Deutsche-Bank-Studie Wie Frauen im Jahr 2020 arbeiten

Für Deutschlands Frauen sieht die Zukunft rosig aus. Laut einer Deutsche-Bank-Studie verdienen sie im Jahr 2020 mehr Geld, besetzen Spitzenjobs - und können Familie und Beruf perfekt kombinieren. Dabei muss sich gar nicht viel ändern: Der Prognose zufolge kommt der Wandel fast von alleine.

Hamburg - "Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung" - so lautet eine aktuelle Studie der Deutschen Bank Research, die an diesem Montag vorgestellt wurde.

Das Besondere an der knapp 50-seitigen Abhandlung: Die Autorin, Analystin Claire Schaffnit-Chatterjee, stimmt kein Klagelied über die schwierige Situation von Frauen im Berufsleben an. Sie verbreitet vielmehr Optimismus. Im Jahr 2020, so die Kernaussage der Studie, werden Frauen deutlich besser da stehen als heute.

Den Grund für den Wandel sieht Schaffnit-Chatterjee nicht in Zwangsmaßnahmen von Seiten der Politik. Die Wirtschaft selbst werde alles daran setzen, um Frauen das Leben und Arbeiten leichter zu machen. "Es gibt für Unternehmer keine Alternative", sagt die Expertin. "Nur wenn Frauen leichter in Führungsetagen aufsteigen, können Unternehmen Innovation und Wachstum garantieren."

Für diese Zuversicht nennt die Studie folgende Gründe:

  • Demografischer Wandel: Weil immer mehr Arbeitskräfte benötigt werden, können die Unternehmen gar nicht anders, als verstärkt auf Frauen zu setzen.
  • Virtuelle Vernetzung: Wissensbasierte Tätigkeiten werden immer häufiger in Projektarbeit erledigt. Dies führt zur Verbreitung flexibler Arbeitszeitmodelle.
  • Soft Skills: Soziale Kompetenzen wie Kooperation und Kreativität gewinnen an Bedeutung.
  • Mentalitätswandel: Über die Jahre hinweg wird es immer normaler, dass Männer ihre Kinder betreuen - und Frauen in Spitzenpositionen arbeiten.

Noch ist das nur Zukunftsmusik (siehe Kasten). Doch die Deutsche Bank Research setzt auf die kommenden Jahre. "Im Jahr 2008 ist eine gleichgestellte Gesellschaft ein entferntes, aber erreichbares Ziel", heißt es in der Studie. Deutschland habe sogar "die Chance, eine Führungsrolle in der Familienpolitik einzunehmen".

Schaffnit-Chatterjee verweist auf andere Studien, wonach Unternehmen mit Frauen in der Chefetage erfolgreicher seien als von Männern dominierte Betriebe. Gesetzliche Vorgaben im Sinne einer verordneten Frauenquote seien daher gar nicht nötig.

Schon aus Eigeninteresse würden die Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen in Zukunft mehr zutrauen. Dabei betont Schaffnit-Chatterjee, dass Gleichstellung nicht Gleichheit, sondern Chancengleichheit bedeute.

Konkret entwirft die Deutsche-Bank-Studie für das Jahr 2020 in Deutschland folgendes Szenario:

  • Beruf und Familie lassen sich besser miteinander vereinbaren.
  • Mehr Frauen, vor allem Mütter, sind berufstätig.
  • Männer und Frauen teilen bezahlte und unbezahlte Arbeit gleichmäßiger untereinander auf.
  • Die Telearbeit zuhause boomt. Die Unternehmen sparen dadurch Kosten, zum Beispiel bei der Büromiete.
  • Die Geburtenrate steigt.
  • Frauen studieren zunehmend naturwissenschaftliche und technische Fächer.
  • Die Reallöhne von Frauen nähern sich denen der Männer an.
  • Der Anteil von Frauen in Führungspositionen erhöht sich.

Ganz von alleine wird es dazu aber auch nicht kommen. Schaffnit-Chatterjee mahnt deshalb Anstrengungen der Unternehmen an. "Ein echter Fortschritt wird dann erzielt sein, wenn Teilzeit als sinnvolle Karrierechance angesehen wird und eine Auszeit für die Kindererziehung von einem oder zwei Jahren nur eine Unterbrechung der Karriere ohne weiteres Stigma ist." Entscheidend sei, dass nicht die Arbeitszeit, sondern die erzielten Ergebnisse als Maßstab gelten.

Auch die Politik sieht die Studienautorin in der Pflicht. "Ausreichende, erschwingliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuungsmöglichkeiten sind dringend erforderlich." Dies gelte für die Kinderbetreuung am Arbeitsplatz der Eltern ebenso wie in Ganztageskindergärten.

