Ausstand bis Montagabend GDL startet bislang längsten Bahnstreik
Der sechstägige Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bei der Deutschen Bahn ist angelaufen. Der Ausstand begann am Dienstagabend um 18 Uhr im Güterverkehr, um zwei Uhr weitete die GDL ihn dann auf den Personenverkehr aus, wie die Bahn am frühen Morgen bestätigte. Der Streik soll bis Montagabend um 18 Uhr andauern; Fahrgäste müssen sich mit erheblichen Einschränkungen im Fern- und Regionalverkehr arrangieren. Erstmals im laufenden Tarifkonflikt umfasst der Streik auch ein komplettes Wochenende.
Wie schon bei den vorigen Streiks hat die Bahn einen Rumpffahrplan mit stark reduziertem Angebot aufgestellt. Welche Züge fahren, können Kundinnen und Kunden über die Internetseite der Bahn oder deren App erfahren. Der Konzern hat außerdem eine kostenlose Info-Rufnummer eingerichtet, über die individuelle Auskünfte zum Fahrplan erteilt werden (08000 99 66 33). Wer vorher ein Ticket für den Streikzeitraum gekauft hat, kann die Fahrt auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Die Bahn hat die Zugbindungen aufgehoben, Sitzplatzreservierungen können kostenfrei storniert werden. (Lesen Sie hier, was Bahnreisende jetzt wissen müssen.)
Die deutsche Industrie erwartet durch den Lokführerstreik auch im Güterverkehr enorme Probleme und Schäden für Unternehmen. Es drohten harte Einschränkungen bis hin zu einzelnen Produktionsausfällen, Drosselungen und Stillständen in der Industrie, sagte Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie: »Bei einem sechstägigen Streik ist eine Schadenshöhe von insgesamt bis zu einer Milliarde Euro nicht unrealistisch.«
Berliner Hauptbahnhof am frühen Morgen: So gut wie nichts los
Foto: Christoph Soeder / dpaDas wirke auch langfristig. Außer den betrieblichen und volkswirtschaftlichen Schäden kämen »erhebliche Imageschäden« für den Verkehrsträger Schiene erschwerend hinzu, so Gönner. »Zweifel in die ohnehin zuletzt gesunkene Zuverlässigkeit der Bahninfrastruktur wachsen weiter, das System wird für Logistikentscheider zusehends unattraktiver.«
Gönner bezeichnete den Schienengüterverkehr als »Rückgrat« für zahlreiche Schlüsselindustrien wie die Chemie-, Stahl-, Automobil-, Papier- und Holzindustrie. Der Streik werde speziell die Anbindung und Versorgung von Produktionsstandorten in der Fläche, auf die Schiene angewiesene Transportabläufe wie Gefahrguttransporte sowie Rohstoff- und Exportlieferungen »empfindlich« treffen. Der Tarifkonflikt müsse zügig beigelegt werden. Der Schienengüterverkehr befinde sich nach witterungsbedingten Schwierigkeiten gerade erst wieder in der Erholungsphase. Die deutsche Industrie sei angesichts des konjunkturellen Stillstandes ohnehin in einer fragilen Lage.
Im Tarifkonflikt ist die Situation verfahren. Verhandlungen zwischen der GDL und der Bahn hat es seit Ende November nicht mehr gegeben. Auch im jüngsten Angebot der Bahn sah die Gewerkschaft unter ihrem Chef Claus Weselsky keine Gesprächsgrundlage. Im Dezember ließ die GDL ihre Mitglieder per Urabstimmung über unbefristete Streiks abstimmen, rund 97 Prozent der teilnehmenden Beschäftigten sprachen sich dafür aus. Seither sind mehrtägige Streiks möglich.
Neben finanziellen Forderungen dreht sich der Tarifstreit vor allem um das Thema Absenkung der Wochenarbeitszeit für Schichtarbeiter. Die GDL will diese von 38 auf 35 Stunden bei gleichbleibendem Gehalt reduzieren. Die Bahn hat unter anderem ein Wahlmodell angeboten, das eine einstündige Absenkung ohne finanzielle Einbußen vorsieht. Wer sich dagegen entscheidet, erhält stattdessen 2,7 Prozent mehr Geld. Weselsky sieht in der Offerte keine Grundlage für weitere Verhandlungen.
Verkompliziert wird der Tarifkonflikt dadurch, dass die GDL ihren Einfluss im Unternehmen ausweiten und Tarifverträge auch für die Beschäftigten der Infrastruktursparte abschließen will. Dort gibt es bereits Tarifverträge der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), mit der die GDL konkurriert. Die Bahn lehnt diese Forderung bislang ab.