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AUSSENHANDEL Der Statistik-Trick

Nach elf Jahren ist Deutschland wieder Export-Weltmeister. Doch dem vermeintlichen Spitzenplatz steht kaum reales Wachstum gegenüber. Die Wirtschaft verdankt die Erfolgsmeldung allein dem starken Euro. Nur: Was geschieht, wenn die EU-Währung weiter klettern sollte?
aus DER SPIEGEL 43/2003

Es hätte ein nationales Freudenfest werden können. Nach drei Jahren lähmender Wirtschaftsflaute regierten endlich einmal wieder positive Nachrichten die heimischen Schlagzeilen: die deutschen Fußball-Frauen - Weltmeister. Der Kerpener Formel-1-Pilot Michael Schumacher - Weltmeister. Und selbst ökonomisch waren wir plötzlich wieder ganz, ganz oben.

Nach Jahren der Stagnation hat sich der deutsche Außenhandel zurückgemeldet - Weltspitze auch hier. Vor den Vereinigten Staaten sogar. So zumindest suggerierten es aktuelle Zahlen internationaler Institutionen wie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und des Internationalen Währungsfonds. Und so jubilierten denn auch Wirtschaftsblätter wie die »Financial Times Deutschland«.

Die Kommentatoren lobten, wie »äußerst wettbewerbsfähig« hiesige Produkte trotz der Euro-Stärke seien. Sie freuten sich darüber, welch »ungewöhnliche Innovationskraft die deutsche Wirtschaft zu entwickeln im Stande ist«. Und sie frohlockten, dass das im Vergleich zu den USA kleine Deutschland nach elf Jahren bei den Exporten endlich wieder zum Höhenflug ansetzt und den ersten Platz zurückerobert hat, den es bis zur deutschen Wiedervereinigung über viele Jahre hinweg innehatte.

Ist da etwa ein neuer Boom in Sicht? Ein Ende der lang anhaltenden Schwächephase des deutschen Außenhandels, der jahrzehntelang als die Konjunktur-Lokomotive der hiesigen Wirtschaft galt? Von dem knapp ein Viertel aller deutschen Arbeitsplätze abhängen und der etwa 30 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts ausmacht? Muss womöglich das ganze Gejammer um blockierte Republik und Reformstau ad acta gelegt werden?

Tatsächlich übertrifft der deutsche Export bereits seit Mai dieses Jahres den amerikanischen mehr als deutlich. Allein von April zum Mai 2003 machten die deutschen Ausfuhren einen Sprung von 57,88 Milliarden auf 63,62 Milliarden Dollar.

Die USA, bisher unangefochtene Nummer eins, verharrte dagegen im selben Zeitraum bei rund 59 Milliarden Dollar. Und im August, dem letzten statistisch ausgewerteten Monat, setzten die Deutschen mit rund 63 Milliarden Dollar immer noch knapp sieben Prozent mehr mit ihren ins Ausland verkauften Waren um als die Amerikaner.

Doch Anlass zu Euphorie über diese Entwicklung verspürten bislang nur die wenigsten Unternehmen. In den Verbänden der Industrie oder den Analyseabteilungen der Großbanken ließ sich kaum einer zu überschwänglichem Optimismus oder gar Lobeshymnen hinreißen. »Wenn der Weltmeistertitel als Beschreibung der Zukunft herhalten soll, wäre dies geradezu fehlleitend«, sagt Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, nüchtern.

Auch den Verbandsfunktionären ist nur zu deutlich bewusst, dass die jüngsten Erfolgsmeldungen letztlich auf einem rein statistischen Effekt beruhen, dem kein reales Wachstum zu Grunde liegt.

Denn die Weltmeisterposition haben die Deutschen nicht etwa einem neuen Boom des internationalen Handels zu verdanken, sondern allein dem machtvollen Euro. So rechnet die OECD die in Euro registrierten deutschen Exporte von jeher in Dollar um. Und allein die Schwäche der US-Währung ermöglichte der hiesigen Exportwirtschaft den erneuten Sprung an die Spitze.

Bereits im März 2002 setzte die rasante Aufwertung des Euro ein. Ende September 2003 lag der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar rund 30 Prozent über dem Niveau vom Februar 2002.

Güter, die ursprünglich für 100 Euro ins Ausland verkauft wurden, sind in der aktuellen OECD-Statistik deshalb auf Dollar-Basis plötzlich mit einem Wert von 130 Euro ausgewiesen. Allein daran zeigt sich, dass die vermeintliche Zunahme des deutschen Exports lediglich der Aufwertung der Währung zu verdanken ist. Real, das heißt währungsbereinigt, schrumpfte der deutsche Export im August 2003 sogar um 4,2 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres. Alles also nur ein Statistik-Trick?

So wie bislang eine Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar zu einer Verschlechterung der deutschen Weltmarktanteile führte, profitieren die Deutschen statistisch bei der gegenwärtigen Aufwertung der Gemeinschaftswährung.

Im Jahr 2002 erreichte die Bundesrepublik auf Dollar-Basis einen Weltmarktanteil bei den Exporten von 10,6 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es dagegen nur 9,2 Prozent. Und das, obwohl die Gesamtsumme deutscher Exporte mit 638 Milliarden Euro nur 10 Milliarden Euro unter dem Wert von 2002 lag. Grund des Zahlenzaubers war schlicht der ungünstige Wechselkurs.

Bekam man 2001 nur durchschnittlich 0,88 Dollar für einen Euro, war es ein Jahr später im Schnitt schon 1,05 Dollar. Inzwischen erreichte der Euro schon Spitzenwerte von 1,19 Dollar. Eine realwirtschaftliche Grundlage für den Exportaufschwung ist deshalb noch lange nicht gegeben.

