Andrej Kostin beim Weltwirtschaftsforum Kommt ein Russe nach Davos...

Er bestellt Cappuccino mit "viel Fleisch" - und ist auch sonst ein besonderer Gast beim Weltwirtschaftsforum in Davos: Andrej Kostin, Chef der russischen VTB-Bank. Sein Beispiel zeigt, wie schwierig Geschäfte mit dem Westen geworden sind.

Russischer Bankchef Kostin: "Denken Sie an die deutschen Exporte nach Russland"
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Russischer Bankchef Kostin: "Denken Sie an die deutschen Exporte nach Russland"

Aus Davos berichten , und


Andrej Kostin empfängt hoch über Davos - in einem Chalet, dass er schon seit Jahren für seine Besuche beim Weltwirtschaftsforum anmietet. Er trägt weiße Pantoffeln zum dunklen Anzug und hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht. Für das Gespräch ordert er einen Cappuccino und "viel Fleisch", wie er dem Schweizer Servicepersonal auf Deutsch zu verstehen gibt.

Kostin ist Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB und einer der bekanntesten Wirtschaftsbosse Russlands. Seine Bank gehört zu 60 Prozent dem russischen Staat - die EU und die USA haben Sanktionen gegen sie verhängt, die auch Kostin das Leben schwer machen. Rund neun Milliarden Euro Staatshilfe hat seine Bank in den vergangenen Monaten erhalten. Für das Geschäftsjahr 2014 dürfte kaum ein Gewinn übrig bleiben.

"Wir haben in den meisten Fällen keinen Zugang mehr zu den internationalen Märkten", sagt der Banker nüchtern, ohne zu klagen. "Wir müssen uns stärker auf den russischen Markt konzentrieren." Das sei "keine Situation, von der wir geträumt haben, aber auch nicht das Ende der Welt".

"Wir glauben fest, dass die Wahrheit uns gehört"

Kostin hat eine klare Haltung zum Ukraine-Konflikt, sie deckt sich weitgehend mit jener der russischen Regierung. "Wir glauben fest, dass die Wahrheit uns gehört", sagt er. "Vielleicht glaubt die andere Seite, dass die Wahrheit ihnen gehört." Doch wie immer man darüber denke, die Sanktionen seien das falsche Mittel, sagt Kostin. "Sie führen zu nichts. Sie werden Russland nicht dazu bringen, seine Politik zu ändern."

Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen hängt wie ein Schleier über diesem Treffen der Weltelite aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in den Schweizer Alpen. Noch im vergangenen Jahr durften sich Russlands Vertreter als organischer Teil dieser Gemeinschaft fühlen. Doch mittlerweile ist das nicht mehr so selbstverständlich.

Die russische Sberbank etwa, seit Jahren strategischer Partner des Weltwirtschaftsforums, hat sich fast vollständig aus der Davoser Öffentlichkeit zurückgezogen. 2014 hatte das staatlich kontrollierte Geldhaus mit Blick auf die Olympischen Winterspiele noch riesige Banner am Nobelhotel Belvedere befestigt, die etwas großspurig und historisch unsensibel "Heute Sotschi - und morgen die Welt" versprachen. Dieses Mal taucht das Unternehmen fast gar nicht mehr auf. Für ein Interview will oder soll kein Vertreter der Bank bereitstehen.

VTB-Chef Kostin hält nichts von so viel Zurückhaltung. Schon am Vorabend des Eröffnungstags hat er eine Party im feinen Interconti-Hotel geschmissen, die kaum ein Klischee russischen Pomps ausließ: Kostin ließ Kaviar, Wodka und Champagner auffahren - und auf der mit allerlei Glitzer geschmückten Bühne trat neben Grammy-Gewinner Al Di Meola auch der serbische Filmregisseur Emir Kusturica mit seiner Band auf. Das internationale Publikum machte sich dennoch rar. Umso erleichterter wirkte Kostin, als mit Klaus Schwab der Gründer des Weltwirtschaftsforums auf die Bühne kam, um zu erklären, wie wichtig Russland für Europa sei.

