Deutsche Bank in Turbulenzen Alleinkämpfer Ackermann setzt auf Risiko

Deutsche-Bank-Chef Ackermann in der Krise: Sein Geldinstitut erwartet den schlimmsten Jahresverlust seiner Geschichte, die Postbank-Übernahme musste neu verhandelt werden, um die Kapitaldecke zu schonen. Doch Ackermann sagt erneut Nein zu jeder Staatshilfe - ein riskanter Kurs.

Frankfurt - Bescheidenheit? Demut? Von wegen. "Wir sind mittlerweile die einzige Investmentbank weltweit, die weder auf Staatsfonds zurückgreifen noch den Steuerzahler belasten muss", erklärt Josef Ackermann in einer Telefonkonferenz am Mittwochnachmittag. Er habe nicht vor, das zu ändern.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Selbstbewusst in der Krise

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Selbstbewusst in der Krise

Foto: Getty Images

Selbstbewusste Worte sind das angesichts der Nachrichten, die die Deutsche Bank an diesem Mittwoch verkünden muss. Man erwarte für das abgelaufene Quartal einen Verlust von 4,8 Milliarden Euro, teilte das Geldinstitut überraschend mit - eigentlich werden die Zahlen erst am 5. Februar vorgelegt. Der Jahresverlust werde sich 2008 damit auf 3,9 Milliarden Euro belaufen. Das mieseste Ergebnis in der Geschichte des Hauses.

Zudem hat die Deutsche Bank das Paket zum Einstieg bei der Postbank neu schnüren müssen. Offensichtlich gar nicht so sehr, weil die Aktien der Post-Tochter nur noch einen Bruchteil des vereinbarten Kaufpreises wert sind. Hauptzweck des komplizierten Deals sei es, die Kapitaldecke der Deutschen Bank zu schonen, glauben Experten. Nun wird ein Großteil für die vereinbarte erste Tranche mit Deutsche-Bank-Aktien bezahlt. Die Post wird vorübergehend größter Aktionär bei Deutschlands größtem Geldhaus. Und der Staat - dem noch 31 Prozent der Post gehören - wird auch indirekt Mitbesitzer der Deutschen Bank.

Ein bisschen peinlich ist das schon für Ackermann. Er hatte Hilfe vom Staat schon in den vergangenen Monaten stets kategorisch abgelehnt - das habe den komplizierten Postbank-Deal überhaupt erst nötig gemacht, sagen Experten. "Das ist ein gesichtswahrender Kompromiss", erklärt etwa Bankenexperte Wolfgang Gerke.

Und trotzdem erklärt Ackermann an diesem Katastrophentag erneut und gleich mehrmals hintereinander, er habe nicht die Absicht, irgendwelche Hilfe vom Staat anzunehmen. "Wir haben absolut keine Notwendigkeit für weiteres Kapital." Und Kreditgarantien von der öffentlichen Hand? Nein, danke.

Ackermann will die Anleger beruhigen. Kaum ein Analyst hatte mit einem derart schlechten Quartalsergebnis gerechnet. Offiziell hätten viele sogar noch einen kleinen Gewinn prognostiziert, sagt Michael Seufert von der Nord LB. "Die Flüsterschätzungen waren zwar schon schlechter, aber nicht so schlecht wie die tatsächlichen Ergebnisse."

Die harte Wahrheit wirkte dann wie ein Paukenschlag an der Börse: Die Finanzwerte sackten um teils mehr als zehn Prozent ab, Deutsche-Bank-Papiere verloren sogar zeitweise mehr als 13 Prozent an Wert.

Schließlich war Deutschlands größtes Geldinstitut bislang relativ stabil durch die Finanzkrise gesteuert. "Wir haben die Krise bis zum vierten Quartal relativ gut gemeistert", gesteht auch Ackermann. Doch dann sei die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September gekommen, nach der die Börsen weltweit bebten. Diese "Welle" der Finanzkrise habe auch die Deutsche Bank "hart getroffen". Man könnte auch sagen: mit voller Wucht.

Vor allem wegen der schlechten Ergebnisse aus dem Handel von Wertpapieren sei das Ergebnis so schlecht, teilte das Institut mit. Auch für den Bereich Vermögensverwaltung und vermögende Privatkunden erwarte man einen Verlust.

Nun will man sie wie eine einmalige Leidensperiode aussehen lassen, diese hundsmiserablen drei Monate. Das Quartalsergebnis spiegele auch die Reduzierung von Risikopositionen und weitere Maßnahmen zum Risikoabbau wider, betonte das Institut. So seien Gefahrenpositionen bei Krediten und Kreditzusagen von 11,9 Milliarden Euro zum Ende des dritten Quartals auf unter eine Milliarde Euro zum Jahresende 2008 verringert worden. Das Management sei umstrukturiert, das Risikomanagement verbessert worden. Schwierigkeiten bei Konsumentenkrediten etwa würden die Deutsche Bank nicht mehr allzu hart treffen, erklärt der Schweizer den Analysten und Journalisten am Telefon.

Die Bank hat ausreichend Vorsorge für mögliche weitere Beben an den Finanz- und Aktienmärkten getroffen, so lautet die Botschaft dieses Tages. Nicht umsonst wurde das Zahlendesaster am gleichen Tag offengelegt, an dem auch die neuverhandelten Bedingungen für die Postbank-Übernahme bekanntgegeben wurden. "Wir starten das Jahr mit Vertrauen", sagt Ackermann. Die Zeichen stünden zudem auf Erholung: Die Volatilität an den Märkten stabilisiere sich gerade, die Investoren kehrten zurück.

Es ist ein gewagtes Spiel, das Ackermann da betreibt. Er nimmt sich selbst jeden Handlungsspielraum. Schon nach der Lehman-Pleite musste er tatenlos zusehen, wie Konkurrenten weltweit ihre Kapitalpolster mit Staatsgeldern andickten.

Doch ein Umschwenken an diesem Tag? Ein Alptraum. So fährt der Bankchef den Kurs konsequent weiter - und wird ziemlich pampig, wenn er auf die vermeintliche Staatsbeteiligung an seinem Haus angesprochen wird. Er habe den Staat "nie um Geld gebeten", schneidet er einem US-Journalisten das Wort ab, weil ihm die Formulierung der Frage nicht gefällt. Sein Haus habe lediglich Aktien als Bezahlung angeboten, "wir haben nie mit der Regierung gesprochen", poltert er weiter. Sowieso: Wenn man bedenke, dass der Staat nur noch 31 Prozent an der Postbank halte und das Geldinstitut seinerseits lediglich zu acht Prozent an der Deutschen Bank beteiligt werde - dann besitze der Bund nach Adam Riese gerade einmal 2,5 Prozent an dem größten Geldhaus des Landes. Irgendwann versteigt sich Ackermann gar zu der Aussage, dass ja eigentlich fast jedes Unternehmen, zu dessen Aktionären deutsche Firmen gehören, über Umwege den Bund mit im Haus habe.

Bei der Deutschen Bank freilich war das bisher nicht der Fall. Und so beeindruckt Beobachter und Analysten der neue Postbank-Deal doch nachdrücklich. "Ich hätte es besser gefunden, wenn die Deutsche Bank direkt Staatsmittel in Anspruch genommen hätte", sagt NordLB-Analyst Seufert. "In der Krise muss man stark sein und nicht so fein, dass man so was komplett ausschließt."

Ackermann sieht das anders. Nun bleibt abzuwarten, ob er mit seinen Prognosen recht behält - oder sich gründlich verrechnet hat. Denn ein Zurück von diesem Kurs gibt es jetzt kaum mehr.

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