Der Markt-Forscher WWWeihnachten?

An Weihnachten geht es für die meisten um Geschenke und Besinnlichkeit. Für die Händler unter den Dot.coms geht es um Sein oder nicht Sein.

Von Felix Asch


DPA

Könnte in der New Economy noch irgendwas so bleiben wie gewohnt? Weihnachten zum Beispiel. Man hat sich damit abgefunden, dass in der Vorweihnachtszeit hauptsächlich die Gesichter von Franz Beckenbauer und einem grünen "Weihnachtsmonster" namens "Grinch" zu sehen sind. Die Klage über das Kommerzfest Weihnachten ist längst kalter Kaffee. Man schluckt sogar, dass fliegende rotnasige Rentiere den Ochsen und Esel als Weihnachtsdekor abzulösen scheinen. Aber nun kommt noch die New Economy und meint: Es geht an Weihnachten nicht mehr um die Frohe Botschaft oder "Stille Nacht" - es geht um "Leben und Tod" oder "das nackte Überleben".

Und das ist wohlbegründet. Das kommende Weihnachten dürfte wieder einen Scheideweg für die Zunft der Online-Händler darstellen: Links geht es zu weiteren Investitionen und erholten Börsenkursen, rechts ohne Umweg zum Friedhof der Dot.coms. Das Weihnachtsgeschäft entscheidet schon bei vielen normalen Händlern mit einem Anteil von circa 20 Prozent am Jahresumsatz über Wohl und Wehe des Geschäftsjahres. Bei Online-Shops liegt dieser Anteil gewöhnlich noch höher, bei 35 bis 50 Prozent. Kein Wunder, dass Weihnachten 2000 bei vielen als Tag der Entscheidung gilt.

Die Sterne stehen gar nicht so schlecht. In den USA, dem Maß aller Dinge beim Thema Weihnachtseinkauf im Netz, lag die Zahl der virtuellen Einkäufer in den ersten zwei Wochen der Weihnachtssaison fast 30 Prozent über dem Vorjahr und hat - ein erstes Weihnachtswunder - die hochgesteckten Erwartungen bisher erfüllt. Immerhin hofft man darauf, Geschenke für über 20 Milliarden Mark an die Amerikaner und zarte 1,4 Milliarden Mark an deutsche Online-Christkinder verkaufen zu können.

Hoffnung machen auch, so paradox das klingt, die vielen Pleiten des vergangenen Jahres. Denn eine solche Welle enttäuschter Kunden wegen zu später Lieferungen und zusammengebrochener Websites wie 1999 wird es dieses Jahr kaum geben. Natürlich werden wir wieder einige Ausfälle erleben. Doch die Dot.com-Ernüchterung des Jahres 2000 hat viele technisch, finanziell und logistisch minderbemittelte Firmen vom Markt gefegt und die Überlebenden - hoffentlich genug - zu Investitionen in ihre Infrastruktur gezwungen.

Jetzt müssen nur noch wir Kunden mitspielen. Noch haben wir in Deutschland nur wenige Elite-Surfer, die den Großteil ihrer Weihnachtsausgaben mit der Maus ausgeben, wie es bereits 6 Millionen US-Konsumenten tun. 19 Millionen Deutsche sind inzwischen online, doch nur ein Viertel von ihnen hat schon einmal per Klick eingekauft. Die E-Branche muss darauf hoffen, dass sich viele bei diesem Weihnachtsfest erstmals trauen, Tante Hildes Parfüm per Maus zu ordern.

Sollten aber die Erwartungen auch beim E-Weihnachten 2000 nicht erfüllt werden, dann heißt es zittern im Januar. Dann kommt statt der Heiligen Drei Könige, die Gold Weihrauch und Myrrhe bringen, vielleicht doch dieses grüne Weihnachtsmonster und bringt Insolvenzanträge, Übernahmen und kränkelnde Aktiendepots.



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