"Am Rande eines Krieges"

Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch die spärliche Beteiligung der russischen Politik. Während der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine vielbeachtete und emotionale Rede zur Zukunft seines Landes hält, ist von russischer Seite weder Präsident Wladimir Putin noch Ministerpräsident Dmitrij Medwedew gekommen. Der Kreml hat lediglich die beiden Vizepremiers Arkadi Dworkowitsch und Igor Schuwalow geschickt - beides eher smarte Lächler als Scharfmacher.

Schuwalow gerät bei einer Podiumsdiskussion zwar mit Ex-Finanzminister Alexej Kudrin über die Deutung der russischen Geschichte aneinander; was den Konflikt mit dem Westen betrifft, ist er aber zurückhaltend: "Es gibt keine verrückten Menschen in der russischen Regierung", versichert Schuwalow.

Die Rolle des Klartextredners bleibt da wieder Bank-Chef Kostin vorbehalten. Auf die Frage, was ein Ausschluss Russland vom internationalen Zahlungssystems Swift bedeuten würde, antwortet dieser wenig diplomatisch, dann befinde man sich "am Rande eines Krieges". Schon am nächsten Tag müssten die Botschafter abgezogen werden.

Das Primat der Wirtschaft wiederherstellen

Ob es wirklich so weit kommen könnte? In seinem Chalet neben der Skipiste sinnt Kostin über die Weltläufe nach. Es gebe einen immer stärkeren geopolitischen Wettbewerb zwischen den Staaten, sagt der Banker. "Die Geopolitik obsiegt mittlerweile schon über die ökonomischen Interessen." Das angespannte Verhältnis zwischen Russland und Europa nütze wirtschaftlich doch niemandem. "Vielleicht profitieren die USA davon, aber Europa ganz sicher nicht - denken Sie doch nur an die deutschen Exporte nach Russland."

Kostin und andere Top-Manager bemühen sich, die wirtschaftlichen Bande trotz politischer Konflikte nicht abreißen zu lassen. In Davos treffen sie sich mit deutschen, amerikanischen und ukrainischen Unternehmenslenkern. Wenn man so will, dann arbeiten sie daran, das Primat der Wirtschaft über die Politik wieder herzustellen - und das wäre in diesem Fall vielleicht gar nicht das Schlechteste.

"Die Vertrauensbasis darf nicht zerstört werden", meint ein deutscher Top-Manager. Man rede offen mit den russischen Konzernchefs, auch über Politik. Und man mache die Geschäfte, die trotz Sanktionen noch erlaubt seien. "In dem Rahmen, der uns geblieben ist, wollen wir den Dialog beibehalten."

Das sieht auch Kostin so. "Wir haben sehr fruchtbare und friedliche Diskussionen", sagt der Banker. Man kenne sich seit Jahren und habe keine Probleme, auch heikle Themen anzusprechen. Selbst mit dem ukrainischen Präsident Poroschenko verbinde ihn eine lange Bekanntschaft, sagt Kostin. "Er war schließlich auch mal ein Geschäftsmann - und 2007 haben wir ihm eine ukrainische Bank abgekauft."

