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»Decken einziehen, nicht Fußböden«

aus DER SPIEGEL 5/1979

SPIEGEL: Mr. Chairman, die internationalen Devisenmärkte kommen nicht mehr zur Ruhe, die latente Nervosität trifft vor allem den Dollar. Warum gerät die US-Währung so oft in Schwierigkeiten?

MILLER: Sie sprechen zu Recht von Nervosität. Diesmal geht es nicht um Fakten, sondern um beiläufige Meinungsäußerungen -- besonders aus Deutschland.

SPIEGEL: Sie meinen die Behauptung des Vizepräsidenten der Bundesbank, Karl Otto Pöhl, die Zentralbanken hätten im letzten Jahr mit Devisen im Wert von 50 Milliarden Dollar interveniert, um den Dollar zu stützen?

MILLER: Richtig. Seine Behauptung ist so nicht korrekt. Ich kenne zwar weder seine Annahmen und Zahlen noch den genauen Wortlaut seiner Äußerungen. Aber die Dimension, von der er spricht, stimmt nicht. Offenbar hat er gegenläufige Transaktionen nicht berücksichtigt.

SPIEGEL: Wessen Zahlen auch immer stimmen: Offenbar wird die Deutsche Bundesbank allmählich ungeduldig, weil sie gezwungen ist, ständig zugunsten des Dollar zu intervenieren. Zwangsläufig erhöht sieh dadurch das Geldvolumen und damit auch die Gefahr eines neuen Inflationsschubs in der Bundesrepublik.

MILLER: Das ist nicht zu bestreiten. Aber abgesehen davon, daß diese Interventionen auch Folge unglücklicher Äußerungen sind, können Sie doch nicht übersehen, daß die amerikanischen Anstrengungen sehr weit gehen und daß wir ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Stabilisierung des Dollar beschlossen haben.

SPIEGEL: Für die Deutschen zahlt sich das offenbar kaum aus. Sie müssen Woche für Woche intervenieren.

MILLER: Das ist zu kurzfristig gedacht. Das Handelsbilanzdefizit der USA ist seit dem ersten Quartal 1978 laufend kleiner geworden. Dieser Trend wird sich fortsetzen und dazu führen, daß wir in diesem Jahr ein Defizit von weniger als zehn Milliarden Dollar haben werden, ungefähr die Hälfte des letzten Jahres.

SPIEGEL: Aber die Inflation in den USA, die doch wohl der entscheidende Faktor für die Anfälligkeit des Dollar ist, konnte kaum gebremst werden.

MILLER: Die Inflationsrate nimmt ab, daran gibt es keine Zweifel. Aber das geht nun einmal nicht so schnell. Wir haben eine vollständige und wirksame Mischung von verschiedenen wirtschaftspolitischen Instrumenten beschlossen, die von Lohn- und Preisleitlinien über harte Zinserhöhungen und eine restriktive Geldpolitik bis zum Dollar-Interventionsprogramm vom letzten November reichen. Damals vereinbarten wir mit dem Währungsfonds und einigen Zentralbanken, daß wir Devisen im Wert von 30 Milliarden Dollar zur Stabilisierung der Devisenmärkte einsetzen können.

SPIEGEL: Trotz aller Anstrengungen bleiben die Teuerung in den USA

* Mit SPIEGEL-Redakieur Werner Funk.

und der Druck auf den Dollar beachtlich.

MILLER: Das Wachstum der US-Wirtschaft hat sich in letzter Zeit abgeschwächt. Die Bremsen ziehen, das sieht man zum Beispiel in der Bauwirtschaft sehr deutlich. Unsere Strategie eines ausgewogenen Abbremsens ist vernünftig und erfolgreich -- zumal auch der Präsident und der Kongreß ihren Beitrag leisten und die Haushaltsansätze 1979/80 ganz erheblich zusammengestrichen haben.

SPIEGEL: Die Konsumgüterpreise steigen dennoch seit Monaten mit einer Jahresrate von beinahe zehn Prozent.

MILLER: Wenn wir eine schärfere Anti-Inflationspolitik betrieben, dann wäre das nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt ein verhängnisvoller Fehler. Der Preis für eine Radikalkur wäre zu hoch. Das würde nur zu neuen Fehlentwicklungen führen, zum Beispiel zu enormen Haushaltsdefiziten des Staates, weil die Steuereinnahmen fallen würden, die Verpflichtungen aus Sozialgesetzen oder anderen politischen Prioritäten aber kaum zusammenzustreichen sind.

SPIEGEL: Dennoch behaupten viele Experten, daß die Inflationsrate in den nächsten Monaten auf dem gleichen Niveau bleiben wird.

MILLER: Die Inflation ist nun einmal ein Phänomen, mit dem man nicht in ein paar Monaten fertig wird. Unglücklicherweise glauben die Leute immer, daß ein Trend anhält, daß sich nichts ändert. Ich jedenfalls kann von mir behaupten, daß meine Voraussage für 1978 präziser war als die der Konjunkturexperten.

SPIEGEL: Deutsche Bankiers meinen, daß die Zentralbank und vor allem die Regierung eine deutliche Konjunkturabschwächung, notfalls sogar eine leichte Rezession riskieren müssen, wenn sie die Teuerung wirksam bekämpfen wollen. Sind Sie bereit, dieses Risiko einzugehen?

MILLER: Dieses Risiko sind wir eingegangen. Glücklicherweise ist die Gefahr eines Konjunktureinbruchs derzeit nicht sehr groß. Ich glaube, daß es uns gelingt, lediglich das Wachstumstempo herunterzudrücken und dennoch die Inflation zu drosseln. Eine Rezession würde die Probleme nicht lösen, allenfalls für das Jahr des Einbruchs. In dem Jahr würden die Preise in der Tat kaum steigen. Aber die Folgen einer scharfen Rezession für die ganze Welt wären verheerend.

SPIEGEL: Also wollen Sie doch kein Risiko eingehen.

MILLER: Doch. Wir riskieren sehr wohl eine Rezession -- aber wir planen sie nicht.

SPIEGEL: Sind Sie der Meinung, daß Präsident Carter diese Politik hinreichend unterstützt? Reichen die Etatkürzungen, die in diesen Wochen beschlossen wurden?

MILLER: Wenn diese Streichungen das Ende der Entwicklung wären, dann würde ich die Frage verneinen. Weil sie aber der Anfang einer auf mehrere Jahre ausgelegten Austerity-Politik sind, halte ich sie für angemessen. Wir müssen uns davor hüten, allzu radikale Schritte zu machen, weil sie das ganze System aus dem Gleichgewicht bringen würden ...

SPIEGEL: ... und die Chancen Ihres Präsidenten Carter, 1980 wiedergewählt zu werden, verderben?

MILLER: Nur wer gezeigt hat, daß er mit der Inflation fertig werden kann, wird in diesem Land zum Präsidenten gewählt. Im übrigen entspricht diese Haltung irgendwie dem Naturell von Präsident Carter. Er ist in wirtschaftlichen Fragen eher vorsichtig. Er dreht den Penny um und zählt den Dollar.

SPIEGEL: Diese Mentalität scheinen nicht allzu viele Ihrer Landsleute zu haben. Offensichtlich tolerieren Amerikaner Inflationsraten, die in Deutschland vielleicht das politische System in Gefahr gebracht hätten.

MILLER: Unsere Länder sind nicht in allen Punkten vergleichbar. Wir konnten uns zum Beispiel nicht den Luxus leisten, ausländische Arbeitnehmer einfach in ihre Heimatländer zurückzuschicken, als dies aus konjunkturellen Gründen opportun schien.

SPIEGEL: Auch viele deutsche Arbeitnehmer verloren ihre Jobs.

