Der Markt-Forscher Die deutsche Bodenhansa

Die Deutsche Bahn wäre wohl gerne wie die Lufthansa. Jetzt hat man schon mal deren Preissystem abgekupfert.

Von Felix Asch


[M] DPA

Manchmal wird man den Eindruck nicht los, die deutschen Eisenbahn-Manager hätten keine rechte Lust auf ihren Arbeitgeber, die gute alte Bundesbahn, jetzt unter dem Künstlernamen Deutsche Bahn AG bekannt. Viel lieber wären sie Chefs einer weitaus glamouröseren "Airline" mit echter Business-Class und tollem Börsenwert - eine Art Deutsche Bodenhansa eben. Zumindest tun sie alles Mögliche, um sich dem fliegenden Vorbild anzunähern: Man baut Ledersitze in ICEs, wird Junior-Partner bei Miles & More, streicht den Speisewagen und bietet stattdessen Snacks an. Mit dem neuen Preissystem hat das selbst ernannte "Unternehmen Zukunft" aber den größten Schritt in Richtung Bodenhansa gemacht.

Die Fluggesellschaften sind die ausgefuchstesten Preisgestalter am Himmel und auf Erden. Ihnen gelingt es, eine fast identische Leistung zu vielen verschiedenen Preisen zu verkaufen. Für einen Flug zwischen München und Hamburg kann man zwischen 199 und 1999 Mark so ziemlich jeden Preis zahlen. Was genau man zahlt, bestimmt sich zum einen nach dem Reisekomfort (Keks oder Schnittchen), in erster Linie aber nach der Flexibilität.

Für Flexibilität ist man bereit mehr zu zahlen, und das wird geschickt genutzt. Einige Tickets gibt es billig und mit tausend Einschränkungen, einige teurer und gegen Gebühr umbuchbar, die richtig teuren schließlich kann man kurzfristig buchen, kurzfristig umbuchen und sogar zurückgeben. Wer es sich nicht früh genug überlegt, bekommt meist nur noch teure Tickets, denn die unflexiblen und billigen Tickets sind beliebt und schnell ausgebucht. Genau so funktionieren auch die neuen Bahnpreise.

"Sonderpreis geht leider nicht mehr - alles ausgebucht". Diesen allseits beliebten Satz kann man zukünftig also nicht nur bei Theatern, Flügen und Autovermietern hören, sondern endlich auch bei der Bahn. Junge und wenig betuchte Liebespaare, die sich schluchzend voneinander losreißen, denn "mein Zug geht und sonst verfällt mein Sonderpreis 3 Ticket" ... man wird sie nicht mehr nur um Flughäfen herum sehen können, sie werden auch die Bahnhöfe bevölkern.

Die Bahn kopiert ziemlich exakt das System der fliegenden Konkurrenz, was natürlich hilft die Auslastung zu steuern und auch sonst ganz modern ist. Als Wettbewerbsvorteil gegenüber der fliegenden Konkurrenz bleibt jetzt aber nur noch, bei ähnlicher Inflexibilität ein wenig billiger zu sein. Zugegeben, für den vollen Preis kriegt man auch weiterhin in letzter Sekunde einen Platz auf dem Zugflur. Den Kampf um den Kunden, der nicht Tage im voraus weiß, wann genau er von Kassel-Wilhelmshöhe wieder weg will, gibt man aber weitgehend an das Auto verloren.

Bahnchef Hartmut Mehdorn verspricht sich vom neuen System zwei bis drei Prozent Mehreinnahmen. Die können in diesem neuen System und angesichts einiger echter Knüller, wie der kostenlosen Mitfahrt von Kindern unter 14 Jahren, nur auf einem Weg erzielt werden: Indem man die schröpft, die nicht auf Flugzeug oder Auto ausweichen können. Womit dann klar wäre, warum die Bahn sich bei den Nahverkehrs-Pendlern so unnachgiebig zeigt. Wer in Großstädte pendelt und kein Staufanatiker ist, dem bleibt nur die Bahn. Dort ist man also fast Monopolist und dort schlägt man preislich zu. Letztlich steckt hinter jeder Bodenhansa eben doch die Bundesbahn.



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