öl? Leupold muß eine Entsorgungsfirma finden. Doch heute ist niemand mehr zu erreichen.

Leupold beendet den Arbeitstag, wie stets, mit einem kleinen Inspektionsgang. Als er sieht, daß die Presse aus der Verankerung gelöst ist, fällt die Anspannung etwas von ihm. Sogleich blickt er, wie es so seine Art ist, voller Optimismus in die Zukunft.

Wie ein kleiner Feldherr steht er da, schaut über das Gelände und sagt: »Das wird alles grüne Wiese und damit Investorenland.«

Doch wenn, wie zu erwarten, keine Investoren kommen und auf dem Gelände der Trabi-Fabrik nur Gras wächst? Dann haben Leupold und seine Leute, die bislang von der Beschäftigungsgesellschaft bezahlt werden, immerhin wichtige Erfahrungen gesammelt. Sie sind Spezialisten für den Abbruch alter Industrieanlagen.

Leupolds Chef plant längst für die Zeit danach. Er hat das »Profitcenter Industriesanierung« mit derzeit 491 Mitarbeitern bereits im Bundesverband der Abbruchunternehmen angemeldet.

Vielleicht kann sich die Firma selbständig machen. Es gibt noch viel abzureißen im Osten Deutschlands. Y

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