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Seite 1
JANURBAN 24.01.2015
1. na dann muss sich die deutsche Wirtschaft
eben auf andere Wirtschaftsregionen der Welt konzentrieren. Wer einmal in Russland war, der weiss, wie korrupt, kaputt und desolat dieses Land ist. Da versucht sowieso jeder, der kann, aus Russland wegzukommen...
blob123y 24.01.2015
2. Die
Russlands sind Geheimdienstler, Militaers, Aparatschicks usw. damit kann man kein Land regieren. Die Russen wissen das seit wenigstens 60 Jahren, jedoch sag das einen Russen, der / die weiss es sowieso besser der / die stapft ins naechste Sumpfloch und blickt einfach nicht durch. Total zu mit Borniertheit, Dummxheit usw. die lernens nie.
yournightmare 24.01.2015
3.
@Kommentar 1. Ich habe 15 Jahre in Russland gelebt und kann nichts davon bestätigen. Es gibt kaum jemanden, der ernsthaft versucht aus Russland zu flüchten. Auch ich wäre nicht geflüchtet, würde ich damals Europa besser kennen. Wie die meisten habe ich nur damals den europäischen Wohlstand stark überschätzt. Es ist hier im Schnitt etwas besser, ein Umzug lohnt sich für 99,99 % der Bevölkerung aber nicht. Einmal umgezogen, lohnt sich auch der Rückumzug noch weniger. Korrupt ist das Land natürlich schon, was aber auch gar nicht mal so schlimm ist. Teilweise ist das sogar gut, teilweise muss man Schmiergelder bezahlen, für eine Leistung, die eigentlich selbstverständlich ist. Ansonsten ist die Lage dort in Ordnung. Nennenswert besser ist es hier wirklich nicht. Man kann in Russland gut leben. Wer fleißig ist und bis 10 zählen kann, geht dort nicht unter.
keine Zensur nötig 24.01.2015
4. Beifall!
Zitat von blob123yRusslands sind Geheimdienstler, Militaers, Aparatschicks usw. damit kann man kein Land regieren. Die Russen wissen das seit wenigstens 60 Jahren, jedoch sag das einen Russen, der / die weiss es sowieso besser der / die stapft ins naechste Sumpfloch und blickt einfach nicht durch. Total zu mit Borniertheit, Dummxheit usw. die lernens nie.
Sie repräsentieren den typischen Westeuropäer, der mit Borniertheit auf die Quasi-weissen-Neger des Ostens blickt. Slawe klingt wie Sklave. Gelle? Wann endlich begreifen solche Menschen wie Sie, dass auch andere Völker nur selbst ihr Schicksal ändern können, wenn sie es denn überhaupt wollen. Es gibt neben unserer westlichen Lebensart auch noch Alternativen, die die Menschen wählen oder wählten. Die Welt muss wirklich nicht am deutschen Wesen genesen. Deutsche Top-Manager sind da deutlich pragmatischer: - so luden sie im Herbst letzten Jahres auf dem Gipfel der Hysterie den russischen Handelminister nach Stuttgart. - Ohne die deutsche Regierung zu fragen, die gerade gegen die Interessen der deutschen Industrie handelte. - so spricht man immer noch mit den Russen, weil man eben weiss, dass man diesen Brückemarkt nach Asien nicht einfach verlieren darf. - das tut man auch, damit der Rest der Welt weiss, dass einige Kalte Krieger wieder ihre eklige Suppe angesetzt haben, man aber Geschäfte in einer globalisierten Welt nicht verhindern kann. und während man uns Deutsche gerade wegen unseres anmassenden Verhaltens aus Südamerika rauswirft, laden die tatsächlich Putin´s Firmen ein. Aufwachen - die ticken anders als Sie und ich. Leben möchte ich da auch nicht, aber ich muss es halt akzeptieren, wenn ich voran kommen will.
tagesgast_01 24.01.2015
5. Borniert? Nö.
Zitat von blob123yRusslands sind Geheimdienstler, Militaers, Aparatschicks usw. damit kann man kein Land regieren. Die Russen wissen das seit wenigstens 60 Jahren, jedoch sag das einen Russen, der / die weiss es sowieso besser der / die stapft ins naechste Sumpfloch und blickt einfach nicht durch. Total zu mit Borniertheit, Dummxheit usw. die lernens nie.
Ich habe viele Russen kennengelernt, die ihren Behauptungen (wo abgeschrieben?) überhaupt nicht entsprechen. Immerhin startete aus Russland der erste Mann ins All. Die Russen lieben ihre Heimat, wie die meisten Menschen auf der Erde und sie lassen ihre Heimat auch nicht madig machen - ebenfalls wie die meisten Menschen auf der Erde. Was Sie schreiben ist selbst borniert - denkt man nur an die Mathematiker, Schriftsteller, Philosophen, Schachspieler... aus Russland.... Der Kostin gefällt mir, scheint bodenständig zu sein. Alle kennen sich schon lange. Na vielleicht stiftet in diesem Fall mal die Wirtschaft Frieden. Ich frage mich, was Poroschenko in Davos macht, ich dachte, da kommen nur die mächtigsten Männer und Frauen zusammen und nicht Präsidenten von Staaten, die permanent klamm sind.
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