Demografischer Wandel Opa daddelt, Oma shoppt

Es ist soweit: In Deutschland gibt es mehr Alte als Junge - doch die Deutschen verpassen die Riesenchancen des demografischen Wandels. Experte Peter Ruhenstroth-Bauer kritisiert: Der Wirtschaft gehen Märkte und Millionen Kunden verloren.


Berlin - Die Idee ist so einfach wie genial. Mit einem Spiel zum Gedächtnistraining hat sich der japanische Spielekonsolenspezialist Nintendo eine vollkommen neue Zielgruppe erschlossen. Für die tragbare Spielkonsole "Nintendo DS" wird ein Zahlen- und Puzzle-Spiel angeboten, das laut Nintendo "das Gehirn stimulieren und altersbedingte Hirnleistungsschwäche abwehren" soll. Die Übungen basieren auf einem in Japan sehr beliebten Buch des Neurowissenschaftlers Ryuta Kawashima ("Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging") und umfassen simple mathematische Aufgaben, das laute Lesen von klassischer Literatur sowie Zeichnungen auf dem Touchscreen.

Senioren-Konsumentin: Erstmals hat sich das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt
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Senioren-Konsumentin: Erstmals hat sich das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt

Auch der Elektronikkonzern Sony hat mit "Kinetik Combat" ein Spiel im Programm, das zunächst nach einem schlichten Actionspiel klingt, sich in Wirklichkeit aber an ein älteres Publikum wendet, das sich mit Tai Chi oder Aerobic fit halten will. Konzipiert ist das Spiel für den Gameboy.

Die beiden Beispiele belegen: Die elektronische Spielewelt ist längst keine Domäne der Jungen mehr. Und es bedurfte nicht viel Aufwands, um sich diese Kundengruppe zu erschließen.

Dass solche Ideen in Japan entstehen, verwundert nicht. Denn dort spielt die ältere Generation im gesellschaftlichen Bewusstsein eine ganz andere Rolle als hier zu Lande. In Japan spricht man längst von der "Gesellschaft des langen Lebens". In Deutschland leben ältere Menschen dagegen - aus Sicht der Unternehmen - immer noch eher am Rande.

Das Problem lässt sich nicht mehr lange verdrängen

Sehr bald schon werden sie jedoch nicht mehr zu übersehen sein. Erstmals hat sich 2006 in unserer Bevölkerungsstruktur das Verhältnis von Jung und Alt umgekehrt, teilte unlängst das Statistische Bundesamt mit - zugunsten der Alten.

Den Trend bestreitet heute niemand mehr. Und trotzdem verfährt man immer noch nach den alten Mustern: Die einen malen Horrorszenarien an die Wand, die anderen vertrauen auf den "Markt" und wischen das Problem als marginal vom Tisch.

Dabei sind die Chancen der demografischen Entwicklung für Gesellschaft und Wirtschaft heute schon enorm. Neue, generationsgerechte Produkte können, bei uns entwickelt und produziert, neue Märkte für ein kaufkraftstarkes Publikum erobern. In Deutschland sind generationsgerechte Produkte der Konsumgüterindustrie in Serie hingegen immer noch Mangelware. So wird ein Seniorenhandy für stolze 298 Euro angeboten, und die Älteren fühlen sich zu Recht "abgezockt". Längst sind auch hier Produkte gefragt, die die Wünsche älterer Menschen berücksichtigen, innovativ sind und trotzdem generationenübergreifend attraktiv bleiben ("Design for all").

Auch was ihre Mitarbeiter angeht, haben die Unternehmen die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Dass über den Autobauer BMW oder die Zeitarbeitsfirma Adecco, die Wert auf eine gesunde Mischung der Altersstruktur ihrer Belegschaften legen, eigens in den Medien berichtet wird, bestätigt nur, dass es sich immer noch um Ausnahmen handelt. Die Regel ist dagegen ein ausgeprägter Jugendwahn. In 41 Prozent der deutschen Unternehmen ist kein Arbeitnehmer mehr zu finden, der älter als 50 Jahre ist.

