Deutsche Börse Clement ist verstimmt, Merz peilt Posten an

Nach dem Rauswurf des langjährigen Chefs Werner Seifert droht der Deutschen Börse eine Hängepartie: Eine offizielle Frist für das Ende der Nachfolgersuche gibt es nicht. Wirtschaftsminister Clement kritisiert das ruppige Vorgehen der Hedgefonds. Die könnten dem CDU-Mann Friedrich Merz in den Aufsichtsrat der Börse verhelfen.


Frankfurt am Main - Zwei Tage nach der Entmachtung Seiferts durch Kritiker um den britischen Hedgefonds TCI gibt es neue Spekulationen um die Neubesetzung einiger Aufsichtsratposten. Laut einem Bericht der "Wirtschaftswoche" ist der CDU-Politiker Friedrich Merz zwar nicht bereit, "zum jetzigen Zeitpunkt" den Vorsitz im Aufsichtsrat zu übernehmen. Merz wolle jedoch unter bestimmten Bedingungen stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Finanzexperte und Anwalt Merz: Ratschläge und Posten-Wünsche
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Voraussetzung dafür sei, dass der Aufsichtsrat der Börse sich effizienter organisiere und ein "Strategiekomitee" etabliere, in dem er mitarbeiten wolle, wurde der Politiker zitiert. Merz war von TCI als möglicher Aufsichtsratschef ins Gespräch gebracht worden. Über seine Anwaltskanzlei war Merz bereits im Auftrag von TCI tätig. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Nina Hauer warf ihm daher einen Interessenkonflikt vor. Merz' Engagement für TCI sei "fast verantwortungslos", schrieb sie in einer Mitteilung.

Merz war für eine Stellungnahme heute nicht zu erreichen. Laut "WiWo" kritisierte er aber, mit 21 Mitgliedern sei der Aufsichtsrat der Börse AG "viel zu groß". In jedem Fall müsse die künftige Strategie des Unternehmens "gründlich bedacht" werden. Dies sei bis zur Hauptversammlung am 25. Mai sicher "nicht möglich". Spekulationen über eine geplante Zerschlagung der Börse wies Merz zurück, im Gegenteil würden "neue europäische Kooperationsmöglichkeiten" geprüft, "etwa mit Euronext".

Börsenrat: Nur keine Experimente

Unterdessen äußerte sich der Vorsitzende des Börsenrates der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB), Lutz Raettig, besorgt über die Zukunft des Börsenbetreibers. "Ich sehe keinen Grund, ein erfolgreiches Geschäftsmodell in Frage zu stellen und gar auf eine Zerschlagung oder eine Konzentration auf bestimmte Geschäftsfelder hinzuwirken", zitierte die "Financial Times Deutschland" Raettig.

Er kritisierte die Forderungen der angelsächsischen Fonds nach hohen Dividendenzahlungen: "Es werden möglicherweise Fragen gestellt werden, die sich mit den Konsequenzen einer besonders weitreichenden Ausschüttungspolitik befassen", sagte Raettig, der neben seiner Funktion im Börsenrat Aufsichtsratschef der Deutschlandtochter der US-Investmentbank Morgan Stanley Chart zeigen ist. Die Funktionsfähigkeit der Marktplätze für Eigen- und Fremdkapital müsse sichergestellt sein. "Mit dem Gut öffentlicher Interessen muss man sorgsam umgehen", wurde Raettig zitiert.

Unterdessen berichtete das "Handelsblatt", die Vier-Länder-Börse Euronext wolle von einer möglichen Fusion mit der Deutschen Börse nichts wissen. Euronext konzentriere sich weiter auf ein Zusammengehen mit der Londoner Börse LSE, habe es im Umfeld des Unternehmens geheißen.

Der Partner beim britischen Hedgefonds TCI, Patrick Degorce, hatte in Interviews für einen Zusammenschluss der Deutschen Börse mit Euronext plädiert. "Das wäre phantastisch. Vom Geschäftsmodell her würden beide zusammenpassen. Es wäre sinnvoller als eine teure Übernahme der LSE", war Degorce vom "Handelsblatt" zitiert worden.

Clement: Fonds sollen nicht übermütig werden

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hat sich besorgt über den Einfluss von Hedgefonds geäußert. "Hier zeigt sich, dass wir das Wirken von Hedgefonds in Deutschland und Europa und weltweit sehr sorgfältig unter die Lupe nehmen müssen", sagte er in Berlin. Die jüngsten Vorgänge bei der Deutschen Börse veranlassten zum Nachdenken. Der Standort Frankfurt sei für den deutschen Kapitalmarkt außerordentlich wichtig und müsse erhalten werden.

Seifert und sein Aufsichtsratsvorsitzender Rolf Breuer hatten am Montag den wochenlangen Machtkampf mit dem britischen Hedgefonds TCI verloren, der rund acht Prozent an der Deutschen Börse AG hält. Breuer soll sein Amt noch bis zum Jahresende behalten dürfen und in der Zwischenzeit einen Nachfolger für Seifert finden. Aus dem Umfeld der Börse heißt es laut Nachrichtenagentur dpa, es gebe keine Frist für ein Ende der Suche - die Börse müsse sich auf eine Hängepartie einstellen. Breuer hatte indes angekündigt, "noch vor Jahresende die notwendigen personellen Weichen" zu stellen. Bis ein Nachfolger Seiferts gewählt ist, koordiniert Finanzvorstand Mathias Hlubek die Arbeit des Vorstands.

TCI drängt seit längerer Zeit darauf, dass die hoch profitable Börse AG ihre umfangreichen Barmittel an die Anteilseigner ausschüttet und nicht vor Zukäufe verwendet. Vor diesem Hintergrund hatte die Fondsgesellschaft im März die Übernahme der Londoner Börse LSE verhindert. Hedgefonds investieren vorwiegend am Terminmarkt in Optionen und Futures und unterliegen nicht dem deutschen Investmentgesetz.



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