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UNTERNEHMER Der sanfte Patriarch

Er übernimmt alle Auszubildenden, lehnt Entlassungen und Produktionsverlagerung ab, Shareholder-value hält er für pervers: Trigema-Chef Wolfgang Grupp führt sein Unternehmen eigensinnig und erfolgreich - mit den Methoden von gestern.
aus DER SPIEGEL 29/1997

Textilproduzent Wolfgang Grupp aus Burladingen liebt die sanfte Art: »Auch wenn ein Mitarbeiter gravierende Fehler gemacht hat, wird er nicht sofort entlassen«, sagt er. »Bei mir kriegt jeder eine letzte Chance.«

Nutzt er die, bekommt der Mitarbeiter lebenslänglich und wird Jahrzehnte später vom Chef tränenreich in die Rente verabschiedet. Der 55jährige Grupp, Besitzer und Geschäftsführer der schwäbischen Textilfirma Trigema, hat in seinen 28 Unternehmerjahren noch nie eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen.

Für ihn ist der anständige Umgang mit dem Personal eine Frage der Ehre. Selbst den Kindern seiner Mitarbeiter garantiert Grupp nach der Schule einen Arbeitsplatz. »Wenn es mir gutgehen soll, muß ich auch dafür sorgen, daß es meiner Belegschaft gutgeht.«

Ein Unternehmer-Credo aus den Jahren des Wirtschaftswunders, das in Zeiten globaler Märkte und brutaler Standortkriege so antiquiert wirkt wie das zurechtgezupfte Einstecktuch. Doch Grupp ist das Gerede von der Globalisierung herzlich egal.

Von Verlagerung in Billiglohnländer will er nichts wissen. Er produziert ausschließlich in Baden-Württemberg, zahlt klaglos deutsche Löhne samt Nebenkosten, überweist deutsche Steuern, kauft nur von deutschen Herstellern.

Radikale Managementlehren wie das Konzept vom Shareholder-value lehnt er angewidert ab. Er findet es pervers, daß Aktienkurse steigen, wenn Menschen entlassen werden.

Grupps Welt ist klein, seine Weisheiten sind »made in Burladingen«. Sein Erfahrungsschatz reicht von Köln, wo er Betriebswirtschaft studiert hat, bis in die Steiermark, wo er seine Frau nach der Auerhahnjagd kennenlernte. Und trotzdem hat er das Wichtigste, was ein Unternehmer haben muß: Erfolg.

In der darbenden Textilbranche macht Grupp mit seiner eigenwilligen Betriebsführung konstant Gewinne. Selbst wenn die angeschlagenen Konkurrenten auf der schwäbischen Alb reihenweise dichtmachen mußten, im Hause Grupp wurde nicht einen Tag kurzgearbeitet.

Trigema gehört zu den vier Textilunternehmen in Burladingen, die von ehemals 24 überlebten. Während die Branche 1996 insgesamt 12 000 Jobs und damit acht Prozent der Beschäftigten abbaute, stockte Grupp seine Belegschaft auf - insgesamt um 64 auf nun 1106 Mitarbeiter. Er erhöhte 1996 seinen Umsatz von 142,1 Millionen (1995) auf 151,3 Millionen Mark, bei einer Umsatzrendite nicht unter zehn Prozent.

Er läßt rund um die Uhr produzieren, was Menschen und Maschinen hergeben, und legt die Ware ins Lager. So kann er, anders als die ausländische Konkurrenz, innerhalb von 48 Stunden liefern und hat seine Arbeitskräfte stets ausgelastet. »Wer über deutsche Löhne klagt, setzt seine Leute falsch ein«, sagt Grupp. »Ich stehe persönlich für jeden Arbeitsplatz gerade.«

Um flexibel zu sein, agiert er absolut autark, vom Garn über das Fertigprodukt bis zum Vertrieb. Sogar eine Tankstelle gehört ihm, und den Strom macht er selbstverständlich im eigenen Blockkraftwerk.

So schafft er eine Wertschöpfung von 77 Prozent, und das ohne Bankkredite. Lieferanten bezahlt er prompt oder im voraus - nachdem er dafür Sonderkonditionen ausgehandelt hat.