Die Wirtschaft verfällt dem Jugendwahn

Statt gezielter Unternehmenspolitik für ältere Arbeitnehmer werden alle noch bestehenden Frühverrentungsmöglichkeiten ausgenutzt. Dabei ist längst klar, dass es demografisch bedingte Änderungen in der Alterstruktur der Erwerbstätigen geben wird - etwa die massive Zunahme der über 50-Jährigen ab 2010.

Gleichzeitig rechnen Arbeitsmarkt-Experten in Deutschland schon in vier Jahren mit einem akuten Facharbeitermangel. Allein in der Region Berlin/Brandenburg werden 100.000 Fachkräfte fehlen, zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) befürchtet eine unmittelbare Beschäftigungs- und Wachstumsbremse.

Dabei belegen Untersuchungen eindrucksvoll: Die Beschäftigungstauglichkeit wird durch das Alter an sich nicht eingeschränkt. Der Discounter Netto liefert einen guten Beleg dafür. Zwei seiner Filialen, in Berlin und in Neuruppin, führt der dänische Einzelhändler unter dem Motto "Netto 45 plus" - keiner der Angestellten ist also unter 45 Jahre alt. Das Resümee nach rund drei Jahren: Ältere Arbeitnehmer sind engagiert, belastbar, genauso wenig oder oft krank wie jüngere Mitarbeiter und verfügen über viel mehr Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Kunden.

Gleichwohl sagt Margit Kühn, die Geschäftsführerin der deutschen Netto-Gruppe, dass man künftig nicht ausschließlich auf ältere Mitarbeiter setzen will, sondern auf eine gesunde Mischung aus älteren, erfahren Mitarbeitern und jungen Kollegen. Denn altersgemischte Teams bringen nicht nur die besten Arbeitsergebnisse, sie stellen auch den notwendigen Wissens- und Erfahrungstransfer in den Unternehmen sicher.

Ganz anders verfährt die Chemie-, Pharma- und Life-Science-Branche: Einer Umfrage des Beratungsunternehmens Capgemini unter Firmen mit mehr als 12,5 Millionen Euro Jahresumsatz zufolge wollen 51 Prozent der Betriebe keine über 50-Jährigen mehr einstellen. Es bestehen offensichtlich keine Zweifel, ob 40-jährige Entwickler über die Bedürfnisse der Älteren so genau Bescheid wissen, um Produkte zu erfinden, die diese Zielgruppe ansprechen. Dabei wären Zweifel durchaus begründet.

Die Politik stochert hilflos herum

Und auch der Politik ist es noch nicht gelungen, ein geschlossenes Konzept zu entwickeln. Statt Maßnahmen wie das Elterngeld, die Rente mit 67, die Förderung älterer Arbeitnehmer, die Forschung zur Gesundheit am Arbeitsplatz oder die Unterstützung zum lebenslangen Lernen aufeinander abzustimmen, verfolgt die Bundesregierung jeden Programmpunkt einzeln. Widersprüche und die Neutralisierung gewünschter Effekte ist so geradezu programmiert.

Alle Leistungen und Maßnahmen der Politik, die dem demografischen Trend entgegenwirken oder ihn sich zu Nutze machen, müssten eher als konzertierte Aktion zusammengefasst werden. Familien-, Bildungs- und Gesundheitspolitik müssen Teil einer gemeinsamen Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftspolitik werden. Die Große Koalition kennt die Probleme, schafft es aber nicht, ihre Maßnahmen zu bündeln. Nur so würde klar, wie kreativ eine Gesellschaft sein muss, um im demografischen Trend auch Chancen zu erkennen und sie zu nutzen.

Der deutschen Wirtschaft gehen Kunden und Märkte verloren, weil sie sich nicht auf die neuen demografischen Anforderungen einstellt. Das muss aber nicht so sein. Statt hilflos im Nebel zu stochern, müssen Unternehmen und Politik jetzt eine gemeinsame Strategie entwickeln, die dem demografischen Trend gerecht wird.

Peter Ruhenstroth-Bauer, von 2002 bis 2005 Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ist heute als Kommunikationsberater tätig.



