Der Markt-Forscher Was Oscars wirklich wert sind

Wenn in Hollywood die Oscars verteilt werden, geht es um weit mehr als eine kleine vergoldete Bronzestatue. Nominierungen und Preise bringen Millionen.

Von Felix Asch


DPA

"And the Oscar goes to …" - ein Umschlag wird aufgerissen, ein Name genannt, Fanfaren erklingen, vorformulierte Dankesreden und ein paar laute Schluchzer folgen. Die Oscarverleihung ist ein glitzerndes Spektakel der Emotionen, das einen zu Tränen rühren kann. Manchen aber treibt es bei Nominierung und Verleihung keine Tränen, sondern Dollarzeichen in die Augen: Den kühlen Rechnern unter uns, Filmproduzenten etwa. Oder den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern, die sich in einer gerade erschienen Arbeit mit der Frage "Was ist ein Oscar wert?" beschäftigt haben. Ihre Ergebnisse sollten Musik für die Produzenten der Filme sein, die Dienstagnacht nominiert wurden.

Denn im Gegensatz zur RTL-Container-Welt sind Nominierungen in der Welt der Oscars etwas Gutes und viel wert. Um genau zu sein: Millionen von Dollars wert. Denn die Forscher haben errechnet, dass eine Nominierung für den Preis als bester Film den Umsatz in den Wochen bis zur Verleihung um 98 Prozent steigert. Ist ein Film schließlich der große Gewinner und erhält den Oscar, hebt der Umsatz endgültig ab. Auf mehr als das Dreifache normaler Filmumsätze steigen die Einnahmen in den Wochen nach der Preisverleihung.

Wie viel das in Mark und Pfennig ausmacht, hängt vom Timing der Filmemacher ab. Je später ein Film gestartet ist, umso mehr kann er von Nominierung und Oscar profitieren. Für einen Film wie den Drogenthriller "Traffic", der erst kurz vor Weihnachten in die US-Kinos kam, dürfte die Nominierung mindestens 50 Millionen Mark einbringen. Ein Oscar wäre dann eine dreistellige Millionensumme wert. Dazu kommt das Umsatzplus, das ein Oscar-gekrönter Film einfährt, wenn er irgendwann in Europa auf die Leinwände kommt und schließlich in den Videotheken landet. Nicht schlecht für eine vier Kilo schwere Bronzestatue.

Natürlich werden solche Zahlen nur mit den wichtigsten Oscars erreicht. "Beste(r) Schauspieler(in)" bringt noch fast 50 Prozent Plus bei Nominierung und verdoppelt den Umsatz, falls ein Oscar draus wird. Aber schon bei "Bester Nebendarsteller" oder erst recht bei "Beste Kostüme" überwiegt der ideelle Wert - am Erfolg des Films an den Kassen ändern diese Preise kaum etwas.

Ob sich ein Darstellerpreis für den Schauspieler in barer Münze auszahlt, hängt davon ab, ob der Gewinner schon ein Superstar ist oder der Oscar ihn erst dazu macht. Tom Hanks oder Julia Roberts, beide auch ohne Oscar Garanten für Kassenschlager, werden durch einen Oscar nicht noch mehr als 20 Millionen Dollar pro Film bekommen. Gewinnt aber der überraschend nominierte Spanier Javier Bardem am 25. März, dann könnte er seine Gage mehr als verzehnfachen und in den Club der Schauspiel-Millionäre aufsteigen.

In der Oscar-Nacht heißt es also genau hinschauen: Nur echte Freudentränen wegen der künstlerischen Auszeichnung sehen wir bei der Verleihung im März, wenn die Oscars erwartungsgemäß an Hanks, Roberts und den Film "Gladiator" gehen, der schon weit über 200 Millionen Dollar eingespielt hat. Gewinnen aber noch frische Filme wie "Chocolat" oder "Traffic" und die Noch-Nicht-Stars Javier Bardem oder Joan Allen, dann wird sich zwischen die Tränen aus Freude über den künstlerischen Erfolg auch die eine oder andere Träne in Form eines kleinen Dollar- oder Eurozeichens mischen. Es wäre ihnen zu gönnen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.