Datenreport Deutsche sind mit dem Sozialsystem unzufrieden

Die Reformen bei Renten-, Gesundheits- und Sozialhilfesystem haben nichts genützt - jedenfalls haben sie nicht die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Sozialsystem gesteigert. Im Gegenteil: Die Deutschen geben ihm einer Studie zufolge so schlechte Noten wie seit 25 Jahren nicht mehr.


Berlin - Auf einer Skala von null bis zehn erhalten die sozialen Sicherungssysteme in dem am Mittwoch veröffentlichten "Datenreport 2008" die Note 5,0 in Ostdeutschland und 5,5 im Westen. Auch das Bildungssystem und die Einkommensentwicklung wurden schlecht bewertet. In vielen Bereichen zeigten sich die Deutschen pessimistischer als die Bürger anderer europäischer Länder. Besonders wenig Vertrauen haben die Deutschen in die Sicherheit ihrer Rente.

Kinderklinik in Berlin: Zufriedenheit mit dem Sozialsystem sinkt
DDP

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Zwar steigen die Überschüsse der Rentenversicherung kontinuierlich. Die Beiträge könnten aber frühestens 2012 vorübergehend gesenkt werden, sagte Sozialminister Olaf Scholz (SPD). Bis 2011 blieben die Beiträge bei 19,9 Prozent. "Das ist ein gewaltiger Stabilisierungserfolg", sagte er. Ab 2018 sei wieder mit einem Anstieg der Beiträge zu rechnen. Im Folgejahr dürfte dem Rentenversicherungsbericht des Sozialministeriums zufolge die Marke von 20 Prozent erreicht werden.

Dabei sinkt der Anteil der gesetzlichen Rente an den Einkünften im Ruhestand. Bis 2021 wird laut Sozialministerium der Lebensstandard des Erwerbslebens zu 46 Prozent durch die gesetzliche Rente gesichert, derzeit ist es gut die Hälfte.

Verlassen wollen sich die Deutschen dem Datenreport zufolge aber nicht darauf: Nur gut ein Viertel hält die Rente für sicher, das sind weniger als in allen anderen europäischen Ländern.

Die Zufriedenheit mit den sozialen Sicherungssystemen sinkt dem Datenreport zufolge mit dem Einkommen. Höher Gebildete und Besserverdienende haben demnach weniger auszusetzen als Einkommensschwache und Arbeitslose. Besonders stark sei die Unzufriedenheit auch bei den 35- bis 59-Jährigen ausgeprägt, die für die Finanzierung des Sozialsystems besonders wichtig seien.

Unzufrieden seien die Deutschen auch mit ihren Einkommen, schreiben die Forscher. Von 2001 bis 2006 stagnierten die Realeinkommen, die Schere zwischen Arm und Reich ging aber deutlich auseinander. Während der Anteil am gesamten Einkommen, über den die ärmsten 20 Prozent der Haushalte verfügen, gesunken sei, habe das wohlhabendste Fünftel immer mehr Geld.

Tendenzen zur Entstehung einer "neuen Unterschicht" könnten aber nicht bestätigt werden, sagte Heinz-Herbert Noll von der Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Struktureinrichtungen (Gesis), die gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) an der Erstellung des Datenreports beteiligt war. Der Anteil, der sich selbst der Unterschicht zuordne, sei nur leicht gestiegen.

Als problematisch werteten die Experten die geringe Zufriedenheit mit der Demokratie. Die 2005 gemessenen Werte von 5,2 Punkten in Westdeutschland und 3,9 Punkten im Osten wiesen auf ein "besorgniserregend niedriges Niveau der Demokratiezufriedenheit" hin. Arbeitslose, gering Gebildete und Bezieher niedriger Einkommen seien besonders skeptisch. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, "dass die Perspektivlosigkeit einzelner Bevölkerungsgruppen und deren Abkopplung vom allgemeinen Wohlstandsniveau ein Risiko und Konfliktpotenzial für die Demokratie insgesamt darstellen könnte".

kaz/Reuters/AP



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