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rolli 20.10.2006
1.
@sysop: Sie skizzieren ein Bild, das einseitig auf Deutsche zutrifft, nicht jedoch auf die Gesamtbevölkerung. So brutal das klingt, es ist aber die Realität: Die Demographie spricht dafür, dass die "Unterschicht" sich demographisch durchsetzt. Die Rechenmodelle, die von Eurostat oder dem Stat. Bundesamt zur Verfügung gestellt werden, sehen 3 Varianten in der Berechnung vor. Von einem "günstigsten Fall" über den "wahrscheinlichsten Fall" bis zum "ungünstigsten Fall. Die Zahlen sehen grob so aus: 1. 2050 hat die BRD 83 Mio. Einwohner 2. Fall 80 Mio. EInwohner 3. Fall 70 Mio. Einwohner Wobei in all diesen Zahlen die über 64 Jährigen nicht eingeschlossen sind, so dass grössere Abweichungen nach oben wahrscheinlich sind. Wenn die wahrscheinlichsten Fälle 1 oder 2 eintreten, dann gibt es den prophezeiten demographischen Wandel nicht. Ausschliesslich im unwahrscheinlichsten 3. Fall wäre ein Wandel hin zu einer überalterten Gesellschaft wahr. Es ist leicht durchschaubar, dass alle, die auf den Ängsten der Menschen ihr Süppchen kochen, und das ist ausnahmslos die Politik aller Lager, so tun, als ob nur der ungünstigste Fall der Entwicklung eintreten würde. Ich kann weder Katastrophe noch Chance sehen. Es iwrd alle bleiben wie es ist, nur, dass überall wo der "demographische Faktor" eingeführt wurde, dieser wieder entfernt werden wird. Viel wichter als diese Frage wäre zu diskutieren, wie die Einführung der Rente mit 67 wirkt ( auch ein dempgraphischer Faktor ), und weshalb damit mehr als 1 Mio. Arbeitsplätze wegfallen. rolli
inci 20.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- Leere Kinderwiegen, volle Pflegeheime: Die Alterung und der Rückgang der deutschen Geburtenrate werden meist als unabwendbare soziale Katastrophe beschrieben. Dabei sind die demografischen Probleme lösbar. Wie sehen Sie die Risiken und Chancen des Bevölkerungswandels? ---Zitatende--- die chance: wenn bei anziehender wirtschaftslage endlich wieder auch die einstellungsmäßig zum zuge kommen, die vorher aufgrund ihres alters aussortiert wurden. das risiko: das mal wieder niemand aus allem was lernt und vor allem im gedächtnis behält. und die nächste krise wieder genauso "professionell" gemanagt wird.
jan06, 21.10.2006
3.
---Zitat von sysop--- Leere Kinderwiegen, volle Pflegeheime: Die Alterung und der Rückgang der deutschen Geburtenrate werden meist als unabwendbare soziale Katastrophe beschrieben. Dabei sind die demografischen Probleme lösbar. Wie sehen Sie die Risiken und Chancen des Bevölkerungswandels? ---Zitatende--- Das sind 'gefühlte' Ängste: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:World_population_density_map.PNG
bianna, 21.10.2006
4.
---Zitat von sysop--- Leere Kinderwiegen, volle Pflegeheime: Die Alterung und der Rückgang der deutschen Geburtenrate werden meist als unabwendbare soziale Katastrophe beschrieben. Dabei sind die demografischen Probleme lösbar. Wie sehen Sie die Risiken und Chancen des Bevölkerungswandels? ---Zitatende--- Kleine Anmerkung am Rande : Die Kinderwiegen sind nicht leer, es gibt nur weniger ! Ansonsten halte ich diese derzeitige, an Hysterie grenzende Diskussion für völlig überzogen. Daß die Bevölkerungsentwicklung in die Richtung geht, die wir nun verstärkt unter die Nase gerieben bekommen, ist schon seit 30 Jahren bekannt. Ich habe schon vor meinem Abitur in der Schule diese "Entwicklungspilze" vorgelegt bekommen. Daher stellt sich für mich nur die Frage: Warum wurde dann 30 Jahre nichts vorbeugend unternommen ? Warum wurden Rentenkassen für Versicherungsfremde Leistungen geplündert ?? Was wir brauchen, werden Lebensmodelle sein, die Alt und Jung wieder mehr zusammenbringen, räumlich und im Denken. Diese Modelle gibt es z.B. in Dänemark oder Holland schon seit langer Zeit in Form von Siedlungen, in denen Wohnraumkomplexe entsprechend der Bedürfnisse von Alten, Familien und Jungen aufgeteilt ist, so daß sich quasi Formen von "Großfamilien" bilden können.
