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»Deutsche Bank will rauben«

Deutschlands größtes Kreditinstitut und die Nazis: Neue Erkenntnisse aus bislang verschollenen Dokumenten Eine amerikanische Untersuchung bringt Peinliches über Deutschlands mächtigstes Kreditinstitut ans Licht: Die Deutsche Bank machte mit dem Nazi-Regime blendende Geschäfte. Sie verdiente an der Aufrüstung, an der »Arisierung« jüdischen Besitzes und an den Raubzügen der Nazis in den besetzten Ländern. *
aus DER SPIEGEL 36/1985

Seit längerem schon wollte der Münchner Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger ein Werk über die Macht des Geldes schreiben. Es sollte zunächst etwas Hübsches werden, »eine richtige Operette wie die Gräfin Mariza«.

Doch nun geht''s auch ohne Musik. Das Stück, das Enzensberger jetzt vorlegt, ist eins aus dem richtigen Leben: Es handelt vom Wirken der Deutschen Bank während der Nazi-Zeit.

Das Material stammt aus amerikanischen Archiven - ein Bericht, den die US-Militärregierung in Deutschland nach Kriegsende anfertigen ließ. »Es ist unglaublich«, fand Enzensberger, »daß dies noch nicht veröffentlicht worden ist.« So gibt er die bislang unbekannten Akten jetzt selbst als Buch heraus. _("OMGUS: Ermittlungen gegen die Deutsche ) _(Bank«. Herausgegeben von Hans Magnus ) _(Enzensberger. Greno Verlagsgesellschaft, ) _(Nördlingen; 544 Seiten; 25 Mark. )

Enzensberger hatte schon vor Jahren »Gerüchte aus Bankenkreisen« aufgeschnappt, denen zufolge in Washington eine Dokumentation lagere, die der Deutschen Bank überaus peinlich sei. Der Schriftsteller bat einen Freund, ihm die Untersuchung aus den Vereinigten Staaten zu besorgen.

Aber in den National Archives in Washington stocherten schon andere herum. Die Hamburger »Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik« war dabei, die verschollenen Papiere aufzuspüren. Enzensberger schloß sich dem Suchtrupp an.

Das Material, das sich schließlich auffand, hatten acht Experten des US-Finanzministeriums nach Kriegsende zusammengestellt und bewertet. Das Office of Military Government for Germany, United States (Omgus) untersuchte damals, welche deutschen Großunternehmen allzu bereitwillig das NS-Regime unterstützt hatten.

Im Jahre 1947 war der Omgus-Report über die Deutsche Bank fertig. Die Sprache ist trocken, der Inhalt beinhart. »Es wird empfohlen«, so schrieben die Amerikaner gleich in Kapitel eins, »daß die Deutsche Bank liquidiert wird.« Die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank sollten »angeklagt und als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden, die leitenden Mitarbeiter der Deutschen Bank von der Übernahme wichtiger oder verantwortlicher Positionen im wirtschaftlichen und politischen Leben Deutschlands ausgeschlossen werden«.

Heute sind solche Sätze kaum mehr als eine skurrile Fußnote in der Erfolgsgeschichte des größten deutschen Kreditinstituts. Als die ehemaligen Feinde der Amerikaner sich zu Partnern wandelten, da wurde auch die Deutsche Bank gebraucht, und ihre leitenden Männer begannen abermals eine wichtige Rolle im Staat zu spielen. Der Omgus-Report verschwand in den National Archives in Washington.

So waren braune Flecken in der 115jährigen Geschichte der Deutschen Bank bislang nicht zu finden. Dafür sorgte nicht zuletzt eine ganze Reihe von Historikern im Auftrag der Bank. Den braunen Machthabern, vermeldet die bankeigene Historie, wurden »keine Konzessionen gemacht«.

Der Omgus-Report kommt zu anderen Schlüssen. Die Deutsche Bank, so heißt es dort, »benutzte ihre gewaltige Macht in der deutschen Wirtschaft, um bei der Durchführung der verbrecherischen Politik des Nazi-Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet mitzuwirken«.

Die Bank, die während des Krieges zur größten in Kontinental-Europa aufstieg, habe »das Reich mit riesigen Fonds für Wiederaufrüstungszwecke« versorgt. Sie habe »mit großer Aggressivität« ihre Macht auf die von Deutschland annektierten Gebiete ausgedehnt und von der »Arisierung« jüdischen Besitzes profitiert.