»Die Weltmeisterdiskussion ist nichts, was der deutschen Wirtschaft wirklich hilft«, sagt Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America. »Sie spiegelt eine Stärke wider, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt«, so der Ökonom.

Letztlich komme es auf das Volumen an und nicht auf den Wert, der in irgendeine andere Währung umgerechnet wurde. Und beim Volumen hat sich bislang nicht allzu viel getan.

Die Diskussion ist umso bedenklicher, als Weltmarktanteile im Export häufig als Seismograf bei der Standortbewertung sowie der Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit von Wirtschaftsnationen herhalten müssen. Die aktuellen Zahlen legen den Schluss nahe, hier zu Lande sei alles in Butter. »In Wahrheit verdecken sie aber, dass wir in den heimischen Märkten nichts auf die Reihe bekommen«, sagt Deutsch-Banker Walter. »Den Konsum, die Dienstleistung, die Forschung und Entwicklung verpennen wir unterdessen vollkommen.«

Genau hier liegt das Problem. Mit den nominalen Zuwächsen im Export ist »keine einzige Ware mehr aus Deutschland verkauft worden«, sagt Hans-Jürgen Müller, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA).

Dabei gehört Müller eigentlich zu denen, die der Entwicklung schon von Berufs wegen immer die positivsten Seiten abgewinnen müssen. Doch echte Glücksgefühle wollen sich auch bei ihm nicht einstellen. Vielmehr müsse alles getan werden, die eigenen Wachstumsraten zu steigern. Und da sieht es nach wie vor eher trübe aus.

»In den Mengen hat sich bislang gar nichts nach oben verschoben. Der aktuelle Zustand beruht rein auf einem Preiseffekt«, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagebau, einer Branche, die mehr als zwei Drittel ihres Gesamtumsatzes in Höhe von rund 131 Milliarden Euro den Verkäufen ins Ausland verdankt.

Überholt werden die Maschinenbauer lediglich von den Automobilherstellern, die mit knapp 152 Milliarden Euro rund 70 Prozent ihrer Gesamtumsätze durch Exporte erzielen. An Erfolge vergangener Zeiten kann damit aber noch nicht angeknüpft werden.

So legte der deutsche Export im Jahr 2002 um gerade mal 1,6 Prozent zu. Eine magere Zahl, bedenkt man, dass in den neunziger Jahren Wachstumsraten von durchschnittlich knapp 6 Prozent erreicht wurden. Auch für das laufende Jahr prognostizieren die Experten nicht viel mehr als ein Prozent.

Dabei ist es schon erstaunlich, dass der deutsche Außenhandel überhaupt noch Zuwachsraten zu verzeichnen hat. Denn bei einem steigenden Euro schwächeln die Ausfuhren gewöhnlich, weil sich die deutschen Waren für die Abnehmerländer dadurch auch verteuern.

Dass es bislang nicht zu größeren Einbrüchen beim Export gekommen ist, liegt einerseits an der Zeitverzögerung zwischen der Wechselkursänderung und der Auslieferung der Waren, andererseits daran, dass rund 75 Prozent aller deutschen Exporte in den großeuropäischen Raum gehen, einschließlich der GUS-Staaten und der Türkei.

Eine besondere Rolle spielen dabei vor allem jene Länder, die einst zum Warschauer Pakt gehörten und nun EU-Aspiranten sind. Vor allem dort steigt der Hunger nach Produkten made in Germany, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass die deutschen Direktinvestitionen in den ehemaligen Ostblock ein neues Rekordniveau erreicht haben.

Im Jahr 2001 investierten hiesige Unternehmen mehr als 30 Milliarden Euro im Osten, etwa ein Fünftel dessen, was deutsche Unternehmen in die USA transferierten. Die meisten der neuen EU-Beitrittsländer, aber auch andere Staaten in Osteuropa orientieren sich auch auf Grund dieser engen Verflechtungen an der neuen Leitwährung Euro. Zu diesem Schluss kommt auch die aktuelle Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages bei ihren Auslandshandelskammern. Dadurch seien rund 60 Prozent der deutschen Exporte kursgesichert und von Schwankungen der US-Währung unabhängig.

Die USA sind mit 10,3 Prozent aller Ausfuhren hinter Frankreich zweitwichtigster Abnehmer deutscher Produkte. In den asiatischen Wirtschaftsraum gehen 9 Prozent, allerdings mit sensationellen Zuwachsraten - vor allem in China, die zum Teil die 40 Prozent überschreiten.

Nur diese Regionen reagieren verstärkt auf den steigenden Euro. Wird der noch teurer, könnte sich das schon bald mit Wucht auf die Nachfrage niederschlagen. »Dann wäre Deutschland den Weltmeistertitel genauso schnell wieder los, wie es ihn erlangt hat«, glaubt Gernot Nerb vom Ifo-Institut in München.

Dennoch: Ganz so schwarz will die Wirtschaft nicht in die Zukunft blicken. »Vieles spricht für eine Belebung der Exportkonjunktur im kommenden Jahr«, so Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Statt mit einem weiteren Kurssturz des Dollar rechnet er eher mit einem »Gleitflug des Euro«.

Auch andere Fachleute sehen die Euro-Währung zwischen 1,10 und 1,18 Dollar schwanken, eine Spanne, »mit der die deutsche Exportwirtschaft durchaus leben kann«, so Wartenberg. JANKO TIETZ

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