Dax-Geflüster Wenn Aktiensparen zum Alptraum wird

Von wegen sicher: Der Aktiencrash hat gezeigt, dass Dividendenpapiere langfristig nicht unbedingt höchste Renditen bringen. Deshalb müssen Sparer umdenken: Geduld und gute Nerven reichen nicht mehr aus.

Von Kai Lange


Hamburg - 7,6 Prozent Rendite pro Jahr - so lautete das Versprechen. Das ist deutlich mehr, als Tagesgeldkonten, Festgelder oder Sparbücher derzeit einbringen. Selbst nach Abzug einer jährlichen Inflation von 2,6 Prozent blieben noch fünf Prozent reale Rendite pro Jahr übrig: Genug, um eine beliebige Sparsumme binnen 14 Jahren inflationsbereinigt zu verdoppeln. Aktiensparen könnte so schön sein.

Grafik: der Punktestand des Dax
manager-magazin.de

Grafik: der Punktestand des Dax

Doch 7,6 Prozent sind nicht die reale Aktienrendite pro Jahr. Es ist die jährliche Durchschnittsrendite für diejenigen Sparer, die seit 30 Jahren Monat für Monat 100 Euro in einen Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland eingezahlt haben. Es ist die Durchhalteparole, die Fondsanbieter und der Bundesverband BVI derzeit den entnervten Aktiensparern zurufen: Haltet durch, soll das heißen, am Ende wird doch noch alles gut.

Doch die Doktrin "langfristig denken, Schwankungen aussitzen" funktioniert nicht mehr. Zumindest nicht für die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen, die sich nicht mehr auf die staatliche Rente verlassen können und deshalb seit etwa zehn Jahren einen Teil ihrer Ersparnisse in Aktien stecken.

Ihre Zehnjahresbilanz - auch nicht gerade ein kurzfristiger Zeitraum - ist verheerend: Wer seit 1998 regelmäßig spart, hat derzeit nicht einmal die Summe seiner eingezahlten Beiträge wieder heraus. Wer vor zehn Jahren gar ein Dax-Zertifikat kaufte, liegt heute, bei einem Dax-Stand Chart zeigen von rund 4250 Zählern, rund zehn Prozent im Minus. Hinzu kommt in beiden Fällen der zusätzliche Wertverlust durch die Inflation. Willkommen im aktuellen Alptraum Aktiensparen.

Vier Phasen eines verlorenen Jahrzehnts

Natürlich raten Fondslobby und Banken ihren Kunden, jetzt erst recht nicht die Nerven zu verlieren. Das ist ihr Job. Wahrscheinlich ist auch, dass sich die Aktienmärkte in den nächsten fünf, zehn oder 15 Jahren erholen werden und man irgendwann wieder eine positive Langfristbilanz ziehen kann. Doch nach zehn Jahren vergeblichen Sparens hat mancher Anleger den Glauben an die Langfristrendite verloren und will sich nicht noch weitere 20 Jahre gedulden.

Denn in den vergangenen zehn Jahren haben Anleger Geld in kürzeren Zeiträumen verdient - oder verloren, je nach Zeitpunkt. Zwischen November 1998 und März 2000 hätte man seit Geld beinahe verdoppelt - wenn man denn rechtzeitig ausgestiegen wäre. Es folgten drei Jahre Kurs-Crash, die vom Platzen der Dot-Com-Blase, den Anschlägen vom 11. September 2001, den Enron-Bilanzskandalen und der Rezession 2002/2003 begleitet wurden. Bis März 2003 verlor der Dax innerhalb von drei Jahren knapp 80 Prozent seines Wertes, um dann, nach Einmarsch der US-Truppen im Irak, eine mehrjährige Rallye zu starten.

Für Aktionäre folgten fünf fette Jahre. 2003 legte der Dax um 35 Prozent zu, 2004 um neun Prozent und 2005 um weitere 28 Prozent. In den Jahren 2006 und 2007 waren es jeweils 21 Prozent, also fünf Jahre mit Renditen, die jede andere Anlageklasse hinter sich ließen. Zwischen März 2003 und Ende 2007 hätten Dax-Anleger ihren Einsatz beinahe vervierfacht - wenn sie optimal ein- und ausgestiegen wären. Wer aber auch im Jahr 2008 Aktien treu blieb, erlebte bis dato einen Kursrutsch von rund 50 Prozent. Alle Gewinne seit 2004 sind wieder weg.

Also stets kurzfristig rein und raus? "Der Versuch, den jeweils optimalen Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu erwischen, ist in der Praxis zum Scheitern verurteilt", sagt Matthias Born, Manager des auf deutsche Unternehmen spezialisierten Fonds Allianz-dit Concentra. Der schrittweise Einstieg sei meist eine gute Alternative. Ein optimales Markettiming gelinge weder Privatanlegern noch Profis. Wer sich nicht selbst überschätze, sollte anderen Kriterien folgen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.