Wer es bislang wagte, der Deutschen Bank Kooperation mit den Nationalsozialisten _(In den 30er Jahren, während eines ) _(Urlaubs in der Schweiz. )

vorzuwerfen, wurde zumeist rasch und hart eines Besseren belehrt. So mußte etwa der deutsch-amerikanische Historiker George W. F. Hallgarten kritische Bemerkungen über die Tätigkeit der Deutschen Bank im Nazi-Reich unter juristischem Druck zurücknehmen.

Auch der Ost-Berliner Autor Eberhard Czichon und dessen Kölner Pahl-Rugenstein Verlag mußten sich korrigieren. Czichon hatte in seinem Buch »Der Bankier und die Macht« über den langjährigen Bankchef Hermann Josef Abs Behauptungen aufgestellt, die entweder falsch waren oder sich nicht belegen ließen. Gerichte untersagten dem Autor und seinem Verlag die weitere Verbreitung der umstrittenen Behauptungen. Abs bekam 20 000 Mark Schadenersatz.

Czichon kannte den Omgus-Report nicht. Den legte sein Verteidiger erst in der Schlußphase des Prozesses vor - in einer aus dem Amerikanischen übersetzten DDR-Fassung, die schlampig bis falsch war. Zudem fehlten wichtige Beweisstücke, die in dem Untersuchungsbericht als Anhang vermerkt sind. Der Omgus-Report spielte denn auch für den Prozeß keine Rolle und verschwand wieder in der Versenkung.

Erst 1983 stöberte die von dem Hamburger Zigaretten-Erben Jan Reemtsma finanzierte »Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik« das Dokument auf. Mikroverfilmte Kopien lagen in dem Münchner Institut für Zeitgeschichte und dem Koblenzer Bundesarchiv. Es fehlten zahlreiche Beweisstücke aus dem Anhang.

Ohne die 439 Beweisstücke - Protokolle, Aktennotizen, Briefe - aber ist der Report wertlos. Die fehlenden »Exhibits« lagen in Washington, wider alle Regeln der Archivierungskunst weit verstreut in den National Archives.

Die verschollenen Stücke aufzutreiben war eine höchst mühselige Arbeit, erinnert sich der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth, der die kleine Arbeitsgruppe leitete. Dann mußte ein zweiter Übersetzer her, der die erste Übersetzung seines Kollegen überprüfte - die Forscher wollten sich gegenüber dem mächtigen Institut keine Blöße geben.

Schließlich gingen auch noch die im Urheberrecht erfahrenen Juristen der Hamburger Kanzlei Senfft, Kersten & Schwenn das vorgelegte Werk Satz für Satz durch. Die Anwälte verlangten für jede Behauptung den Beleg. Lag beispielsweise ein Protokoll nur in der US-Fassung vor, forderten sie auch die deutsche Originalfassung an.

Die Hamburger Historiker mußten auf Drängen der Kanzlei immer wieder neue Dokumente auftreiben. »Die Juristen«, sagt Roth, »haben eine sehr hohe Meßlatte angelegt.«

Das sei auch richtig gewesen, meint Roth. Er rechnet damit, daß die Deutsche Bank den Omgus-Report sorgfältiger überprüfen wird als die Bilanzen ihrer Kreditnehmer. Schließlich droht vor allem ihr Ehrenvorsitzender Hermann Josef Abs ins Zwielicht zu geraten.

Abs kam im Januar 1938 in den Vorstand der Deutschen Bank. Er entwickelte sich schnell »zum hervorragendsten und tatkräftigsten Mitglied dieses Gremiums« und sei »der fähigste Verbindungsmann der Bank im Umgang mit der Reichsregierung« gewesen.

Die Deutsche Bank, nach der Fusion mit der Disconto-Gesellschaft das mit Abstand mächtigste Kreditinstitut im Deutschen Reich, war alljährlich bei der »Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft« dabei und spendete großzügig für den »Freundeskreis« des SS-Chefs Heinrich Himmler.

Die Bank verhalf dem NS-Regime über den Ankauf von Schatzanweisungen und Anleihen zu Geld. Sie beschaffte Mittel für die Aufrüstung und sprach schon 1934 von Investitionen, die »besonders wehrpolitische Bedeutung« haben. Am Raub jüdischen Vermögens, der »Arisierung«, verdiente die Deutsche Bank ebenfalls.

