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12. August 2013, 18:45 Uhr

Kundengelder

Ex-Mitarbeiter der Deutschen Bank verzockte Millionen

Von , Stade

Er verlor Kundengelder beim Glücksspiel: Über dreieinhalb Jahre lang soll ein Bankberater insgesamt 8,4 Millionen Euro abgezweigt haben. Nun wird dem Mann der Prozess gemacht. Doch auch seinem damaligen Arbeitgeber, der Deutschen Bank, drohen unangenehme Fragen.

Als der Prozessauftakt nach nur 90 Minuten vorbei ist, wirkt L. gelöst. Während der Verhandlung vor dem Landgericht Stade machte der 39-Jährige noch einen nervösen Eindruck. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen, er suchte immer wieder den Blickkontakt mit seinem Anwalt. Doch nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes ist L. wie verwandelt. Der kräftige Mann erzählt ohne Umschweife seine Geschichte: Ein "menschenverachtendes System bei der Deutschen Bank" habe ihn krank gemacht.

Am Montag begann der Strafprozess gegen den ehemaligen Bankangestellten L. Der Finanzberater soll rund 8,4 Millionen Euro an Kundengeldern veruntreut haben. Knapp die Hälfte der Summe hat er laut Anklage wieder zurückgezahlt, den Rest soll er in der Hamburger Spielbank und im Internet verzockt haben. L. ist wegen Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung angeklagt, ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Der Fall klingt unglaublich: Von Februar 2007 bis Dezember 2010 soll L. insgesamt 156-mal Geld abgezweigt haben. Die Summen reichten von einigen hundert bis hin zu 300.000 Euro. Laut Staatsanwalt ließ er sich Bargeld von Kunden auszahlen und steckte vereinbarte Investitionen in die eigene Tasche.

L. ist im Prinzip geständig. Er plädiert aber auf verminderte Schuldfähigkeit, weil er spielsüchtig sei. Außerdem habe er das Geld nicht für sich haben wollen. "Ich hatte massive Schuldgefühle gegenüber meinen Kunden. Ich sollte ihnen Geldanlagen verkaufen, die nicht funktionierten." Große Probleme habe er mit einem Produkt namens Kompass Life 3 gehabt. Bei diesem Lebensversicherungsfonds schlossen Kunden eine Art Wette auf die Restlebensdauer von rund 500 Personen ab. Im Klartext: Je früher die Personen starben, desto höher der Gewinn für die Anleger.

Nachdem der SPIEGEL im Februar 2012 über die Anlage berichtet hatte, bot die Deutsche Bank ihren Kunden einen Ausstieg aus dem Fonds an. L.s Anwalt Frank Jansen kündigte an, im Prozess Fragen zum Druck der Deutschen Bank auf Mitarbeiter zu stellen, "die solche höchst fragwürdigen Produkte verkaufen müssen".

Die Deutsche Bank wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Gleich drei Vertreter des größten deutschen Geldhauses erschienen bei der Verhandlung vor dem Landgericht Stade. Ein Sprecher teilte lediglich mit, man habe "den Vorgang aufgedeckt und vollumfänglich intern aufgeklärt". "Die Kunden wurden von der Bank entschädigt". Zum Verfahren gegen ehemalige Mitarbeiter äußere die Bank sich ansonsten grundsätzlich nicht.

Anwalt will Gutachten attackieren

Doch neben den Arbeitsbedingungen der Berater wirft der Prozess weitere Fragen auf: Warum funktionierten die internen Kontrollmechanismen der Bank nicht? Wie konnten die Unterschlagungen dreieinhalb Jahre unentdeckt bleiben? Laut Anklage hat L. am Ende mehrmals pro Woche 50.000 Euro entwendet. Warum fiel das niemandem auf - in einer Filiale mit gerade mal acht Mitarbeitern?

L. sagt, in der Hochphase seines Wahns habe er nur noch Löcher stopfen wollen. "Aber selbst wenn ich mal gewonnen habe, hat es natürlich nicht gereicht." Im Nachhinein kann er es selbst kaum glauben, dass er so lange nicht erwischt wurde: "Die Kontrollmechanismen der Deutschen Bank haben nicht funktioniert", sagt er. "Spätestens nach einem halben Jahr hätte mein Vorgehen auffallen müssen."

Die Deutsche Bank will auch das nicht kommentieren, verweist aber auf zwei Prozesse vor dem Arbeitsgericht, die man gewonnen hat. L. wurde zu umfänglichem Schadensersatz verurteilt. Sein Lohn und sonstiges Einkommen wird gepfändet - darunter auch eine monatliche Rente der Norddeutschen Klassenlotterie, die er 2008 gewonnen hatte. Eine Klage von L. auf Schadensersatz und Schmerzensgeld gegen die Bank wurde abgewiesen.

Im Prozess geht es jetzt zunächst um ein Gutachten, das L. volle Schuldfähigkeit attestiert. "Dieses Gutachten hat gleich mehrere Mängel", sagt Anwalt Jansen. "L.s Therapeut hat sogar Strafanzeige gegen den Gutachter gestellt."

L. arbeitet mittlerweile als Rettungssanitäter. Als er sich vor dem Gericht in Stade verabschiedet, sagt er: "Heute, als gesunder Mann, möchte ich sagen, dass es mir für alle Kunden leidtut."

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