In Musterbeispielen analysiert die Studie, wie sich das Leben von Frauen im Jahr 2020 gestalten könnte. SPIEGEL ONLINE stellt die Fälle vor:

Rentnerin

Mit 80 Jahren ist Renate noch fit. Sie machte eine schwere Zeit durch, als ihr Mann vor einigen Jahren verstarb. Jetzt geht das Leben weiter: Sie ist Mitglied in mehreren Vereinen, leitet den Chor in ihrer Gemeinde und kümmert sich gelegentlich um die Enkelkinder. Sie ist sehr froh, dass sie sich mehrmals im Jahr eine Reise leisten kann. Einige ihrer Freundinnen sind finanziell sehr eingeschränkt.

Berufstätige mit Erfahrung

Elke, 56, ist Vorstandsvorsitzende eines Mittelstandsunternehmens, des weltweit führenden Herstellers von ultradünnen Beschichtungen für Solarzellen. Sie sitzt im Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen. Sie gehört zu den Ersten, die "offene Innovation" praktizierten. Sie kennt das Potential der internationalen Märkte und hat eine Nische für ihr Unternehmen geschaffen. Sie war immer mit ihrer Arbeit verheiratet und hat sich gegen Kinder und für ihre Karriere entschieden. Sie arbeitet als Mentorin für zahlreiche junge und ehrgeizige Frauen in ihrem Unternehmen, sieht sich jedoch nicht als Rollenvorbild. Sie wünscht sich häufig, sie hätte dieselben Wahlmöglichkeiten gehabt wie junge Frauen heute.

Flexible Berufstätige

Stefanie, 43, ist Designberaterin bei einer Werbeagentur. Sie verbringt gern und so oft wie möglich Zeit mit ihren Kindern (3 und 7). Ihr Mann Tobias ist selbstständig, arbeitet von zuhause aus und übernimmt den größten Teil der Arbeiten im Haushalt. Sie verfügen über ein überdurchschnittliches Familieneinkommen, sind in Bezug auf die Arbeitsbelastung sehr flexibel und leben ein in ihrem Bekanntenkreis nicht ungewöhnliches Familienmodell.

Traditionelle Berufstätige

Melina, 30, und ihr Mann Julian haben sich die Elternzeit nach der Geburt ihrer Tochter (heute zwei Jahre alt) geteilt. Die Forscherin Melina ist dankbar, dass ihr Hauptarbeitgeber ihr damals ermöglicht hat, das Kind mit zur Arbeit zu bringen, als es sechs Monate alt war. Sie konnte ihre Arbeit in Teilzeit wieder aufnehmen; das Stillen war im Beruf kein größeres Problem als zuhause, wo sie häufig arbeitete. Julian, ein leitender Angestellter in einem internationalen Konzern, ist häufig geschäftlich unterwegs. Dies stellt für Melina vor allem dann ein Problem dar, wenn die Frist für eines ihrer Projekte sich dem Ende nähert. Sie ist froh, dass Julian eine leitende Stellung in Asien ablehnen konnte, ohne sich seine Karrierechancen zu verbauen. Möglicherweise werden sie später eine ähnliche Chance nutzen, wenn Melina mehr Kontakte im Ausland aufgebaut hat.

Verkäuferin mit geringem Einkommen

Silke, 35, arbeitet im Supermarkt. Für sie war es keine Frage, dass sie direkt nach dem Ende der Elternzeit wieder arbeiten ging. Ihr Partner Leon arbeitet als Bauarbeiter für vorübergehende Projekte. Sein schwankendes Einkommen würde auch zusammen mit dem Kindergeld nicht ausreichen, um den Finanzbedarf der Familie zu decken. Silke versucht alles, um das Einkommen zu steigern - auch schwarz. So nimmt sie Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum nahezu abgelaufen ist, aus dem Supermarkt mit und verkauft sie in ihrem Netzwerk weiter. Beide Kinder (jetzt 4 und 7) haben sich bei der lokalen Kinderbetreuung wohlgefühlt. Mit der Einschulung der Kinder wird das Leben allerdings hektischer, weil sie auf eine der wenigen verbleibenden Nicht-Ganztagsschulen in Deutschland gehen. Silke und Leon haben jetzt beschlossen, in ihre Weiterbildung zu investieren, um sich eine bessere Zukunft zu eröffnen.

Studentin

Clara, 25, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeit über nicht-invasive Diagnosetechniken in der Medizin. Mit zwei Kommilitonen aus ihrer Ingenieurausbildung hat sie ein Unternehmen gegründet, das durch Startkapital der EU und der deutschen Regierung für Unternehmensgründer finanziert wurde. Sie will nicht für ein Großunternehmen arbeiten und fühlt sich in vielerlei Hinsicht als Pionierin. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die den traditionellen Weg Studium-Arbeit-Kinder-keine Karriere ging, will sie jetzt eine Familie gründen und vertraut darauf, dass schon alles klappen wird.

wal/AP

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