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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Der lästige Wettbewerb

Von Dieter Kampe *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Leute von demselben Gewerbe«, schrieb der Ökonom Adam Smith 1776, »kommen selten auch nur zu Lustbarkeiten und Zerstreuungen zusammen, ohne daß ihre Unterhaltung mit einer Verschwörung gegen das Publikum oder einem Plane zur Erhöhung der Preise endigt.« Der geistige Rüstvater der liberalen Ökonomen war zwar ein Marktwirtschaftler; aber voll blinden Vertrauens in dieses Steuerungssystem war er nicht.

Er wußte: So überzeugend Wettbewerb und Konkurrenz in der Theorie sind, so lästig sind sie für den, der unter solchen Bedingungen Geld verdienen will. Die Verlockung, den lästigen und gewinnmindernden Wettbewerb auszuschalten, ist groß. Belege dafür sind uns in letzter Zeit reichlich präsentiert worden.

Beispielsweise vom Präsidenten des deutschen Handwerksverbands, Schnitker, gegen dessen Malerfirma wegen unerlaubter Preisabsprache ein Bußgeld verhängt wurde. Oder vom Ex-Präsidenten des Weinbauverbandes, Tyrell, der wegen Panscherei, somit wegen Wettbewerbsverzerrung und Kundenbetrug, zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Alles schlimm genug, und doch nur die Spitze vom Eisberg. Der Eisberg selbst sind jene drei Mammutbranchen, in denen die Ausschaltung des Wettbewerbs und die Bereicherung auf Kosten der Kundschaft mittels Politikerhilfe als Normalzustand des Wirtschaftens definiert wird: die Pharma-Industrie, die Versicherungsbranche und die Energieversorgungsunternehmen.

Alle drei eint, daß es statt Wettbewerb staatliche Aufsicht gibt. Und alle drei haben, gewiß kein Zufall, die aufsichtsführenden Politiker wahrhaft wegweisend finanziell an ihre Interessen gebunden. Bei den Pharma-Herstellern und bei den Versicherern geschah dies, wie jetzt sichtbar wurde, durch direkte Geldzuwendungen. Diese Pflege der politischen Landschaft hat sich bezahlt gemacht. Auf dem entsprechend gedüngten Boden sprossen ein Arzneimittelgesetz und eine Versicherungsaufsicht, die sie von lästigem Wettbewerb und von umsatzdämpfendem Verbraucherschutz befreiten. Goldene (und leichte) Gewinne waren der Lohn.

Die Elektrizitätswerke waren geschickter. Sie banden die staatlichen Aufseher gleich in ihre vielen Aufsichts- und Beiräte ein. Aus Aufsehern wurden wohlwollende Ratskollegen. So können sie auch ganz offiziell belohnt werden. Diese Verfilzung verhindert zwar Energiesparen und Umweltschutz, aber wen interessiert das, wenn die Dividende stimmt?

In wichtigen Teilbereichen der Wirtschaft haben Unternehmen also das Privileg, sich nicht dem Wettbewerb stellen zu müssen. Bundesdeutsche Wirtschaftsgeschichte ist deshalb auch die Geschichte von mächtigen Wirtschaftszweigen, die sich mittels schlauer Verbände und höriger Politiker den Ansprüchen des Marktes entziehen konnten. Draufgezahlt wird vom Verbraucher.

Geht es um konkrete Politik, dann zielt die Forderung »Mehr Markt« immer gegen die anderen: gegen Tariflöhne, gegen soziale Absicherung, gegen generelle Arbeitszeitregelungen. Wir sollten die Markt-Prediger jedoch dort beim Wort nehmen, wo es wichtig ist: bei der Wirtschaft selbst.

Mehr Markt in der Pharma-Industrie: Umfassende Transparenzlisten, die Preisvergleiche gleicher Arzneien ermöglichen, wären ein Schritt zu mehr Wettbewerb in dieser undurchsichtigen Branche. Mehr Markt in der Assekuranzbranche: Müßten die Versicherungsunternehmen bei den Prämien die Verwaltungskosten und den Versicherungsanteil offenlegen, könnten die Kunden endlich die Leistung der Firmen beurteilen und danach entscheiden. Mehr Markt bei den Energieversorgungsunternehmen: Solange alle Kraftwerks-Erweiterungsinvestitionen automatisch durch die Strompreise finanziert werden, besteht für die Stromlieferanten kein Zwang, wirtschaftlich zu handeln. Die verschwendungsfördernde Tarifstruktur ist ebenso marktfeindlich wie das Stromerzeugermonopol, das dezentrale Anbieter abblockt.

Mehr Markt ist tatsächlich angebracht - in den traditionsreichen, satten Branchen unserer Wirtschaft.

Dieter Kampe
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