littlejon 21.10.2006
5. Demografischer Wandel - Katastrophe oder Chance? Teil 1
Demografischer Wandel - Katastrophe oder Chance? Das kommt auf den Blickwinkel an! Aus meiner persönlichen Sicht entwickelt sich der demographische Wandel für meine Generation als Mittdreißiger eher zur Katastrophe. Besonders, wenn ich an die gesellschaftliche und politische Situation bei uns denke, und hier speziell an die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme: Wir leisten uns in fast allen Bereichen des Sozialstaates Systeme, die schon in ihrem Grundkonzept, der Umlagefinanzierung, an die Grenzen stoßen. Nicht zu schweigen vom Rentensystem, welches bei genauerer Betrachtung als bankrott zu bezeichnen ist (80 Mrd.-Zuschuss aus dem Bundesetat wg. diverser Ursachen). Das ganze führt zu ständig steigenden Rentenbeiträgen auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite seit geraumer Zeit nicht mehr zu angemessener Beteiligung der Rentnergeneration am produktiven Erfolg der Gesellschaft. Hier driftet die Schere zwischen einem gerechten Anspruch und der Realität sowie der Belastbarkeit der momentanen Leistungserbringer beängstigend auseinander und geht dennoch immer weiter auf. Wie sieht es im Gesundheitswesen aus ? Mit dem, was jetzt alles so als Reform verabschiedet werden soll, wird auch nur die bisherige Grundstruktur des Systems über die nächsten Bundestagswahlen gerettet. Resultat: Es wird für den Einzelnen immer teurer und das bei gleichzeitig sinkenden Standards und Leistungsumfängen. Die Probleme bei der Pflegeversicherung sollen demnächst mal angegangen werden! Die Arbeitslosenversicherung ist die Einzige, bei der nächstes Jahr die Beiträge wenigstens sinken werden. Kurz gesagt: An die Zukunftsfähigkeit der Sicherungssysteme in ihrer momentanen Konzeption glaubt in meiner Generation kaum noch jemand. Nur: Zwei Dinge sind uns allen klar: Wir sind momentan voll für die nachfolgenden Generationen verantwortlich und wir sind voll für die vorangehenden Generationen verantwortlich, sowohl finanziell, als auch mit persönlichem Engagement. Gleichzeitig erwartet man von uns private Vorsorge, räumliche und geistige Flexibilität sowie andauernde Fortbildung. Alles Dinge, die im Grunde für sich sprechen und die ich als positiv bewerte. Die Sache ist nur die: Irgendwann ist neben einer absoluten Frust- auch eine finanzielle Leistungsgrenze erreicht. Vor allem auch, weil wir, und hier komme ich zum zweiten Punkt, genau wissen, was noch durch die demographische Entwicklung für Belastungen auf uns zu kommen werden. Und nicht nur wir warten seit Jahren vergeblich darauf, dass die Politik endlich langfristig wirkende Reformen einleitet. Dann hätte meine Generation wenigstens einmal so etwas wie Planungssicherheit bei unseren weiteren Lebensentwürfen. Der momentane Umbruch der Gesellschaft wird überwiegend auf der Leistungsfähigkeit und zu Lasten meiner Generation betrieben. Darüber hinaus steigt auch ständig die Angst vor Hartz IV, ob berechtigt oder nicht, mag dahingestellt sein. Die äußerst kritikwürdige Hartz IV-Rhetorik in der politischen und gesellschaftlichen Debatte, nicht zu vergessen die journalistische Aufbereitung der Thematik, hat vor allem zu einer doppelten Stigmatisierung der Betroffenen geführt. Die einen stellen sie mit Schmarotzern uns Abzockern auf eine Stufe. Andere reden ihnen ein, sie seien entrechtet und sozial abgehängt. In diese Zwickmühle möchte niemand geraten. Von dieser Seite aus betrachtet ist die demographische Entwicklung durchaus als Katastrophe zu betrachten.
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