Zunächst schien damals vor allem die Dresdner Bank das Geschäft zu machen. Doch der große Konkurrent wollte nicht abseits stehen.

Ende 1938, so gab Erhard Schmidt, Direktor in der Berliner Zentrale, vor den Amerikanern zu Protokoll, habe der Vorstand der Deutschen Bank an die einzelnen Hauptfilialen geschrieben: »Als erstes wurde darauf hingewiesen, daß Arisierungen nunmehr recht häufig erfolgten, und dann wurde erklärt, daß die Dresdner Bank bei solchen Transaktionen wertvolle Profite erzielt habe. Aus demselben Grunde würde die Deutsche Bank in ihrem eigenen Interesse aus allen Gelegenheiten, die sich in dieser Hinsicht ergäben, Nutzen ziehen müssen.«

Es war ein risikoloses Geschäft. Juden wurden gezwungen, ihr Unternehmen zu einem Bruchteil des tatsächlichen Wertes zu verkaufen; den Käufern, häufig leitenden Angestellten, gab die Bank die erforderlichen Kredite. Die Bank verdiente zum einen an dem Darlehen, zum _(In den 30er Jahren. )

anderen gewann sie die arisierte Firma als neuen Kunden.

Um die Arisierungen kümmerte sich vor allem Vorstandsmitglied Karl Kimmich. In einer Aktennotiz vermerkte er am 25. Juli 1938, daß die Deutsche Bank »sehr viele Unternehmungen bereits mit Erfolg ''arisiert'' habe«. Allerdings dürfe sich die Bank selbst nicht zu stark exponieren, da sonst ihre ausländischen Kredite gefährdet seien.

Kimmich: »Es laufen jetzt täglich Mitteilungen ein, daß Objekte arisiert sind. In einigen Branchen läßt das Angebot wirklich guter Objekte stark nach.«

Ein wirklich gutes Objekt muß wohl die Lederfabrik Adler & Oppenheimer AG gewesen sein. Daran war die Deutsche Bank selbst interessiert. Da die Holding des Unternehmens in den Niederlanden lag, mußte Auslands-Chef Abs ran, der 1938 Aufsichtsratsvorsitzender bei Adler & Oppenheimer wurde. Ein Konsortium unter Führung der Deutschen Bank kaufte 75 Prozent der Aktien in drei Tranchen auf: im September 1938, im Mai 1940 und im August 1940. Ein Teil der Aktien wurde wenig später verkauft, die Deutsche Bank verdiente daran exakt 2 749 544 Reichsmark, damals sehr viel Geld.

Als sich Deutschland Österreich und das Sudetenland, später halb Europa einverleibte, boten sich auch für Bankiers neue Chancen. Gleichsam im Troß der Wehrmacht marschierten die Herren im dunklen Anzug.

Kaum war die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert, reiste Bankier Abs mit einer Schar seiner leitenden Angestellten nach Wien, um sich die Kontrolle über den Creditanstalt-Bankverein zu sichern. Einer Gesprächsnotiz zufolge kommentierte SS-Obergruppenführer Wilhelm Keppler, damals Reichskommissar in Wien, das energische Vorgehen des Bankiers mit dem markigen Satz: »DB will rauben, ist mit 20 Mann in Wien angekommen, um die CA zu übernehmen.«

Aus dem Bericht der Deutschen Bank für das Jahr 1938: »Das geschichtlich so denkwürdige Jahr 1938, das unserem Vaterlande mit der Heimkehr der Ostmark und des Sudetenlandes einen Zuwachs von über 10 Millionen Menschen und mehr als 110 000 Quadratkilometer Raum brachte, hat der deutschen Wirtschaft Aufgaben bisher nicht bekannten Umfangs gestellt.«

Die Aufgaben wurden bewältigt. Die Deutsche Bank, so der Untersuchungsbericht, diente »als institutionelle Speerspitze bei der wirtschaftlichen Durchdringung der annektierten, okkupierten und völlig abhängig gemachten Länder Europas«.

Nach Bildung des Protektorats Böhmen und Mähren übernahm die Deutsche Bank die Böhmische Union-Bank. Nach dem Überfall auf Polen entstanden Deutsche-Bank-Filialen in Gotenhafen, Bielitz, Teschen, Posen, Lodz und Krakau.

