Deutsche Bahn GDL-Vorstand streitet über Streiktaktik

Die Lokführer dürfen flächendeckend streiken - aber sie sind sich uneins, ob und wie sie das tun sollen. Die Mehrheit des GDL-Hauptvorstands ist offenbar für eine massive Verschärfung des Arbeitskampfes. Andere mahnen zur Mäßigung. Morgen fällt die Entscheidung.


Frankfurt am Main – Die Lokführergewerkschaft pendelt zurzeit zwischen den Extremen. Einige Mitglieder des Hauptvorstandes plädieren sogar für einen unbefristeten Streik, um den Druck auf die Bahn zu erhöhen, andere wie die stellvertretenden Vorsitzenden Günther Kinscher und Claus Weselsky mahnen dagegen zur Zurückhaltung.

Lokomotive in Würzburg: Maßvoll mit der Macht umgehen
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Lokomotive in Würzburg: Maßvoll mit der Macht umgehen

"Im Großen und Ganzen gibt es Einigkeit - die meisten wollen ein bisschen mehr Streik" - so interpretiert das die Sprecherin der Lokführergewerkschaft, Gerda Seibert. Einen gewissen Einfluss habe aber auch die Stimmung unter den GDL-Mitgliedern. "An der Basis brodelt es. Wenn es danach geht, würden die Züge wochenlang stehen", erklärte sie. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es noch diese Woche zu Streiks im Güterverkehr komme, wenn die Bahn kein neues Angebot vorlege.

Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf führende Mitglieder des 18-köpfigen GDL-Hauptvorstands berichtet, die überwiegende Mehrheit des Gremiums wolle bei ihrer morgigen Sitzung für einen mehrtägigen oder gar unbefristeten Streik ab Donnerstag stimmen. Die Meinungen über die Dauer des Arbeitskampfes gingen demnach allerdings auseinander. Als wahrscheinlich gelte ein mehrtägiger Ausstand, schrieb die Zeitung.

Alles ist möglich

Kinscher wandte sich jedoch gegen mehrtägige oder unbefristete Ausstände. "Mit den Streiks müssen wir vernünftig umgehen", sagte er. "Wir können hier ja nicht Tabula rasa machen." Nach der Aufhebung des Streikverbots im Güter- und Fernverkehr am Freitag müsse die Gewerkschaft maßvoll mit ihrer neuen Macht umgehen, betonte Kinscher.

Zugleich erklärte er jedoch, nach dem Treffen des GDL-Hauptvorstands sei alles möglich. Wenn die GDL-Führung auf die Gewerkschaftsmitglieder hören würde, hätte sie schon vor Wochen zu unbefristeten Streiks aufgerufen. Sollte die Bahn kein neues Angebot vorlegen, werde der Druck auf Bahn-Chef Hartmut Mehdorn deshalb weiter steigen, warnte Kinscher. "Wenn es wirklich zu harten Streiks kommt, dann ist fraglich, ob überhaupt noch Mehdorn über den Tarifvertrag entscheidet." Im GDL-Hauptvorstand sind neben dem geschäftsführenden Vorstand auch die Bezirksvorsitzenden und deren Stellvertreter vertreten.

Die GDL will morgen Nachmittag über die Ergebnisse ihrer Beratungen berichten.

Aus Sicht des Tübinger Arbeitsrechtlers Hermann Reichold kann die Gewerkschaft durchaus optimistisch auf den Fortgang der Auseinandersetzung blicken. Die Bahn komme kaum mehr an einem eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer vorbei, sagte er. "Ich denke, das ist eine Forderung, deren Erfüllung das gestärkte Selbstvertrauen der GDL jetzt verlangt." Wenn das Unternehmen sich nicht auf die Gewerkschaft zubewege, müssten sich die Kunden der Bahn noch mehrere Wochen lang auf Arbeitsniederlegungen der Lokführer einstellen, fügte der Professor hinzu. "Ich glaube, eine Lösung des Tarifkonflikts wird es spätestens kurz vor Weihnachten geben, denn sonst würden Streiks im Weihnachtsverkehr drohen."

mik/AP/dpa-AFX/dpa



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