Der Markt-Forscher Was Sommer können müsste

Fünf große Jobs stehen im Aufgabenheft jedes Vorstandschefs. Ron Sommer scheint bei dreien davon Schwierigkeiten zu haben.

Von Felix Asch


Ron Sommer: Hausaufgaben gemacht?
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Ron Sommer: Hausaufgaben gemacht?

Stellen wir uns eine Stellenanzeige für den Beruf des Vorstandsvorsitzenden (VV) oder - neudeutsch - des Chief Executive Officer (CEO) vor. Schwer zu sagen, wie die Aufgabenbeschreibung lauten müsste. "Vorsitzen" oder gar "Chief sein", dürfte kaum den Punkt treffen. Woran sollte man die Leistungen der Sommers, Schrempps und von Pierers messen? Die knappe amerikanische Antwort auf diese Frage wäre: am Aktienkurs, woran sonst. Der Vorstandschef ist der oberste Kurspfleger, die Bewertung seiner Leistungen kann man dem Kursteil entnehmen. Wer so argumentiert, hat sicher zum Teil recht, er drückt sich aber vor der eigentlichen Frage. Denn Aktienkurse spiegeln eine Vielzahl von Faktoren wider, die ein Unternehmensboss beeinflussen kann und muss.

Fünf Hauptaufgaben lassen sich aus dem Gewirr der Stimmen zur Rolle des CEO heraushören. Erstens muss er (oder sie) etwas bieten, was sich unter dem etwas aus der Mode geratenen Begriff der Vision zusammenfassen lässt: Wo soll das Unternehmen in zehn Jahren stehen und wie will man dorthin gelangen. Daraus leitet sich die zweite zentrale Aufgabe des CEO ab, nämlich das Unternehmensportfolio zu gestalten. In welchen Geschäften will man tätig sein, wo wird zugekauft, wo und wie viel investiert, was wird abgestoßen. Drittens muss der CEO als oberster Personalchef die Spitzenposten seines Unternehmens mit fähigen Leuten besetzen. Krisen sind die vierte große Herausforderung der Bosse: Sie müssen zur richtigen Zeit Brandherde erkennen, zur Chefsache machen und löschen. Aufgabe Nummer fünf heißt Kommunikation und überstrahlt bisweilen die anderen vier: Der VV als Verkörperung, als Gesicht und Stimme des Unternehmens gegenüber Kunden, Mitarbeitern und - mehr denn je - Kapitalgebern.

Die bekanntesten deutschen Chefs schlagen sich in diesen fünf Disziplinen mit recht unterschiedlichem Erfolg. Siemens-Chef Heinrich von Pierer und Jürgen Schrempp von DaimlerChrysler haben trotz vieler Rückschläge beim immer wieder notwendigen Umbau ihrer Konzerne Großes geleistet. Pierer und sein Banker-Kollege Rolf Breuer scheinen in der Lage zu sein, hervorragende Manager zu holen und ihnen neben sich noch Luft zum Atmen zu lassen. Beim Thema Krisenbewältigung hat von Pierer nach langem Anlauf 1998 erfolgreich gehandelt, Schrempps Gesellenprüfung können wir täglich beobachten, Endnote ungewiss. Rolf Breuer ist als Kommunikator schwer zu schlagen, zumindest was Kunden und Kapitalseite betrifft.

Und wie schlägt sich der Telekom-Chef im Kreuzfeuer von Aktionärs- und Medienkritik? Die Vision vom "global aufgestellten Unternehmen" zerbröckelt gerade, wenngleich der Weg von der Bonner Behörde zur Notierung an der Wall Street zweifelsohne eine visionäre Großtat war. Die Gestaltung des Unternehmensportfolios muss man angesichts der vielen gescheiterten Übernahme- und Fusionsversuche eher als unsortiert bezeichnen. Auch bei der Personalauswahl bewies Sommer bisher keine glückliche Hand: Persönlichkeiten wie Dieter Zetsche neben Schrempp oder Josef Ackermann neben Breuer wollen neben dem Telekom-König auch nicht wachsen.

Das Kommunikationstalent entgleitet Sommer zur Zeit. "Verständnis für den Zorn" hilft den Aktionären wenig, gefragt ist das Bekenntnis zur Krisenbewältigung als Chefsache. Bei dieser Aufgabe hat Sommer nun alle Möglichkeiten: Ganz Deutschland sieht gespannt zu, wie er die Telekom aus der Krise steuert. Misslingt dies, dann wird die sechste große CEO-Aufgabe auf ihn zukommen, die seit 1996 bei zwei Dritteln aller Großunternehmen weltweit einmal zu tun war: den Hut nehmen und den Weg für einen Neuanfang frei machen.



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