Ein Meisterstück lieferten Abs und seine Leute in Belgien. Nach der Besetzung der Benelux-Länder hatte das NS-Regime den Erz-Konkurrenten Deutsche und Dresdner Bank eine Aufteilung der Beute versprochen: Das niederländische Geschäft sollte an die Deutsche Bank fallen, das belgische an die Dresdner. Abs aber war sehr an der Banque de la Societe Generale de Belgique interessiert. Dieses Institut war nicht nur die bei weitem größte Bank Belgiens, sondern hatte auch beträchtlichen Besitz an Bankaktien in Frankreich, Jugoslawien und Rumänien.

Abs sprach bei Reichswirtschaftsminister Walter Funk vor. Er überzeugte ihn, daß die belgische Bank wohl besser seinem Institut anzuvertrauen sei.

Über den ungemein erfolgreichen Abs ärgerte sich die Dresdner Bank. Ihr Aufsichtsratsvorsitzender Carl Goetz schrieb an den Minister: _____« Bei der Rückkehr von meiner letzten Reise wurde mir » _____« von Ministerialdirigent Dr. Riehle mitgeteilt, daß Herr » _____« Abs in der Zwischenzeit bei Ihnen gewesen ist, um Ihnen » _____« die Verbindungen der Deutschen Bank zur Societe Generale » _____« de Belgique darzulegen und zu beweisen, daß seine » _____« persönlichen Verbindungen bzw. die der Deutschen Bank » _____« enger als die unsrigen seien. Er wollte eine Änderung » _____« Ihrer Entscheidung erreichen, nach der die Deutsche Bank » _____« bei Verhandlungen in Holland und wir bei Verhandlungen » _____« mit der Societe Generale in Belgien den Vorrang haben » _____« sollten, so daß die Deutsche Bank auch in Belgien » _____« bevorzugt werden sollte. »

Es half nichts. Die Dresdner Bank, die schon zuvor in Wien sich vergeblich um die Creditanstalt bemüht hatte, konnte sich auch in Brüssel nicht gegen die Deutsche Bank durchsetzen.

Dabei stand die Dresdner Bank den Nazis wesentlich freundlicher gegenüber als die Deutsche Bank. Abs selbst war nicht in der NSDAP, und er hatte wohl auch keinerlei Sympathie für die Braunen. Aber er war dem Regime unentbehrlich, auf sein Finanztalent war Verlaß. »Von dem Tage an«, so der Omgus-Report, »an dem Hermann J. Abs Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank und ihrer Auslandsabteilung wurde, widmete er der Ausweitung der deutschen Wirtschaftsherrschaft über Europa seine ganze Kraft.«

Das Talent des erfahrenen und erfolgreichen Bankiers wußten, gleich nach der Kapitulation, auch andere zu schätzen. Schon im Mai 1945 war Abs in Hamburg Finanzberater der Briten.

Nur 90 Tage war seine Karriere unterbrochen - als ihn 1946 die Amerikaner in Arrest nahmen. Als die Bundesrepublik geboren war, spielte Abs wieder eine führende Rolle in der deutschen Wirtschaft. Kanzler Konrad Adenauer bot ihm den Posten eines Außenministers an. Abs blieb Vorstandssprecher der Deutschen Bank.

Daß Abs und seine Bank die Retuschen an ihrer Geschichte widerspruchslos hinnehmen werden, ist wenig wahrscheinlich. Omgus-Verleger Franz Greno rechnet damit, daß die Deutsche Bank versuchen wird, die US-Dokumentation als fehlerhaftes Tendenzwerk abzustempeln.

Vor einem möglichen Prozeß allerdings ist Greno nicht bange: »Dann werden wir noch ganz andere Beweisstücke vorlegen, die in dem Buch nicht drin sind.« _(Mit dem Präsidenten des Bundesverbandes ) _(der Deutschen Industrie, Fritz Berg ) _((r.), auf Adenauers Geburtstags-Empfang ) _(1961. )

»OMGUS: Ermittlungen gegen die Deutsche Bank«. Herausgegeben vonHans Magnus Enzensberger. Greno Verlagsgesellschaft, Nördlingen; 544Seiten; 25 Mark.In den 30er Jahren, während eines Urlaubs in der Schweiz.In den 30er Jahren.Mit dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie,Fritz Berg (r.), auf Adenauers Geburtstags-Empfang 1961.

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