Outsourcing, die Ausgliederung von Werkstätten und Reinigungsarbeiten, hält er für teures Teufelszeug. Wenn sein Hausschreiner nichts zu tun hat, hilft er eben dem Maurer, und wenn er den Chauffeur nicht braucht, fährt der eben Lkw.

Nicht alle haben Arbeitsverträge in der Trigema-Welt, jeder wird eingesetzt, wo es nötig ist. Wer einen Vertrag will, vertraut dem Wort des Herrn wohl nicht und hat in dessen Firma nichts verloren. Wer als Näherin anfängt, liegt mit 14,50 Mark pro Stunde etwa 1,50 Mark unter dem durchschnittlichen Zeitlohn in Baden-Württemberg, kann sich aber steigern - wenn dem Chef die Leistung gefällt. Altgedienten Kräften, die ihn nicht im Stich ließen, als Daimler und Bosch Höchstlöhne boten, zahlt er aus Dankbarkeit noch heute 22 Mark.

Billigarbeitsplätze im Ausland lehnt Grupp ab: »Wenn ich in Deutschland lebe und viele Vorteile mit Selbstverständlichkeit genieße, bin ich auch verpflichtet, meine Mitmenschen zu beschäftigen.«

Kaum war das neue Gesetz heraus, senkte Grupp die Lohnfortzahlung auf 80 Prozent - und schlug die erwartete Einsparung 1995 einmalig auf die Löhne drauf. »Ich will mich nicht bereichern, ich will nur ein Signal für mehr Leistung setzen«, sagt der Mann, der sich selbst als »Gerechtigkeitsfan« beschreibt.

Streng sein kann er natürlich auch, die Rolle des Firmenpatriarchen spielt er perfekt. Wer eine Gehaltserhöhung verlangt, könnte auch gleich kündigen. Denn wäre sie gerechtfertigt, hätte der Chef es schließlich selbst merken müssen.

Längst haben sich die meisten Mitarbeiter an die Marotten des Chefs gewöhnt. Vor 28 Jahren hatte der Junior die damals kränkelnde Firma von seinem Vater übernommen. Er machte die mißglückte Diversifikation des Alten rückgängig und setzte statt auf Unterwäsche voll und ganz auf T-Shirts und Tennisbekleidung.

Früh schon trieb er, belächelt von der Konkurrenz, Werbung, um seine Marke in den Köpfen der Kundschaft zu verankern. Tennisspieler Wilhelm Bungert machte für ihn Reklame, Fußball-Bundesligaklubs trugen Trigema auf den Trikots, Fernsehspots warben zur besten Sendezeit.

Meistens liefert Grupp die Grundidee für seine Werbung selbst. In Kürze wird sein Schriftzug auf den Flugzeugen der Gesellschaft Aero Lloyd leuchten. »Die erste fliegende Litfaßsäule in Deutschland«, freut er sich. Der siebenstellige Betrag sprengt keinen Etat, denn so etwas Festgezurrtes gibt es nicht im Grupp-Imperium. »Der Etat, das bin ich«, sagt der Chef.

Nur zu gern verspottet er die jammernde deutsche Unternehmerschaft in einem Ton, den man bestenfalls von einem grünen Politiker erwarten würde. »Versager« und »Abkassierer« müssen sich Konzern-Herren wie Daimler-Chef Jürgen Schrempp von dem Provinz-Boß schimpfen lassen.

Ginge es nach ihm, müßten Unternehmer für ihr Tun persönlich geradestehen. »Glauben Sie, Herr Schrempp hätte Fokker gekauft, wenn er mit seinen eigenen Bezügen hätte haften müssen?« fragte er im Juni auf einem Kongreß der Stromkonzerne in Frankfurt. »Manager, die Milliardenverluste zu verantworten haben, können nicht für das Aufräumen des eigenen Scherbenhaufens gelobt und mit hohen Gehältern ausgestattet werden.«

Der Ehrenmann von der Alb heizte den applaudierenden Strom-Managern mächtig ein. Wortreich attackiert er diese größenwahnsinnigen Gigantomanen, Geldvernichter oder Shareholder-value-Fetischisten, die »mit ihrem verantwortungslosen Tun auf Dauer den sozialen Frieden gefährden«.

