SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. November 2006, 07:12 Uhr

Demografischer Wandel

Opa daddelt, Oma shoppt

Es ist soweit: In Deutschland gibt es mehr Alte als Junge - doch die Deutschen verpassen die Riesenchancen des demografischen Wandels. Experte Peter Ruhenstroth-Bauer kritisiert: Der Wirtschaft gehen Märkte und Millionen Kunden verloren.

Berlin - Die Idee ist so einfach wie genial. Mit einem Spiel zum Gedächtnistraining hat sich der japanische Spielekonsolenspezialist Nintendo eine vollkommen neue Zielgruppe erschlossen. Für die tragbare Spielkonsole "Nintendo DS" wird ein Zahlen- und Puzzle-Spiel angeboten, das laut Nintendo "das Gehirn stimulieren und altersbedingte Hirnleistungsschwäche abwehren" soll. Die Übungen basieren auf einem in Japan sehr beliebten Buch des Neurowissenschaftlers Ryuta Kawashima ("Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging") und umfassen simple mathematische Aufgaben, das laute Lesen von klassischer Literatur sowie Zeichnungen auf dem Touchscreen.

Senioren-Konsumentin: Erstmals hat sich das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt
DPA

Senioren-Konsumentin: Erstmals hat sich das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt

Auch der Elektronikkonzern Sony hat mit "Kinetik Combat" ein Spiel im Programm, das zunächst nach einem schlichten Actionspiel klingt, sich in Wirklichkeit aber an ein älteres Publikum wendet, das sich mit Tai Chi oder Aerobic fit halten will. Konzipiert ist das Spiel für den Gameboy.

Die beiden Beispiele belegen: Die elektronische Spielewelt ist längst keine Domäne der Jungen mehr. Und es bedurfte nicht viel Aufwands, um sich diese Kundengruppe zu erschließen.

Dass solche Ideen in Japan entstehen, verwundert nicht. Denn dort spielt die ältere Generation im gesellschaftlichen Bewusstsein eine ganz andere Rolle als hier zu Lande. In Japan spricht man längst von der "Gesellschaft des langen Lebens". In Deutschland leben ältere Menschen dagegen - aus Sicht der Unternehmen - immer noch eher am Rande.

Das Problem lässt sich nicht mehr lange verdrängen

Sehr bald schon werden sie jedoch nicht mehr zu übersehen sein. Erstmals hat sich 2006 in unserer Bevölkerungsstruktur das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt, teilte unlängst das Statistische Bundesamt mit - zugunsten der Alten.

Den Trend bestreitet heute niemand mehr. Und trotzdem verfährt man immer noch nach den alten Mustern: Die einen malen Horrorszenarien an die Wand, die anderen vertrauen auf den "Markt" und wischen das Problem als marginal vom Tisch.

Dabei sind die Chancen der demografischen Entwicklung für Gesellschaft und Wirtschaft heute schon enorm. Neue, generationsgerechte Produkte können, bei uns entwickelt und produziert, neue Märkte für ein kaufkraftstarkes Publikum erobern. In Deutschland sind generationsgerechte Produkte der Konsumgüterindustrie in Serie hingegen immer noch Mangelware. So wird ein Seniorenhandy für stolze 298 Euro angeboten, und die Älteren fühlen sich zu Recht "abgezockt". Längst sind auch hier Produkte gefragt, die die Wünsche älterer Menschen berücksichtigen, innovativ sind und trotzdem generationenübergreifend attraktiv bleiben ("Design for all").

Auch was ihre Mitarbeiter angeht, haben die Unternehmen die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Dass über den Autobauer BMW oder die Zeitarbeitsfirma Adecco, die Wert auf eine gesunde Mischung der Altersstruktur ihrer Belegschaften legen, eigens in den Medien berichtet wird, bestätigt nur, dass es sich immer noch um Ausnahmen handelt. Die Regel ist dagegen ein ausgeprägter Jugendwahn. In 41 Prozent der deutschen Unternehmen ist kein Arbeitnehmer mehr zu finden, der älter als 50 Jahre ist.

