Deflation "Deutschland befindet sich in der Hochrisiko-Kategorie"

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Finanzmärkte mit einer Studie über die Deflationsgefahr in Deutschland geschockt. Der Bundeskanzler reagiert umgehend - indem er die Existenz des Problems rundweg bestreitet.


Japaner beim Einkaufen: Seit Jahren in der Deflations-Spirale gefangen
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Japaner beim Einkaufen: Seit Jahren in der Deflations-Spirale gefangen

Berlin - Der IWF sieht in Deutschland eine hohe , wenn das Wachstum so schwach bleibt wie befürchtet. Sollte die deutsche Wirtschaft in die Rezession abrutschen, steige das Risiko noch, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten IWF-Studie.

"Deutschland leidet unter einem schwachen makroökonomischen Umfeld, einem hohen und wachsenden Output-Gap, hoher Arbeitslosigkeit, Problemen des Bankensektors und hat wenig Handlungsspielraum", schreibt der IWF. Mit dem so genannten Output-Gap wird die Differenz zwischen möglichem und realem Bruttoinlandsprodukt beschrieben. "Deutschland befindet sich in der Hochrisiko-Kategorie", heißt es in der Studie weiter. "Die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten zwölf Monaten milde Deflation einsetzt, ist beträchtlich."

Gefährliche Abwärtsspirale

Bei der Deflation gehen die Preise über einen längeren Zeitraum zurück. Das Angebot an Waren ist größer als die Nachfrage. In Erwartung weiter fallender Preise verschieben Verbraucher ihre Anschaffungen, was wiederum zu sinkender Produktion, fallenden Gewinnen und höherer Arbeitslosigkeit führen kann.

Die Lebenshaltungskosten in Deutschland waren im April vor allem auf Grund deutlich gefallener Rohölpreise im Vergleich zum März um 0,2 Prozent gesunken. Nach vorläufiger Berechnung des Statistischen Bundesamtes ging die Jahresinflation auf 1,1 Prozent von 1,2 Prozent im Vormonat zurück.

Welche Deflationsgefahr?

Die Bundesregierung sieht derzeit trotzdem keine Deflationsgefahr in Deutschland. Der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Jörg Müller, sagte am Montag in Berlin, eine solche Entwicklung sei nicht zu erkennen. In diesem Fall müssten die Preise auf breiter Front sinken, und dies sei nicht feststellbar. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am Montag, er sehe keine Risiken einer Deflation in Deutschland.

Mit ihrer Meinung steht die Regierung ziemlich alleine auf weiter Flur. Seit Wochen wird das Thema Deflation etwa an den internationalen Finanzmärkten diskutiert. Während die meisten Volkswirte für die USA wegen der preistreibenden Wirkung des fallenden Dollars ein relativ geringes Deflationsrisiko sehen, dürfte Europa stärker gefährdet sein. Als Risikoland, das in japanische Verhältnisse abgleiten könnte, wird dabei immer wieder Deutschland genannt. Japan leidet seit Jahren unter der Deflation.

DIW teilt Meinung des IWF

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht in Deutschland ebenfalls beträchtliche Deflationsgefahren. DIW-Konjunkturexperte Gustav-Adolf Horn verwies am Montag in Berlin darauf, dass sein Institut bereits im Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute vor einem halben Jahr vor einer solchen Entwicklung gewarnt habe. Er teile die Einschätzung, "dass in Deutschland alle Ingredenzien für eine Deflationsentwicklung vorhanden sind", sagte Horn.

Börsencrash, lang anhaltende Stagnation, Aufwertung der Währung und zögerliche Reaktionen der Politik hätten auch in Japan dazu geführt, dass Löhne und Preise immer stärker unter Druck geraten seien, sagte Horn. Notwendig sei deshalb jetzt eine rasche Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank. In der nationalen Finanzpolitik komme es darauf an, dass der Sparkurs zumindest nicht verschärft werde. Dabei müssten konjunkturbedingte Defizitrisiken in Kauf genommen werden. Sonst würde die Deflationsgefahr verstärkt.



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