Deindustrialisierung Licht aus in Berlin

Der Abbau von Industrie-Jobs in der deutschen Hauptstadt geht weiter: In den nächsten Monaten verlieren in Berlin 1500 Fabrikarbeiter ihren Job. Viele der Betriebe, die jetzt dicht machen, haben Millionen an Fördergeldern erhalten.


Berlin - Im November sind die vorerst letzten Bildröhren im Samsung-Werk in Oberschöneweide gefertigt worden. Dann wurde es still in den großen Fabrikhallen. Auf den Straßen und Plätzen Berlins wurden die Proteste gegen Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau dagegen umso lauter.

Mahnwache bei Samsung: "Katastrophe für Berlin"
DDP

Mahnwache bei Samsung: "Katastrophe für Berlin"

Die 750 Mitarbeiter der Bildröhren-Fertigung von Samsung sind die ersten der Industriearbeiter in Berlin, die im nächsten Jahr ihre Arbeitsplätze verlieren sollen. Ende Januar droht den 235 Beschäftigten der JVC-Video Manufacturing in Reinickendorf die Kündigung. In der CNH Baumaschinen, ehemals Orenstein und Koppel, in Spandau sollen bis Ende Juni rund 500 Beschäftigte ihre Anstellung verlieren. Die IG Metall spricht von einem "industriellen Aderlass".

Sowohl Samsung als auch JVC und CNH haben öffentliche Fördermittel in Millionenhöhe kassiert, wie IG-Metall-Sekretär Klaus Wosilowsky sagt. Die IG Metall wirft den internationalen Konzernen nun "grenzenlose Profitgier" vor. Hinter jedem einzelnen Arbeitsplatz stehe das Schicksal von ganzen Familien. Der Verlust von fast 2000 Arbeitsplätzen bei knapp 18 Prozent Arbeitslosigkeit sei eine Katastrophe für Berlin, betont Wosilowsky. Die Industrie sei "die wesentliche Korsettstange der Wirtschaft".

Zusammen mit den Betroffenen wird seit Monaten versucht, mit Demonstrationen und phantasievollen Aktionen Druck auf die Konzerne auszuüben. Sie werden durch die Werksschließungen einen enormen Imageverlust erleiden, warnt Wosilowsky. Die Bundesregierung müsse sich endlich einschalten und Wettbewerbsverstöße prüfen, fordert der Gewerkschafter. Nach seiner Überzeugung gibt es Absprachen zwischen den internationalen Konzernen.

Momper: "Tiefschlag gegen alle Steuerzahler"

Der Samsung-Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Kibbel warnt angesichts der drohenden Stellenverluste vor einer Kettenreaktion. Auf jeden Arbeitsplatz in der Industrie kämen zwei Stellen im Dienstleistungssektor, sagt Kibbel. Nach den gescheiterten Verhandlungen zwischen der Samsung-Geschäftsführung und der IG Metall soll im Januar eine Einigungsstelle eingerichtet werden. Bis Ende Februar werde mit einer Entscheidung gerechnet, fügt Kibbel hinzu.

Kündigungen können den Angaben zufolge erst nach Abschluss der Verhandlungen ausgesprochen werden. Alle vorgelegten Alternativkonzepte für das Samsung-Werk wurden von der Geschäftsführung abgelehnt. Indes halten die Beschäftigten des Samsung-Werkes seit dieser Woche rund um die Uhr eine Mahnwache vor ihrem Werkstor ab. Es werde eine neue, schwere Erfahrung sein, den Weihnachtsabend vor der Fabrik zu verbringen, sagt Kibbel. Am 24. Dezember ist dort für 15 Uhr auch ein ökumenischer Gottesdienst für die Mitarbeiter und ihre Familien geplant.

Berlins Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) ruft zu Solidarität mit den um ihren Arbeitsplatz kämpfenden Mitarbeitern auf. Für viele werde es aus Ungewissheit und Sorge kein fröhliches Weihnachtsfest und keinen fröhlichen Jahreswechsel geben, sagt Momper. Durch Managementfehler sei versäumt worden, die Firmen auf Veränderungen des Marktes auszurichten und konkurrenzfähig zu erhalten. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohn-Länder nach Ablaufen der Frist für Förderungen sei ein "Tiefschlag gegen alle Steuerzahler", kritisiert Momper.

Die Proteste müssten noch breiter gestreut werden, sagt CNH-Betriebsratsvorsitzender Christian Fromm. Schließlich würden auch in anderen Unternehmen wie bei Reemtsma oder der Deutschen Telekom massiv Stellen abgebaut. Bisher habe die Geschäftsführung des CNH-Werkes nur von Veränderungen gesprochen, aber keine konkreten Unterlagen zur Verfügung gestellt. Die Mitarbeiter seien wütend und vor allem stark verunsichert, betont Fromm. Sie wüssten derzeit nicht, wie es weitergeht.

Romy Richter, ddp



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