Dax-Rekord "Die Risiken nehmen zu"

8151 Punkte: Der Dax ist heute so hoch geklettert wie noch nie. Manche Analysten erwarten nun weitere Kurssprünge - doch auch kritische Stimmen werden laut. "Die Aktienmärkte sind anfälliger geworden", warnt Johannes Reich vom Bankhaus Metzler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Herr Reich, der Dax hat seinen Rekord geknackt. Ist das ein Zeichen für den Aufschwung in Deutschland?

Reich: Nicht unbedingt. Man muss unterscheiden zwischen der realen Wirtschaft auf der einen Seite und den Finanzmärkten auf der anderen. In der Regel nimmt die Börse die Entwicklung der Realwirtschaft vorweg.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der starke Dax dann?

Reich: Er ist ein Zeichen für die weiterhin gute Weltkonjunktur. Die Dax-Unternehmen erzielen ihre Umsätze nur zum Teil in Deutschland, manche sind sogar überwiegend im Ausland tätig.

SPIEGEL ONLINE: Das letzte Mal lag der Dax vor sieben Jahren so hoch, danach ging es steil bergab. Muss man diese Sorge wieder haben?

Reich: Ich glaube nicht, dass sich die Entwicklung wiederholt. Damals waren die Gewinne niedriger als heute, viele Aktien waren überbewertet. Außerdem gab es Schocks wie den 11. September und den Irak-Krieg. Heute haben wir ein solideres Fundament, die Kostenstruktur der Unternehmen ist besser als vor sieben Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Einen erneuten Kurssturz kann man also ausschließen?

Reich: Exogene Schocks können immer passieren. Was ist, wenn es den ersten Terroranschlag in Mitteleuropa gibt? Der deutsche Aktienmarkt würde sicher stark reagieren. Generell ist er höheren Schwankungen ausgesetzt als zum Beispiel der schweizerische.

SPIEGEL ONLINE: Und abgesehen von solchen Schocks: Ist der Dax auf einem stabilen Wachstumspfad?

Reich: Die Risiken nehmen zu. Namhafte Ökonomen warnen vor der Intransparenz bei Private-Equity-Firmen und Hedge-Fonds, die zum Teil hoch verschuldet sind. Wenn die Zinsen steigen, kann das zu Verwerfungen führen. Das Gleiche gilt für die Hypothekenkrise in den USA. Oder nehmen Sie die Aktienmärkte in China: Wenn die Blase platzt, hat das auch Auswirkungen auf den Rest der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie teilen nicht den Optimismus vieler Aktienexperten?

Reich: Generell ist genug Liquidität im Markt. Höhere Zinsen könnten aber ein Problem werden. Nach vier Jahren mit steigenden Kursen sind die Aktienmärkte anfälliger geworden. Ich würde es so sagen: Die Stimmung ist skeptisch-optimistisch. Das bedeutet aber nichts Schlimmes - Vorsicht schützt vor Übertreibungen.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Aktien sollte man jetzt setzen?

Reich: Wir empfehlen unter anderem Postbank, Linde, Siemens und Volkswagen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es schon Zeit für defensive Titel?

Reich: In einem schwachen und nervösen Markt sind Versorgungsunternehmen oder defensive Titel weniger anfällig als Banken, Versicherungen oder Reiseunternehmen. Noch sind wir aber nicht so weit.

Das Interview führte Anselm Waldermann



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