MILLER: Ich bleibe dabei, sie konnten einen Teil Ihrer Probleme exportieren. Im übrigen haben die Deutschen ein besonderes Verhältnis zum Geldverfall, weil sie eine Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise erlebt haben. Bei uns hat es eine Inflation wie diese in Friedenszeiten noch nie gegeben. Zunächst mochten viele nicht zugeben, daß es sich um ein strukturelles Problem handelt. Zunächst war es eine Mißernte, dann waren es die Ölpreise. Aber schließlich wurde vielen klar, daß es ernst ist. Und wenn die Amerikaner erst einmal geschaltet haben, schalten sie nicht so schnell wieder zurück.

SPIEGEL: Sie sprachen von strukturellen Ursachen der amerikanischen Inflation. Was meinen Sie damit?

MILLER: Nun, die Inflation begann mit dem Vietnamkrieg, den wir durch Schuldenaufnahme finanzierten. Die Leute reagierten darauf: Sie versuchten, sich vor den Folgen der Inflation zu schützen und alle möglichen Dinge an die Entwicklung des Indexes für die Kosten der Lebenshaltung zu binden. Diese Indexierung ist eine tödliche Krankheit, weil sie die Probleme permanent verschärft.

Irgendwie sind die siebziger Jahre mit den dreißiger Jahren vergleichbar, es scheint einen 40-Jahre-Zyklus zu geben. In den Dreißigern bemühten sieh alle, die depressive Wirtschaft in Gang zu bringen, der Keynesianismus kam auf. Als ich aufwuchs, mußten Vorschriften für Mindestlöhne erlassen werden, weil die Leute sonst für einen Nickel gearbeitet hätten. Nur mit Mindestlöhnen konnte Kaufkraft geschaffen und die Konjunktur in Gang gebracht werden.

SPIEGEL: Das scheint heute kaum das Problem zu sein.

MILLER: Heute ist es genau anders herum. Wir haben ein so hohes Anspruchsniveau, ein so ausgeprägtes Gefühl für das, was uns zusteht, daß die Wirtschaftspolitik viel eher vor dem Problem steht, Decken einzuziehen, nicht Fußböden.

SPIEGEL: Damals leisteten die Wirtschaftstheoretiker -- etwa Keynes -- einen wesentlichen Beitrag. Wie steht es heute damit, hilft Ihnen der Rat der Wissenschaft?

MILLER: Welcher? In zehn Jahren kann ich Ihnen sagen, welcher der Experten recht hatte.

SPIEGEL: Der bekannteste Wirtschaftsprofessor der USA, Milton Friedman, hat unlängst geschrieben, Ihre Währungspolitik sei unklug und unnötig. Er empfiehlt Ihnen, einfach die Geldversorgung zu drosseln, dann werde alles gut.

MILLER: Wenn wir in einer anderen Zeit lebten, hätte er vielleicht recht. Wir haben aber nun einmal riesige Defizite gemacht, wir haben einen Überhang von Dollar, um diese Defizite zu finanzieren. Uns geht es darum, die Grunddaten zu ändern, damit wir langfristig die Probleme der Weltwirtschaft lösen können. Bis wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen gelegentlich schwierige Phasen überbrückt werden. Nach dem Krieg haben wir vielen Ländern geholfen, und wir haben auch mit Hilfe des Systems fester Wechselkurse viele Länder indirekt finanziert ...

SPIEGEL: ... indem die US-Firmen wegen des hohen Dollarkurses billig europäische Firmen aufkauften.

MILLER: Nicht nur. Ich bin deshalb gar nicht so aufgeregt darüber, daß die europäischen Zentralbanken diesmal uns beizustehen haben.

SPIEGEL: Einverstanden. Aber sind nicht auch Sie besorgt über den auf 600 Milliarden Dollar angewachsenen weitgehend unkontrollierbaren Eurodollarmarkt, der sich unter anderem wegen der laxen amerikanischen Währungspolitik und der ständigen Defizite hat bilden können?

MILLER: Durchaus. Deshalb meine ich auch, wir sollten gemeinsam mit den anderen Zentralbanken überlegen, wie wir diese Fehlentwicklung bremsen und einen Teil dieser Liquidität abschöpfen zu können.

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