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Vertrauliches Gutachten Kosten für Bahn-Digitalisierung verdoppeln sich auf 69 Milliarden Euro

Das moderne, digitalisierte Schienennetz für Deutschland kommt später als geplant und wird deutlich teurer. Das ergibt ein Gutachten für das Verkehrsministerium. Immerhin bringen die Investitionen Gewinne – aber erst ab 2064.
aus DER SPIEGEL 30/2024
ICE in Stuttgart: Die Züge sollen hochautomatisiert fahren

ICE in Stuttgart: Die Züge sollen hochautomatisiert fahren

Foto:

Arnulf Hettrich / IMAGO

Bei der Deutschen Bahn verspäten sich nicht nur regelmäßig die Züge. Auch die Digitalisierung des Schienennetzes in Deutschland verzögert sich weiter – und wird mehr als doppelt so teuer wie geplant. Das geht aus einer Studie hervor, die unter anderem die Unternehmensberatung McKinsey, die Kanzlei Orth Kluth und der Ingenieursdienstleister Emch+Berger für das Bundesverkehrsministerium erstellt haben. Demnach dürfte es 69 Milliarden Euro kosten, die Bahninfrastruktur zu digitalisieren. 2018 ging das Ministerium noch von 28 Milliarden Euro aus.

DER SPIEGEL 30/2024

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38 Milliarden für neue Fahrzeugtechnik

Die Ausrüstung der Züge wird auf 38 Milliarden Euro taxiert, vor sechs Jahren belief sich die Schätzung noch auf 4 Milliarden Euro. Haupttreiber der Mehrkosten bei den Zügen ist die Umrüstung mit Steuerungstechnik für einen automatisierten Betrieb. Dass sich die Kosten bei der Infrastruktur so stark erhöhen werden, liegt an höheren Baukosten, aber auch an zusätzlichen Maßnahmen, die das Netz zuverlässiger und belastbarer machen sollen.

So soll das Fahren weiter automatisiert sowie Infrastruktur und Fahrzeuge besser vernetzt werden. Auch die Kapazität der bestehenden Infrastruktur soll steigen. Zudem wird die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Bahnbetriebs durch intelligente Betriebsleittechnik verbessert und der Energiebedarf durch automatisiertes Beschleunigen und Bremsen gesenkt.

102,5 Milliarden Euro Nutzen durch »Digitale Schiene«

Trotz ihrer Höhe sind die Investitionen laut Gutachten langfristig wirtschaftlich sinnvoll. Den Bruttoausgaben stehe bis 2070 ein Nutzen in Höhe von 102,5 Milliarden Euro gegenüber. Dieser Nutzen ergibt sich vor allem aus dem Personalkostenvorteil für die DB Netz. Dort halten heute rund 14.000 Fahrdienstleiter den Betrieb aufrecht, im Fall mechanischer Stellwerke nicht selten noch mit Seilzügen und Muskelkraft.

Der Punkt, an dem die Kosten gedeckt sind und die Investitionen laut Studie Gewinne abwerfen, werde 2064 erreicht.

Zudem ergibt die Analyse, dass Deutschlands veraltete Stellwerke für andere europäische Länder noch lange ein Ärgernis bleiben werden. Ursprünglich sollten wichtige Schienenkorridore bereits 2030 mit dem modernen Zugsteuerungssystem ETCS versorgt sein – und so den grenzüberschreitenden Verkehr vereinfachen. Das werde nun »nicht vor etwa 2036 erreicht«. Erst bis 2043, so die Prognose, werde das System flächendeckend ausgerollt.

Stellwerk in Kruft, Rheinland-Pfalz

Stellwerk in Kruft, Rheinland-Pfalz

Foto: Thomas Frey / dpa

Museumsreife Technik

Deutschland gehört in Europa zu den Ländern mit einem besonders großen Anteil an veralteten Stellwerken. Manche von ihnen sind hierzulande mehr als 100 Jahre alt. Auch die neueren Relais-Stellwerke der damaligen Bundesbahn und die ersten elektronischen Stellwerke aus den Neunzigerjahren gelten als technisch überholt. Sie sind störanfällig und teuer, da Ersatzteile oft einzeln angefertigt werden müssen. Experten weisen außerdem darauf hin, dass es schwierig werden dürfte, das nötige Nachwuchspersonal zu finden, das die museumsreife Technologie bedienen und instand halten soll.

Ankündigung für das Projekt Digitale Schiene im bayerischen Donauwörth

Ankündigung für das Projekt Digitale Schiene im bayerischen Donauwörth

Foto: Stefan Puchner / dpa

Das Gutachten kritisiert auch, wie schlecht die Digitalisierung des Schienenverkehrs organisiert werde. So gebe es nach wie vor keine zentrale Gesamtsteuerung unter Oberaufsicht des Bundesverkehrsministeriums. Planung, Zulassung und Inbetriebnahme müssten dringend vereinfacht werden. Die Bahn-Tochter DB InfraGo solle ihre Strategie ändern, fordern die Studienautoren. Sie müsse den Umbau auf digitale Leit- und Sicherungstechnik nicht als eine Reihe einzelner regionaler Bauprojekte betrachten, sondern als ein umfassendes Softwareprojekt angehen.

Ob tatsächlich das Projekt »Digitale Schiene« in dem Umfang und Zeitplan kommt wie ursprünglich geplant, ist zuletzt wieder unsicherer geworden. So wurden Unterlagen bekannt, laut denen der Bahn Budget für Digitalisierungsvorhaben in der Zeitspanne von 2025 bis 2030 fehlt. Demnach könnte es dazu kommen, dass Projekte gestrichen oder verzögert werden.

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