Daß es ihm persönlich sehr gut geht, zeigt er - ganz unschwäbisch - ungeniert. Sein Hubschrauber steht zum allseitigen Bestaunen in einer gläsernen Garage vor dem Hauptwerk. Zu seinen größten Vergnügen gehört es, zur Kollektionsvorlage bei einem kleinen Kunden einzuschweben und zu sehen, wie sich die Angestellten die Nasen am Fenster platt drücken.

Dann steigt er huldvoll aus, klemmt sich zwei Mustersäcke unter die Arme und geht durch den Lieferanteneingang, weil der näher ist. Schließlich will er den Kunden nicht einschüchtern.

Sein 600er Mercedes glänzt vor dem Eingang seiner Villa, die nur eine Straße breit vom Firmengebäude entfernt liegt. Etwas schrullig wirkt das Sylter Reetdachhaus mitten auf der Schwäbischen Alb, zumal es von einer weißen Hacienda-Mauer umgeben ist. Aber das eine hat Grupp eben in Kampen gesehen, das andere in Spanien, und wer schreibt vor, daß ein Mann von Stil auch Geschmack haben muß.

Die Kapelle im First zeugt von Grupps Erziehung im Jesuitenkolleg St. Blasien, das Wohnzimmer dagegen weist auf seine gepachtete Jagd im Allgäu hin. Überall hängen ausgestopfte Viecher. »Natur habe ich lieber als Kunst«, sagt Grupp.

Drei Hausangestellte wedeln rund um die Uhr den Staub von den toten Köpfen, polieren das goldene Besteck mit den eingravierten Initialen, pflegen den Swimmingpool. Und ein britischer Butler wartet dezent auf seinen Einsatz.

Das Herzstück des Hauses hängt über der Treppe, irgendwo zwischen Auerhahn und Hirschgeweih: Familie Grupp, überlebensgroß, lächelnd in Öl.

Sie ist Grupps ganzer Stolz: »Ich hätte privat versagt, wenn ich nicht geheiratet hätte.« Lange hat er gesucht, bis er die passende Frau für sich und sein Unternehmen fand. Eine junge sollte es sein, die sich nach seinen Vorstellungen formen läßt.

Vor neun Jahren heiratete der damals 46jährige die fast 24 Jahre jüngere Baronesse Elisabeth von Holleuffer aus der Steiermark. Die ganze Betriebsfamilie war zu dem rauschenden Fest mit Sänger Karel Gott ins Anwesen geladen. Danach prozessierte Grupp gegen Feinkost Käfer. Er warf dem Münchner Partylieferanten vor, er habe ihm mehr berechnet, als bestellt war.

Dabei ist Grupp nicht kleinlich, aber unnütze Kosten verabscheut er. Zum Einkaufen gehen die Grupps daher auch in den örtlichen Aldi. »Das ist erste Qualität, ich bewundere die Unternehmer Albrecht.« Nur beruflich ist er mit den Gebrüdern aneinandergeraten. 1995 hat er sie als Kunden verloren, weil er sich weigerte, den Albrechts im Preis nachzugeben.

Also gründete er eine Anti-Erpressungsstrategie. In mittlerweile 22 Verkaufsstellen vertreibt er die eigene Ware - und setzt damit 40 Prozent seiner Produktion ab.

Seine kreative Tatkraft nötigt Respekt ab, der Konkurrenz und auch den Gewerkschaften. Dieter Höfle von der Gewerkschaft Textil - Bekleidung in Albstadt räumt ein: »Grupp hat zur richtigen Zeit das Richtige getan.«

Doch als Modell für andere scheint das Tun und Treiben selbst dem Gewerkschaftsmann nicht geeignet: »Einen zweiten Grupp«, sagt er, »würde die Textilwirtschaft wohl nicht vertragen.«

Michaela Schießl

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