Dax-Geflüster Wenn Aktiensparen zum Alptraum wird

Von Kai Lange

2. Teil: Woran man sich jetzt halten sollte


Doch woran können sich Anleger noch orientieren? Klassische Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder die Dividendenrendite sind derzeit wenig aussagekräftig, sagt Born. Denn niemand kann voraussagen, wie stark die Gewinne der Unternehmen während der aktuellen Rezession einbrechen werden. Die verlockenden, einstelligen KGVs der meisten Dax-Werte sind dann hinfällig, ebenso ihre aus der Vergangenheit berechneten hohen Dividendenrenditen.

Selbst die Maxime des antizyklischen Investierens, "Kaufen, wenn die Kurse stürzen", kann derzeit nicht viele Anleger locken. Denn der Dax kann auch nach dem aktuellen Sturz um rund 50 Prozent noch tiefer fallen, wissen die Anleger, denen der 80-Prozent-Crash der Jahre 2000 bis 2003 noch in den Knochen steckt.

"Der aktuelle Kursrutsch dauert noch keine drei Jahre. Aber er hat sich sehr viel schneller vollzogen", sagt Fondsmanager Born. Den Sonderfall der hoch bewerteten VW-Aktie herausgerechnet, würde der Dax sogar nochmals rund 400 Zähler tiefer notieren als derzeit: Das bedeutet, die Bewertungen der meisten Dax-Aktien haben sich seit Januar bereits mehr als halbiert.

In der aktuellen Marktphase blickt der Fondsmanager eher auf die Indikatoren, welche die Stimmung unter Investoren sowie ihre Risikoscheu widerspiegeln. Die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen sind zum Beispiel so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr, das Verbrauchervertrauen in den USA ist auf einem Rekordtief, und die Schwankungen im Markt belegen eine extrem hohe Nervosität der Investoren. "Dies alles deutet darauf hin, dass Investoren die Hoffnung auf eine rasche Konjunkturwende aufgegeben haben", sagt Born.

Wie lange sich diese Phase noch hinziehen wird, darauf will sich auch Born nicht festlegen. "Eine tiefe Rezession für das Jahr 2009 sollte auf dem aktuellen Kursniveau jedoch eingepreist sein", ist der Fondsmanager überzeugt. Investoren hätten das Gesamtjahr 2009 bereits abgehakt: Das Kurs-Buchwert-Verhältnis der meisten Dax-Unternehmen sei derzeit niedriger als während der Rezession 2002/2003.

"Kaufen und Halten" gilt nur noch für sehr wenige

Dies bedeutet: Anleger gehen davon aus, dass die aktuelle Rezession länger dauern und tiefere Spuren hinterlassen wird als der jüngste Abschwung. Der Rest ist eine Glaubensfrage: "Wer meint, dass sich bis Ende 2009 Zeichen der konjunkturellen Besserung einstellen werden, der kann auf aktuellem Niveau wieder schrittweise Positionen aufbauen", meint Born. Er sieht Indizien dafür, dass der aktuelle Abschwung zwar stark, aber vergleichsweise kurz ausfallen werde. Die staatlichen Konjunktur- und Hilfsprogramme, das niedrige Zinsniveau, der Verfall der Öl- und Rohstoffpreise und die Stabilisierung des Dollar gegenüber dem Euro - all dies könne zu einer vergleichsweise raschen Erholung des Aktienmarktes führen - womöglich schon im Laufe des Jahres 2009.

Die von extremen Schwankungen geprägten vergangenen zehn Jahre seien für viele Anleger ein verlorenes Jahrzehnt gewesen, räumt Born ein. Der Maxime "Kaufen und Halten" können nur noch diejenigen Anleger folgen, die sich sehr lange Anlagezeiträume leisten können.

Für alle anderen empfehle sich eine "aktive Steuerung" ihrer Investments: Die Zyklen der Konjunktur aufmerksam verfolgen, auch wenn man die Hochs und Tiefs nie auf den Monat genau ausloten kann. Bereit sein, während einer Hochphase die Aktienquote auch mal schrittweise zu reduzieren, um sie in einer Ausverkaufsphase dann wieder aufzustocken. Nicht nur auf Unternehmenskennzahlen, sondern auch auf Stimmungsindikatoren schauen.

Aktiensparer von heute müssen aktiver sein und Risiken steuern. Wer nur auf die Zeit vertraut, muss sehr viel davon haben. Eine Negativrendite aus zehn Jahren lässt sich so schnell nicht wieder aufholen: Die vielfach beschworene Durchschnittsrendite von knapp acht Prozent pro Jahr wird für viele Aktiensparer blanke Theorie bleiben - selbst dann, wenn der aktuelle Aktien-Alptraum bald zu Ende geht.



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