Deutsche Exil-Ärzte Zack-zack-Teutonen kurieren die Schweiz

Hohe Gehälter, beste Bedingungen: Deutsche Ärzte wandern in Scharen in die Schweiz aus. In mancher Kantonsklinik stammt schon jeder zweite Mediziner aus Deutschland. Doch nicht überall werden die ehrgeizigen Einwanderer mit Liebe begrüßt.
Von Michael Soukup

Luzern - Es gibt Orte in der Schweiz, da wähnt man sich in Deutschland. Zum Beispiel unterhalb des Bettenhochhauses des Kantonsspitals Luzern. In einer Waldstrasse stehen Dutzende Autos mit deutschem Kennzeichen aneinandergereiht. Sie gehören deutschen Ärzten und Krankenschwestern, die in einem der größten Krankenhäuser der Schweiz arbeiten. Jeder vierte Arzt hier ist Deutscher.

Noch größer ist der Anteil in den ländlichen Nachbarorten: In den kantonalen Krankenhäusern in Ob- und Nidwalden stammt sogar jeder zweite Arzt aus Deutschland. In der Gesamt-Schweiz sind mehr als zehn Prozent der rund 28.000 aktiven Ärzte Deutsche – eine Verdreifachung seit 2004.

"Ohne die deutschen Kolleginnen und Kollegen könnten wir den Betrieb der Spitäler gar nicht aufrechterhalten", sagt Peter Studer, Präsident des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte. Die deutschen Ärzte fehlen freilich in ihrer Heimat. "In den neuen Bundesländern werden Ärzte händeringend gesucht", sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

"Man spürt, dass die Schweizer zufriedener sind"

Als Lockmittel für die Auswanderer wirken: der attraktive Lohn und die oft besseren Arbeitsbedingungen in der Schweiz. "So schön Dresden und Leipzig sind, die schlechte Bezahlung und der akute Personalmangel in den Krankenhäusern sprechen gegen einen Job dort", sagt Henning Fischer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der 33-Jährige aus dem Ostharz ist Assistenzarzt in der allgemeinen Chirurgie des Kantonsspitals Luzern. Von den 23 Ärzten dort stammt die Hälfte aus Deutschland.

"Während in deutschen Krankenhäusern auf einen Arzt 20 bis 25 Patienten kommen, sind es in der Schweiz bloß zehn bis zwölf", sagt Fischer. Auch die Entlohnung ist besser: In der Schweiz verdienen Assistenzärzte monatlich bis zu 4700 Euro, in Deutschland höchstens 2500 Euro.

Geld allein macht natürlich nicht glücklich - nicht zuletzt, weil die Lebenshaltungskosten in der Schweiz höher sind. "Die Menschen sind hierzulande aber viel freundlicher", sagt eine 35-jährige Medizinerin aus Mecklenburg. "Man spürt im Berufsalltag, dass die Schweizer zufriedener sind mit ihrem Leben als die Deutschen." Die Assistenzärztin arbeitet ebenfalls im Luzerner Spital. In ihrer Abteilung gibt es mehr Deutsche als Einheimische.

Auch das Fehlen eines ausgeprägten Hierarchiedenkens macht die Arbeit angenehmer. "Spitalabteilungen werden nicht wie militärische Einheiten geführt, wo Leute angeschrieen und fertiggemacht werden", stellt Caroline Thyes fest. Sie arbeitet als Assistenzärztin für Innere Medizin in einem Krankenhaus in der französischsprachigen Schweiz. Statt sich wie in Deutschland zu siezen, duzt man sich in der Schweiz über die Hierarchien hinweg.

"Gopferdammi, müssen uns eigentlich die Deutschen die besten Jobs wegnehmen?"

Bei den Schweizer Ärzten herrscht zwar Vollbeschäftigung – eben deshalb werden ja Personallücken durch ausländische Mediziner gestopft. Trotzdem blicken einige mit Neid und Ärger auf die deutschen Kollegen. "Ich finde jeden einzelnen nett, aber manchmal denken wir Schweizer: 'Ja, Gopferdammi, müssen uns eigentlich die Deutschen die besten Jobs wegnehmen?'", fragt sich besorgt ein Oberarzt aus einem Kantonsspital in der Zentralschweiz.

Den Stimmungswandel veranschaulichen die Schlagzeilen in den Zeitungen. Hieß es vor drei Jahren noch "Die Deutschen kommen - na und?" oder "Sie sind die kulturelle Rettung der Schweiz", titelte die Schweizer Presse in den vergangenen Monaten "Deutsche schnappen Schweizern die Arztpraxen weg", "Deutsche Ärzte fliehen in die Schweiz" oder "Deutsche Ärzte stehen Schlange".

Für große Aufregung sorgte zuletzt eine Aussage von Markus Dürr, Gesundheitsdirektor des Kantons Luzern und Präsident der Schweizer Gesundheitsdirektorenkonferenz: "Viele deutsche Assistenzärzte haben mehr Biss als ihre Schweizer Kollegen. Sie sind bereit, auch Wochenend- und Bereitschaftsdienste zu übernehmen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil."

Vorurteile gegen vermeintlich verweichlichte Schweizer halten sich seit Jahren. Im Frühling 2005 schrieb die "Weltwoche": "Wie wählerisch Schweizer sind, zeigt sich in der Medizin. Von Karrierefächern wie Herzchirurgie und Neurologie lassen sie die Finger." Und Professor Hans-Reinhard Zerkowski, Leiter der Herzchirurgie am Spital Basel und eingewanderter Deutscher, ergänzte: "Die jungen Leute überlegen sich heute: Wie bringe ich den Beruf mit einer Familie in Einklang, wie kann ich mal eine Praxis eröffnen." Da falle die Entscheidung nicht zugunsten einer Chirurgenkarriere aus.

"Mit unserer Direktheit kommen wir nicht weit"

Jacques de Haller, Präsident des Verbandes der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), schränkt ein: "Viele deutsche Ärzte betrachten ihren Aufenthalt in der Schweiz als Weiterbildung. Da wird Tag und Nacht gearbeitet." Genauso verhielten sich Schweizer Ärzte, die für ein, zwei Jahre in die USA gehen.

Bei allem gegenseitigen Wohlwollen lassen sich die Mentalitätsunterschiede nicht leugnen. "Sie haben dieses deutsche Auftreten: Zack, zack", meint ein Assistenzarzt aus der Ostschweiz schmunzelnd. Die Deutschen gelten als selbstbewusst, redegewandt, direkt, durchsetzungsfähig und laut. "Mit unserer berühmt-berüchtigten Direktheit kommt man in der Schweiz nicht weit", sagt Henning Fischer, der seit mehr als sechs Jahren in der Schweiz lebt. Umgekehrt ärgert sich seine deutsche Arbeitskollegin: "Die Schweizer sagen nie, was sie denken. Geschimpft wird meist hinter dem Rücken."

Klartext spricht immerhin Jacques de Haller: "Wir müssten etwa 20 Prozent mehr Medizinstudenten ausbilden, doch ob die Kantone die entsprechenden Mehrkosten an den Unis und Spitälern zu tragen bereit sind, ist fraglich." Auch dieses Jahr gibt es im Fach Medizin in der Schweiz mindestens dreimal mehr Anwärter als Plätze. Mit jedem aus dem Ausland importierten Arzt spart die Schweiz rund eine Million Franken Ausbildungskosten.