Sprachkritik Was, bitte, sind Kulanzpakete?

Pizza, Burger oder Pasta - diesen Freitag liefert Deliveroo in Deutschland seine letzten Pakete aus. Sieht man von den "Kulanzpaketen" ab, die das Start-up noch anbietet. Doch da steckt etwas ganz anderes drin.

Ralph Peters / imago images

Eine Glosse von


Sprechen Sie Wirtschaft?
    Im Wirtschaftsleben wird selten ausgesprochen, was gemeint ist. Da heißt es dann "Umstrukturierung" statt Entlassungen. Oder "Negativwachstum" statt Wirtschaftsrückgang. Bei "Sprechen Sie Wirtschaft?" schauen wir uns solche Formulierungen an - und zwar schief von der Seite.

Anfang dieser Woche kündigte der Essenslieferdienst Deliveroo an, sich aus Deutschland zurückzuziehen. Die letzten Lieferungen werden schon an diesem Freitag ausgefahren.

Wenn man das Geschäft ganz einstellt, ist das wohl die größtmögliche Umstrukturierung. Anders als sonst, löst das Deutschland-Aus von Deliveroo aber keine riesige Kündigungswelle bei den Kurieren des Dienstes aus. Denn die sind alle Freiberufler. Kommen keine Aufträge mehr, ist halt Schluss. Viele trifft das heftig: Die Ankündigung vier Tage vor dem Ende ließ ihnen keine Zeit, sich etwas Neues zu suchen.

Doch Deliveroo, für seine prekären Arbeitsbedingungen oft kritisiert, versprach für die Fahrer "angemessene Vergütungs- und Kulanzpakete".

Einerseits naheliegend: Mit Paketen kennen sie sich aus bei Deliveroo. Nur, dass diesmal wohl Geld drinstecken soll. Kulanterweise, denn eine juristische Verpflichtung gibt es vermutlich nicht, den Fahrern eine Abfindung zu zahlen. Sie waren ja auch nicht sozial- oder krankenversichert. Wobei einige Fahrer durchaus noch ausloten, ob sie nicht doch gerichtlich gegen den Laden vorgehen können.

Derweil melden nun langjährige Vielfahrer, dass ihre "Kulanzpakete" über 400 Euro wert sind. Viele dürften weniger bekommen, die Höhe richtet sich nach den letzten Einnahmen, in den Ferienwochen.

Die Kulanz - und das ist ungewöhnlich - ist hier zweigeteilt: Deliveroo rückt extra Geld heraus, wenn man einen sofortigen Aufhebungsvertrag unterschreibt - wer kann da schon Nein sagen. Normalerweise ist Kulanz eher nicht an solche Bedingungen geknüpft. In den englischen Mitteilungen des Londoner Start-ups ist hier von "good will payments" die Rede. Da weiß man gar nicht, wessen guter Wille gemeint ist.

Was bedeutet es also, wenn Deliveroo von "Kulanzpaketen" spricht? Vielleicht wäre "Sündenerlass" treffender. Der Dienst, der ja in anderen Ländern weiter existiert, will nicht komplett herzlos erscheinen. Und bei den Fahrern, die ohnehin die Gekniffenen sind, zusätzlich Druck erzeugen: Mit einem Aufhebungsvertrag ist die Firma alle juristischen Sorgen los.

Klingt wie ein typisches Deliveroo-Paket: Außen chic, innen lauwarm und nicht besonders nahrhaft.

Mehr zum Thema


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 16.08.2019
1. Nett zusammengefasst
Dieses Unternehmen zeigt uns überdeutlich, wie alle Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft in kürzester Zeit den Bach runter gehen. Keine Festanstellung, keine Sozialversicherung und mal eben vier Tage vor Schluss das Aus verkünden. Das Abschiedsgeschenk dient nur dazu, die öffentliche Erregung zu dämpfen, bevor sie an andere Standorte überschwappt.
Mehrleser 16.08.2019
2. Plattform-Ökonomie
Das Grundprinzip der Plattform-Ökonomie: Der Betreiber verlangt viel Eintritt, trägt aber selbst zum eigentlichen Produkt nichts bei. Der Konsument möchte alles umsonst, hip und bequem, also muss die Lieferantenseite bluten. Egal ob Fahrradbote für Pizza oder Akku-Sklave für eRoller. Von wegen "sharing is caring"!
RobertW 16.08.2019
3. Guter Kommentar, aber leider am Ende die Metapher verhunzt...
"Klingt wie ein typisches Deliveroo-Paket: Außen chic, innen lauwarm und nicht besonders nahrhaft." wäre ein schönes Bild, wenn nicht die "Nahrhaftigkeit" ganz und gar von der Bestellung (und damit der Käuferentscheidung) abhängen würde. Damit hat der Autor nicht nur die schöne Metapher verkackt, sondern leider unbeabsichtigt das Augenmerk auf den wichtigsten Aspekt dieser ganzen Lieferdienst-choose gelenkt: WIR entscheiden welche Unternehmen erfolgreich sind. Wir sind also der Hauptschuldige wenn Unternehmen Mitarbeiter ausbeuten können.
wolfi55 16.08.2019
4. Lieferheld soll bessere Bedingungen bieten
Also für die Mitarbeiter jedenfalls soll es da besser sein. Aber ich habe meine Zweifel am Geschäftsmodell dieser Dienste.
pollux_1969 16.08.2019
5. Machste nix - isses falsch, machste was - AUCH!
Ärgerlich ist es für alle Beteiligten, aber ich werte die Geste einer freiwilligen Zahlung als ein sehr positives Signal. Aber hauptsache man haut erstmal drauf. Vielleicht steckt da Kalkül hinter, aber sie können sich damit nicht aus den Prozessen befreien die vielleicht noch mehr Geld kosten. Daher gilt es erstmal die Geste zu honorieren. Ach hätten sie doch lieber nix gezahlt. Dann wäre einem dieser hämische Bericht erspart geblieben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.