Die Wirtschaft verfällt dem Jugendwahn

Statt gezielter Unternehmenspolitik für ältere Arbeitnehmer werden alle noch bestehenden Frühverrentungsmöglichkeiten ausgenutzt. Dabei ist längst klar, dass es demografisch bedingte Änderungen in der Alterstruktur der Erwerbstätigen geben wird - etwa die massive Zunahme der über 50-Jährigen ab 2010.

Gleichzeitig rechnen Arbeitsmarkt-Experten in Deutschland schon in vier Jahren mit einem akuten Facharbeitermangel. Allein in der Region Berlin/Brandenburg werden 100.000 Fachkräfte fehlen, zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) befürchtet eine unmittelbare Beschäftigungs- und Wachstumsbremse.

Dabei belegen Untersuchungen eindrucksvoll: Die Beschäftigungstauglichkeit wird durch das Alter an sich nicht eingeschränkt. Der Discounter Netto liefert einen guten Beleg dafür. Zwei seiner Filialen, in Berlin und in Neuruppin, führt der dänische Einzelhändler unter dem Motto "Netto 45 plus" - keiner der Angestellten ist also unter 45 Jahre alt. Das Resümee nach rund drei Jahren: Ältere Arbeitnehmer sind engagiert, belastbar, genauso wenig oder oft krank wie jüngere Mitarbeiter und verfügen über viel mehr Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Kunden.

Gleichwohl sagt Margit Kühn, die Geschäftsführerin der deutschen Netto-Gruppe, dass man künftig nicht ausschließlich auf ältere Mitarbeiter setzen will, sondern auf eine gesunde Mischung aus älteren, erfahren Mitarbeitern und jungen Kollegen. Denn altersgemischte Teams bringen nicht nur die besten Arbeitsergebnisse, sie stellen auch den notwendigen Wissens- und Erfahrungstransfer in den Unternehmen sicher.

Ganz anders verfährt die Chemie-, Pharma- und Life-Science-Branche: Einer Umfrage des Beratungsunternehmens Capgemini unter Firmen mit mehr als 12,5 Millionen Euro Jahresumsatz zufolge wollen 51 Prozent der Betriebe keine über 50-Jährigen mehr einstellen. Es bestehen offensichtlich keine Zweifel, ob 40-jährige Entwickler über die Bedürfnisse der Älteren so genau Bescheid wissen, um Produkte zu erfinden, die diese Zielgruppe ansprechen. Dabei wären Zweifel durchaus begründet.

Die Politik stochert hilflos herum

Und auch der Politik ist es noch nicht gelungen, ein geschlossenes Konzept zu entwickeln. Statt Maßnahmen wie das Elterngeld, die Rente mit 67, die Förderung älterer Arbeitnehmer, die Forschung zur Gesundheit am Arbeitsplatz oder die Unterstützung zum lebenslangen Lernen aufeinander abzustimmen, verfolgt die Bundesregierung jeden Programmpunkt einzeln. Widersprüche und die Neutralisierung gewünschter Effekte ist so geradezu programmiert.

Alle Leistungen und Maßnahmen der Politik, die dem demografischen Trend entgegenwirken oder ihn sich zu Nutze machen, müssten eher als konzertierte Aktion zusammengefasst werden. Familien-, Bildungs- und Gesundheitspolitik müssen Teil einer gemeinsamen Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftspolitik werden. Die Große Koalition kennt die Probleme, schafft es aber nicht, ihre Maßnahmen zu bündeln. Nur so würde klar, wie kreativ eine Gesellschaft sein muss, um im demografischen Trend auch Chancen zu erkennen und sie zu nutzen.

Der deutschen Wirtschaft gehen Kunden und Märkte verloren, weil sie sich nicht auf die neuen demografischen Anforderungen einstellt. Das muss aber nicht so sein. Statt hilflos im Nebel zu stochern, müssen Unternehmen und Politik jetzt eine gemeinsame Strategie entwickeln, die dem demografischen Trend gerecht wird.

Peter Ruhenstroth-Bauer, von 2002 bis 2005 Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ist heute als Kommunikationsberater tätig.

URL:



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung